Hurricane Festival 2012 mit Bombay Bicycle Club, Royal Republic, Bosse, Ed Sheeran, The XX, The Cure und The Stone Roses / Tag 1

Hurricane Festival 2012 Logo

Vorfreude ist ja bekanntlich die größte Freude, endlich ist es nun soweit, das Hurricane Festival am Eichenring in Scheeßel geht in die sechzehnte Runde! Das zweitgrößte Rock-Open-Air Spektakel Deutschlands mit seinem Zwillingsfestival Southside war aufgrund des sagenhaften Line Ups dieses Jahr bereits Anfang Mai komplett ausverkauft. Wer es sich leisten konnte erwarb noch eins der verfügbaren VIP-Tickets, jedoch waren diese mit 299 Euro für drei Tage so gut wie unerschwinglich, so dass leider viele den unzähligen Ticketbetrügern zum Opfer fielen. Zunächst sorgte die erstmalige Einführung der Eccos-Chip-Bändchen und die im Folgenden nicht fehlerfrei verlaufende Aktivierung und Zusendung für große Unsicherheit. Der Veranstalter musste schließlich wegen technisch nicht einwandfreier Funktionstüchtigkeit sogar kurzerhand das ganze Chip-Vorhaben doch noch canceln, was zu weiterer Verwirrung führte. Hoffen wir mal, dass all diese Unwegsamkeiten bis zum nächsten Jahr dann ausgeräumt werden können.

Hurricane Festival 2012 Portal Bernd Zahn
Quelle Foto: FKP Scorpio Presse © Bernd Zahn

Jedoch sind all diese Sorgen bei herrlichstem Sommerwetter am Donnerstag so gut wie vergessen, die PKW- und Womo-Karavanen machen sich auf den Weg nach Niedersachsen, um wieder einmal in das kleine Örtchen Scheeßel einzufallen und für drei Tage in den Ausnahmezustand zu versetzen. Die gut informierten Donnerstagsanreiser kommen abends in den Genuss des Überraschungsgigs von Madsen auf dem Campinggelände, die erst am Samstag ihr reguläres Set spielen, und feiern im Anschluss noch bis zum Morgengrauen im Motorbooty-Zelt. Auch in diesem Jahr haben die Veranstalter für alle Fußballfreunde einen Public Viewing Bereich zur EM-Fußballübertragung aufgebaut, bezüglich des anstehenden Viertelfinales mit deutscher Beteiligung muss also keiner zu Hause bleiben. Neben den neuen RFID-Bändchen wird die Red Stage dieses Jahr erstmalig zu einer vollwertigen Open-Air Bühne und das Zelt der White Stage wesentlich größer, um den Festivalmassen diesmal gerecht zu werden. Leider sagten The Vaccines schon wieder ihren Hurricane Auftritt ab, weil sie schon letztes Jahr unerwartet nicht auf der Bühne erschienen ist dies natürlich doppelt enttäuschend. Des Weiteren sagten The Inspector Cluzo und City and Color kurzfristig ab.

Der erste Festivaltag startet ebenfalls mit traumhaftem Wetter, die Stimmung auf den Camping- bzw. Womo-Plätzen ist ausgelassen, es wird gegrillt und betriebsam Flunkyball gespielt, da die Konzerte erst am Nachmittag beginnen. Alle scheinen sich nicht nur gut auf das Festival an sich, sondern auch auf das Viertelfinalspiel Deutschlands vorbereitet zu haben, denn überall sieht man grüne und weiße Trikots sowie unzählige Deutschlandflaggen auf dem Gelände. Der Empfang erfolgt dieses Jahr über den neugestalteten Eingang zum Gelände, über dem ein imposanter Hurricane-Schriftzug thront, welcher mit seiner Krone etwas an die besagte Kaffeemarke erinnert. Trotz der auf das Gelände strömenden Menschenmassen erfolgt der Einlass zügig und stressfrei.

