Hurricane Festival 2012 mit In Golden Tears, Eastern Conference Champions, Kakkmaddafakka, Florence & The Machine, Noel Gallagher´s High Flying Birds, Mumford & Sons und Garbage / Tag 2

Hurricane Festival 2012 Logo

Das Wetter am Samstagmorgen beginnt wechselhaft, viel Wind, mal Sonne, mal ein bisschen Regen, zeitweise schieben sich dunkle Wolkenfelder über den Himmel des Festivalgeländes. Alles das wäre ja gar nicht so schlimm, wenn…ja wenn da nicht die kilometerlangen Warteschlangen vor den Toiletten auf dem Womo-Platz wären. Bei allem Lob an das Hurricane-Team muss man an dieser Stelle einfach mal sagen, das ist ein echtes „No Go“ liebe Organisatoren. Wer so bestrebt ist die Natur rund um das Festival zu schützen, ist irgendwie auch verpflichtet, das Grundbedürfnis des Menschen ausreichend zu bedenken. Ich hoffe wirklich, dass das im nächsten Jahr deutlich verbessert werden wird.

Hurricane Festival Bühne Bernd Zahn
Quelle Foto: FKP Scorpio Presse © Bernd Zahn

Mein Zeitplan gerät durch diese furchtbar quälende halbe Stunde Wartezeit vollkommen durcheinander, da ich bereits zum Eröffnungsgig der aufstrebenden Hamburger Indie-Band In Golden Tears (12:00 Uhr Red Stage) auf dem Festivalgelände sein möchte. Schon auf dem Dockville Festival 2011 war mir das talentierte Quintett um Frontmann Patrick H. Kowalewski mit ihren atmosphärischen Hymnen positiv aufgefallen. Im Mai bespielten sie noch das kleine Turmzimmer im Uebel & Gefährlich, heute stehen sie schon auf der drittgrößten Bühne des Hurricane Festivals. Zwar haben es die großen Massen nicht zu dem so früh angesetzten Slot geschafft, zwölf Uhr ist tatsächlich eine echte Herausforderung, aber der Bereich bis zur Absperrung ist trotzdem richtig gut gefüllt. In dezent schwarzem Outfit lassen sie ihre Musik für sich sprechen, schon der Opener „Hollows“ wirkt voluminös und episch, ihre Musik scheint regelrecht prädestiniert für große Bühnen zu sein, finden wohl auch die bereits mitwippenden Zuhörer und applaudieren enthusiastisch, während erste Seifenblasen über die Zuschauer fliegen. Immer wieder wird zu den gewaltig angelegten Melodien mit dramatischen Piano- und Synthieklängen, dem melancholisch-klaren Gesang und dem stets präsenten Schlagzeug kräftig mit geklatscht und gejubelt, später dann sogar mitgesungen. Die Highlights in ihrem leider viel zu kurzen Set sind ihre erste und ihre brandaktuelle Single „Urban Emotions“ und „Underneath The Balance“, mit der sie pures Gänsehautfeeling aufkommen lassen. Für diesen Auftritt geht von meiner Seite ein richtig großes Kompliment an die jungen Hamburger Musiker!

Das erste Konzert des Samstags war also schon mal Spitzenklasse und auch das Wetter wird immer besser. Die Atmosphäre lädt heute dazu ein, sich einfach über das Festivalgelände treiben zu lassen, um das Geschehen zu beobachten und hier und da mal ein paar Songs an den Bühnen aufzuschnappen. Rechtzeitig finde ich mich daraufhin an der White Stage ein, um mir die wundervolle US-Band Eastern Conference Champions (14:30 Uhr White Stage) anzuhören, deren Song „Hurricane“ letztes Jahr in den Pausen an der Red Stage vom Band lief. Ihr zweites Album „Speak-Ahh“ brachten sie bereits vor einem Jahr heraus und sind seitdem permanent auf Tour. Das Indie-Rock Trio bestehend aus Frontmann Joshua Ostrander, Melissa Dougherty und Greg Lyons hat sich mittlerweile um John Tukker am Bass erweitert, was definitiv ihrem Sound zugute kommt. Die White Stage ist um diese Uhrzeit nicht einmal komplett gefüllt, was der positiven Grundstimmung des Publikums aber keinen Abbruch tut. Sie eröffnen ihr Set zunächst mit dem gut tanzbaren „Bull In The Wild“, um dann mit dem etwas düsteren „How Long“ fortzufahren. Ihre Performance ist wieder mal großartig, vor allem wie aktiv Melissa an der Gitarre mitgeht und auch immer wieder an der Floor Tom den satten Sound der Drums unterstützt. Bei „Hurricane“ animiert Ostrander das Publikum, das jetzt endlich fleißig mitgeklatscht. „Attica“ und ihr Song „A Million Miles An Hour“ aus dem Twilight Soundtrack bilden den atmosphärischen Höhepunkt ihres halbstündigen Sets, sowie der großartige Drum-Part, bei dem die gesamte Band auf das Schlagzeug eindrischt und welcher mit begeistertem Applaus und Jubelrufen von ihren Fans honoriert wird. ECC hat nach diesem nahezu perfekten Auftritt sicher so einige Fans hinzugewinnen können.

Heute geht es mit den Konzerten Schlag auf Schlag, also begebe ich mich direkt zur Blue Stage, wo die allseits beliebte norwegische Combo von Kakkmaddafakka (16:00 Uhr Blue Stage) ihren leider mit Tonausfällen durchzogen Auftritt absolviert. Die Stimmung im Publikum ist trotz der immer wiederkehrenden Aussetzer prima, so wird in den hinteren Reihen fröhlich „Mein Hut der hat 3 Ecken“ im Chor gesungen, und auch die Band tanzt und hüpft in gewohnter Aerobic-Manier über die Bühne, ohne sich etwas anmerken zu lassen. Die lustigen Indie-Popper bringen die versammelte Fan-Base zum Tanzen und Singen, vor allem zu den locker-luftigen Gitarrenklängen ihrer Top-Hits wie „Your Girl“ und „Restless“ verbreiten Kakkmaddafakka einfach nur gute Laune, wobei die Fans all ihren Wortspielen lautstark folgen. Sie zeigen uns wieder einmal eine frische, sportliche Performance, die leider zeitweise nur in den vorderen Reihen zu hören ist.

Kakkmaddafakka Live Hurricane 2012 Malte Schmidt
Quelle Foto: FKP Scorpio Presse © Malte Schmidt

Gleich nebenan spielen bereits die kreativen Musiker aus Oklahoma Other Lives (16:45 Uhr Red Stage). Die 2004 gegründete Band um Sänger Jesse Tabish hat unter diesem Namen erst 2011 ihr zweites Album „Tamer Animals“ herausgebracht. Für manch einen mag ihr Sound etwas schwermütig oder melodramatisch wirken, wie z.B. in „Desert“ oder in dem wundervoll atmosphärischen „Tamer Animals“, jedoch bietet die fünfköpfige US-Band eine durchweg spannungsreiche Komposition aus mehrstimmigen Gesängen, akustischen Streichinstrumenten, Mundharmonika, Piano, Trompeten, Schellen, Xylophonen, Rasseln, Glocken, Synthies und Drums, welche die Zuhörer regelrecht fesselt und den ein oder anderen in Trance-Stimmung versetzt. Auch zu den etwas ruhigeren, experimentellen Klängen tanzt das Publikum hier mit, welches sich im übrigen gänzlich von den jungen Feierwütigen an der Blue Stage unterscheidet. Das dankbare Publikum verabschiedet die eher schüchtern wirkende Band und ihr reichhaltiges musikalisches Gesamtkunstwerk mit reichlich Applaus und Sonnenschein.

hurricane Festival 2012 Other Lives Zahni
Quelle Foto: FKP Scorpio Presse © Bernd Zahn