Mein erster Weg führt mich unmittelbar zur Greenstage, wo das Londoner Quartett Bombay Bicycle Club (15:50 Uhr Green Stage) gut gelaunt ihre perfekt zum Sonnenschein passenden Indie-Pop-Perlen präsentiert. Für ihren Auftritt beim Hurricane Festival hat sich die junge Band Verstärkung auf die Bühne geholt u.a. auch Singer-Songwriterin Lucy Rose, die bereits an ihrem Album „Flaw“ mitgewirkt hatte und schon 2011 mit auf der Bühne stand. Die leichten, beschwinglichen Gitarren und der sanfte Gesang von Frontmann Jack Steadman lassen die Fans bei „Ivy & Gold“, aber auch bei den rockigeren Nummern aus früheren Alben wie „Morning/Evening“ schon ordentlich mittanzen. Mit einer abwechslungsreichen Mischung aus Indie Rock, Folk und teils auch elektronischen Parts spielen sie ein durchweg fröhliches Set und liefern eine schöne musikalische Mischung aus ihren drei bisher erschienenen Alben. Sie verabschieden sich von dem „amazing“-Publikum mit dem Song „Shuffle“ aus ihrem aktuellen Album „A Different Kind of Fix“, zu dem noch mal so richtig mitgesprungen, geklatscht und gefeiert wird. Hoffen wir mal, dass sie im Rhythmus „Jedes Jahr ein Album“ weitermachen und uns schon bald mit einer weiteren innovativen Platte überraschen.

Bombay Bycicle Club Live Hurricane Festival 2012 Jochen Melchior
Quelle Foto: FKP Scorpio Presse © Jochen Melchior

Im Anschluss geht es bei Royal Republic (16:50 Uhr Green Stage) nach einem royal anmutenden Orchester-Intro dann standesgemäß etwas rockiger zur Sache. Adam Grahn und seine schwedischen Jungs rocken die Green Stage einmal richtig durch, so wie sich das für ein richtiges Rockfestival gehört. Die vier Schweden werden am 24.August ihr zweites Album „Save The Nation“ veröffentlichen und zeigen uns jetzt schon, was in ihm als auch in ihnen steckt. Auf der Bühne wird so richtig Gas gegeben, ihr energiegeladener Auftritt mit deftig lautem Rocksound reißt die gesamte Zuschauermenge komplett mit. Spätestens zum zweiten Song „All Because Of You“ bebt bereits das ganze Publikum an der Green Stage. Treibende Drums, scheppernde Schlagzeugbecken, fetzige Rockgitarren und dazu die ausgeprägte Rockstimme Grahns bestimmen den Sound in „Cry Baby Cry“ oder auch ihrer ersten Singleauskopplung „Addictive“ des angekündigten Albums. Der Höhepunkt wird schließlich bei „Full Steam Spacemachine“ erreicht, wo Frontmann Adam das Versprechen vom Publikum fordert, so hoch zu springen wie möglich. Die Fans machen sofort mit, diverse Circle Pits bilden sich und Drummer Per Andreasson peitscht die Becken dazu im Stehen, laut krachend und explosiv beendet Royal Republic das Set absolut headlinerwürdig mit „Tommy-Gun“ und einer über der Green Stage verbleibenden Staubwolke.

Mittlerweile ist das Festivalgeschehen in vollem Gange, dichtes Gedränge herrscht auf dem Gelände, jedoch bei wirklich entspannter Atmosphäre. Hier und da werden die Besucher mit den lustigen „Walking-Acts“ unterhalten, die einem aber kaum mehr in den ganzen Menschenmassen auffallen. Mein Musikprogramm ist heute stiltechnisch stark durchmischt, so begebe ich mich jetzt zu dem sympathischen live-Unterhalter Axel Bosse (17:30 Uhr Blue Stage), der schon am Mittwoch Abend ein restlos ausverkauftes Warm-Up Konzert im Hamburger Knust spielte. Mit dem Opener „Metropole“ beginnt das Publikum direkt textsicher mitzusingen, auch bei „3 Millionen“ kennt jeder hier an der Blue Stage mindestens den Refrain, unglaublich treue Fans hat sich Bosse da mit seinen unzähligen Live-Performances erspielt. Nachdem Axel noch mal ausdrücklich den Wettergott lobt, spielt er als Lobeshymne auf das großartige Wetter dann auch gleich „Der Sommer ist noch lang“. Mit seiner freundschaftlichen Art hat er sofort alle Zuhörer auf seiner Seite und sicherlich hunderte neuer Fans im Gepäck. Auch zu „Weit Weg“ springt, klatscht, tanzt fast jeder im Publikum, so wird auch dieser Gig wieder ein großartig stimmungsvolles Konzert, so wie wir es von Bosse kennen. Er performt all unsere Liebling-Hits quer durch seine vier bisher erschienenen Alben von „Taxi“ bis „Wartesaal“ und spielt sich damit wieder einmal in die Herzen seiner unzähligen Fans.