Um bei Oasis-Legende Noel Gallagher ganz vorne mit dabei zu sein, muss man in den sauren Apfel beißen und sich schon frühzeitig, nämlich während des Auftritt der sagenumwobenen Florence Welch von Florence & The Machine (19:00 Uhr Blue Stage), in die Schlange für die erste Welle sitzend einreihen. Seit dem Erfolg ihres Albumdebüts „Lungs“ 2009 ist sie von den Festivalbühnen nicht mehr wegzudenken, denn der Sound ihrer Musik entfaltet sich erst auf großen Bühnen zu wahrer Größe. Von Beginn an schwebt und tänzelt sie mit ihrem flatterndem Kleid von einem Ende der Bühne zum anderen, mit ausgebreiteten Armen und einer ordentlichen Portion Theatralik, was die Publikumsmassen an der Blue Stage in wahre Euphorie versetzt. Schon zu „What The Water Gave Me“ tobt und tanzt die Menge mit hoch gestreckten Armen zu Florence prägnanter Stimme, dem preschenden Schlagzeug und den gekonnt eingestreuten Harfenmelodien, und singt in den Refrains im Chor mit. Mit ihrer leicht entrückten aber durchaus liebevollen Art und einem schrägen Lachen fordert sie bei „Rabbit Heart“ die Fans auf, möglichst viele Leute auf die Schultern zu nehmen, auch in den folgenden Songs setzt die sympathische Florence auf die direkte Kommunikation mit dem Publikum. So richtig abgefeiert wird dann zu „Cosmic Love“ und natürlich zu „Shake It Out“, ihr fulminantes Set beendet sie schließlich mit „No Light, No Light“ vom aktuellen Album „Ceremonials“ unter lauten Jubel- und Zugabe-Rufen. Ein bisschen verrückt ist sie ja schon diese Florence, aber live einfach unverwechselbar großartig.

Florence & The Machine Hurricane 2012 Live Malte Schmidt
Quelle Foto: FKP Scorpio Presse © Malte Schmidt

Die vorzeitige Ansteherei hat sich in der Tat gelohnt, zügig wird die nachrückende Festivalmenge relativ drängelfrei in den abgesperrten Bereich durchgelassen. Mit Spannung wird hier die Performance von Noel Gallagher´s High Flying Birds (20:45 Uhr Blue Stage) erwartet. Auch ich bin voller Erwartung, ob Noel in der heutigen Bandkonstellation noch die alten Oasis-Fans begeistern kann, spielte er doch seine Tour in 2011 ausschließlich in ausverkauften Hallen. Im Oktober letzten Jahres veröffentlichte Noel sein erstes selbstbetiteltes Solo-Studioalbum seit der Oasis-Trennung 2009 und schnellte mit seinem stilistisch stark an Oasis angelehnten Britpop/Alternative direkt auf Platz eins der UK-Charts. Zunächst startet er sein Set mit dem Oasis-Song „To Be Free“, anschließend konzentriert er sich hauptsächlich auf seine eigenen Songs wie das gesanglich starke „Everybody´s On The Run“, den wunderschönen ruhigen Song „Record Machine“, das rhythmisch unbeschwerlich wirkende „The Death of You and Me“ und natürlich seinen fantastischen Erfolgssong „If I Had A Gun“ mit Pianobegleitung. Das Gelände ist absolut proppenvoll, seine Fans feiern Noel Gallagher frenetisch mit zur Bühne gestreckten Armen und singen stets textsicher mit. Seinen wirklich starken Auftritt beendet er mit dem von ihm geschriebenen Oasis-Klassiker „Don´t Look Back In Anger“, zu dem kollektiv alle mitsingen und in große Oasis-Nostalgie verfallen. Abschließend muss man sagen, dass ihm diese Solo-Rolle perfekt steht und an Qualität und Coolness kaum zu übertreffen ist. Die Performance eines durchweg sympathisch auftretenden, kommunikativen und präsenten Noel Gallaghers ist definitiv ein weiteres Highlight an diesem Festivalsamstag.