Axel Bosse LIve Hurricane Festival 2012 Malte Schmidt
Quelle Foto: FKP Scorpio Presse © Malte Schmidt

Sehr gespannt bin ich im Folgenden auf den Newcomer Ed Sheeran (19:15 Uhr White Stage).Der äußerst musikalische junge Brite schrieb schon mit 11 Jahren seine ersten eigenen Songs und spielte 2011 ausschließlich ausverkaufte Konzerte in Deutschland. Dementsprechend ist es schon eine halbe Stunde vor Beginn im Zelt brechend voll, erste Rufchöre und munteres Gekreische, vor allem der englischen Festivalbesucher, erinnern stark an ein Boygroup-Konzert. Der Enthusiasmus der vorwiegend jungen Fans kennt keine Grenzen mehr, als der talentierte Rotschopf die Bühne betritt. Schon im Opener „Give me Love“ zelebriert Ed Sheeran sein ganzes Repertoire an Möglichkeiten, das Zusammenspiel der kraftvoll angeschlagenen akustischen Rhythmusgitarre und seiner ausdrucksstarken aber auch mal sanften Stimme in Kombination mit diversen geloopten Sequenzen, und lässt die gesamte White Stage in wahre Euphorie verfallen. Überrascht bin ich von seiner tollen Bühnenpräsenz, wie er seine Fans im Griff hat, sie zum Mitsingen und Klatschen animiert und es in jedem seiner Songs schafft die Menge zum Ausflippen zu bringen. Zu „Lego House“ sowie zu seinem Erfolgshit „A-Team“ wird kollektiv fehlerfrei mitgesungen. Nicht ohne Grund hat der Youngster bei den BRIT Awards 2012 ordentlich abgeräumt, auch mich hat er heute mit seiner Power und seiner vielseitigen Performance von seinem Talent überzeugt.

Wieder zieht es mich zurück zur Green Stage, wo The XX (20:45 Uhr Green Stage) stilistisch passend vor The Cure ihr Set spielen. Ja, heute hat es das zurückhaltende britische Trio wirklich nicht leicht, und die Sportfreunde Stiller auf der Blue Stage auch nicht, denn eigentlich hätte wohl jeder gern das Spiel Deutschland – Griechenland live verfolgt. Dennoch haben sich eine Vielzahl von Fans für die Musik entschieden, zumindest wird der aktuelle Spielstand auf den großen Screens der Bühne eingeblendet. Zunächst geht es hier eher ruhig zu, in ihrer sanften Reduziertheit spielen Romy Madley Croft, Oliver Sim und Jamie Smith ein melancholisches Set mit wundervollen Harmonien in Gesang und Instrumentierung (Synthies) begleitet von tiefen, durchdringenden Basslinien und lassen die Fans mit Songs wie „Infinity“, „VCR“ und „Crystalized“ ins Träumen geraten. Zumindest solange bis das 1:0 eingeblendet wird, denn da bricht der Jubel der Festivalbesucher mitten in „Shelter“ aus. Doch The XX tragen die Unterbrechung mit Fassung und setzen ihr Set professionell mit ihrem durchweg atmosphärischem aber reduzierten Indie-Pop aus ihrem Debütalbum von 2009 fort. Klar, beim 4:2 Endstand wird abermals gejubelt, jedoch schwächt dies nicht unbedingt die Aufmerksamkeit des Publikums, und so werden alle von den kunstvoll schlicht arrangierten aber fesselnden Melodien in ihren Bann gezogen. Gegen Ende des Set wird der Sound dann etwas elektronischer, die Bühne wird hierzu in blauviolettes Licht getaucht, so dass die Fans fröhlich in ihrem Siegestaumel in die Dämmerung hinein tanzen.