Mit einem freundlichen „Guten Tag“ begrüßt uns Marcus Mumford, Frontmann der 2007 gegründeten Folk-Rock Band Mumford & Sons (20:45 Uhr Blue Stage), der wegen seiner gebrochenen Hand eigens einen zusätzlichen Gitarristen als Ersatz mitgebracht hat. Nach einem ruhigen Einstieg in ihr Set müssen wir gar nicht lange auf den von allen heiß ersehnten Chartstürmer „Little Lion Man“ von ihrem Debütalbum „Sigh No More“ 2009 warten, die Menge kann sich zu den treibenden Folk-Rhythmen gar nicht mehr halten, sie tobt und klatscht voller Enthusiasmus zu den großartig vielfältigen, vorwiegend akustischen Arrangements der heute zehnköpfigen Band. Die Variabilität ihres Sounds durch die Vielzahl an Instrumenten wie Klavier, Cello, Banjo, Pauke, Blasinstrumente etc. zieht den Zuhörer komplett in ihren Bann. Außerdem haben sie noch drei Bläser und zwei Streicher mit auf der Bühne, welche ihre Darbietung wirklich hochklassig macht. Die Spannung zwischen ruhigen und explosiven Parts verleiht dem ganzen Set eine Art Dramaturgie, der sich keiner der Festivalbesucher hier entziehen kann. Manchmal möchte man fast weinen, wie zu dem melancholischen „Winter Winds“, „White Blank Page“ oder dem A Capella Stück „Timshel“, wobei ihre sanften Songs aber in ihrer Harmonie stets auch kraftvolle und faszinierende Momente haben, in denen vor allem die tiefen Bässe und kräftigen Drums ordentlich Spannung erzeugen. Nach einer sehr lustigen „Heute ist (nicht) Teds Geburtstag“ -Geschichte feiert und springt das gesamte Publikum abschließend euphorisch zu „The Cave“ und honoriert diesen großartigen Auftritt von Mumford & Sons mit nicht enden wollenden Applausstürmen. Neben fast allen Songs aus ihrem Debütalbum präsentieren sie uns auch den ein oder anderen neuen Titel des im September erscheinenden zweiten Studioalbums. Für viele ist ihr Auftritt sicherlich eines der besten Konzerte auf dem gesamten Festival, auch ich bin zutiefst beeindruckt und verlasse zusammen mit tausenden von Fans gegen Mitternacht voller Glücksgefühle die Blue Stage.

Mumford & Sons Hurricane Festival 2012 Malte Schmidt
Quelle Foto: FKP Scorpio Presse © Malte Schmidt

Während ich mich auf den Weg in den Pressebereich mache, um eine kurze Pause einzulegen, bricht auf der Green Stage ein wahres Blitzlicht-Stroboskopgewitter bei Blink 182 aus. Jedoch kann ich nach diesen melodisch wertvollen Perlen davon irgendwie nichts mehr aufnehmen. Wie es der Zufall so will lande ich letztendlich doch noch bei dem letzten Konzert des Tages vonGarbage (01:00 Uhr Red Stage). Nach einer etwas längeren künstlerischen Pause ist die US-Alternative/Grunge Band um die schottische Sängerin Shirley Manson mit ihrem im Mai erschienenen Album „Not Your Kind of People“ weltweit auf die Festivalbühnen zurückgekehrt. An der Red Stage ist es krachend voll, die Publikumsmassen werden von der stark elektronisch angehauchten, durchweg tanzbar-rockigen Performance komplett mitgerissen. Alle sind hier am Springen, Klatschen und Jubeln, vor allem bei dem Garbage-Klassiker „Only Happy When It Rains“ oder auch bei „Automatic Systematic Habit“.

Garbage Hurricane Festival 2012 Jochen Melchior
Quelle Foto: FKP Scorpio Presse © Jochen Melchior

Ich für meinen Teil habe jedoch nach dieser Vielzahl an unglaublich guten Konzerten mittlerweile meine Aufnahmekapazität erreicht und verlasse vorzeitig das Festivalgelände, um auch am letzten Festivaltag noch mein geplantes Konzertprogramm durchziehen zu können. Heute geht ein wirklich spektakulärer Tag zu Ende, an dem sogar das Wetter mitgespielt hat. Rundum glücklich aber irgendwie total erledigt von dieser Masse an musikalischem Input versinke ich schließlich in meinem provisorischen Festivalbett.

Fortsetzung Tag 3 folgt…