TheXX Hurricane 2012 Live Jochen Melchior
Quelle Foto: FKP Scorpio Presse © Jochen Melchior

Und da ich schon ganz vorne stehe, bleibe ich natürlich auch zu DER Kult-Band schlechthin The Cure (22:30 Uhr Green Stage), auf dessen Set ich mich seit Monaten wie verrückt freue. Sie schreiben schon über 30 Jahre Bandgeschichte mit ständig wechselnden Besetzungen und einem letzten Studioalbum im Jahr 2008 und noch nie habe ich die Lieblingsband meiner Jugend live gesehen. Dramaturgisch in Szene gesetzt betritt Frontmann Robert Smith mit seiner Band im Halbdunkeln die Bühne und kommt nur zögernd nach vorn ins Rampenlicht. Es ist unglaublich, wie charismatisch der sichtlich gealterte Robert Smith mit dem typisch geschminktem Gesicht und rotem Lippenstift immer noch daher kommt. Sie eröffnen ihr Set melancholisch mit „Plainsong“ (Desintegration 1989) und beglücken uns in ihrem gut zweistündigen Set sowohl mit „Best Of“ Titeln aus frühen Jahren wie „A Forest“, „Inbetween Days“ oder „Just Like Heaven“. Die Performance wirkt eher ein wenig statisch, mal abgesehen von dem daueraktiven Bassisten, der unaufhörlich über die Bühne tänzelt. Ansonsten lebt die Szenerie von den stimmungsvollen Beleuchtungseffekten und in der Hauptsache von ganz viel Nebel. Doch zu Songs wie „Lullaby“ geht sogar Legende Robert Smith ein wenig aus sich heraus und fängt an, ein wenig zu performen. Zu absoluten Klassikern wie „Friday I´m In Love“ und „Boys Don´t Cry“ kennt das Publikum selbstverständlich den gesamten Text und singt und tanzt, trotz der mittlerweile frischen Temperaturen und bedrohlichen Wolkenfronten am Himmel, fröhlich mit.

The Cure Robert Smith Hurricane Festival 2012 Jochen Melchior
Quelle Foto: FKP Scorpio Presse © Jochen Melchior

Die nicht ganz so bekannten Stücke von ihren letzten Alben wie z.B. „The Hungry Ghost“ (4:13 Dream 2008), wirken nicht mehr ganz so düster und sind schon eher dem Rock/Pop zuzuordnen. Insgesamt spielt The Cure ein qualitativ hochwertiges Konzert mit einem gelungenen Querschnitt durch ihr gesamtes Repertoire und lassen das Herz eines jeden Cure-Fans höher schlagen. Das war einfach großartig und definitiv mein Highlight des heutigen Festivaltages!

Nachdem ich an diesem Freitag so viele großartige Konzerte gesehen habe, sind The Stone Roses (00:30 Uhr Blue Stage) für mich die Enttäuschung des Festivals schlechthin. Zwar gelten sie als eine der einflussreichsten Bands Englands der späten 80-iger und frühen 90-iger Jahre und der Hype um ihre Wiedervereinigung im letzten Jahr lässt nun viele Fans wieder hoffen, jedoch täuscht das nicht über die Tatsache hinweg, dass Sänger Ian Brown hier heute keinen einzigen Ton trifft. Da hilft auch nicht sonderlich, dass der Rest der Band ihren Job eigentlich super macht, ich kann einfach nicht mehr länger hinhören und ziehe es vor, mich mit dem fantastischen The Cure-Sound im Ohr auf den Weg zurück zum Womo-Platz zu machen.

Wer noch einmal in Erinnerungen des Hurricane Festival 2012 schwelgen möchte kann dies in der Mediathek von ZDF Kultur tun. Viel Spaß dabei!

Fortsetzung Tag 2 folgt…