Justin Sullivan & Dean White Acoustic Tour 2012, Casino in Trier

Justin Sullivan & Dean White Acoustic Tour 2012, Casino in Trier
DATUM» 09.02.2012
ARTIST»
VENUE»

Trier war schon immer eine Hochburg für Fans von New Model Army und Justin Sullivan. Die Band hat zwar nur selten dort gespielt, doch ihr Frontman und Vordenker war oft zu Gast. Ich erwähne nur die denkwürdigen Konzerte von „Red Sky Coven“ in der Tufa, die immer ein ganz besonderes Erlebnis waren und die perfekte Verbindung von Rock, Folk und Poetry brachten.

Diesmal aber war es dann doch anders. Justin Sullivan ist momentan mit dem Bandkollegen Dean White unterwegs und zusammen bieten sie Konzerte der ganz anderen Art. Zwar zum Teil mit Songs von New Model Army, doch in einer sehr ruhigen, atmosphärischen Ausrichtung. Wer also die bekannten Gassenhauer erwartete, war an diesem Abend im Casino fehl am Platz. Das mag manch hartgesottenen Rocker enttäuscht haben, dennoch gab es ein solides Konzert, in dem der kultige Sänger sein Charisma und seine Bühnenpräsenz in den Ring warf und die Fans in Verzückung versetzte.

Schon der Beginn war ein atmosphärisches Highlight: „Someone Like Jesus“ mit tiefer, eindringlicher Stimme. Das erzeugte Gänsehaut bis in die letzten Reihen des Casinos und es war ein denkwürdiger Moment, als zum Schluss des Songs zunächst ein kleiner Augenblick bedächtiger Stille herrschte, bevor tosender Applaus den Saal erfüllte. Ja, da war er – der Künstler, der die Independent Szene Ende der 80er Jahre prägte wie kaum ein anderer. New Model Army sind auch heute noch zu frischer, unverbrauchter Rockmusik mit Folk- und Punk-Elementen fähig. Justin Sullivan solo lässt es allerdings gerne mal ruhiger angehen und widmet seine Alben Themen wie der Liebe zum Meer.

So wurden Teile des Publikums schon auf eine harte Probe gestellt. „One Bullet“, „North Star“, „Dawn“, „Notice Me“ – alles leise, teils melancholische Titel, die ganz davon lebten, wie Justin und Dean ihre Interpretation aufbauen. Ohne viel Bewegung. Justin an akustischer Gitarre, Dean in Begleitung an Keyboard, Gitarre oder im Backgroundgesang. Auf jeden Fall war Dean mehr als nur schmückendes Beiwerk. Hier standen eindeutig zwei Protagonisten auf Augenhöhe beisammen, die die Liebe zur Musik verbindet. Hochstimmung kam auf, wenn bekanntere Titel gesungen wurden, die mancher mitsummen oder mitsingen konnte. „Aimless Desire“ beispielsweise. Und auch der Ruf nach „Ocean Rising“ wurde erhört.

Ein ganz besonderer Moment entstand in der Konzertmitte. Sullivan trug „Another Imperial Day“ als rhythmisches, rein verbales Poem ohne jegliche Instrumentalbegleitung vor. Die Eindringlichkeit dieses Werks kann man nicht beschreiben, man muss sie erlebt haben. Das war eine Form von Sprechgesang, die jeden Anwesenden bis ins Mark erschütterte und auf die Reise in die Protestkultur mitnahm.

Meine persönlichen Highlights kann ich zum Ende des Konzerts verorten: „You Weren’t There“ vom Album „Eight“ und ganz besonders „Vanity“ vom Meisterwerk „Impurity“ aus dem Jahr 1990. Da hatten auch die hart gesottenen Army-Kenner ein Leuchten in den Augen. Nach gut 100 Minuten Konzertlänge ging vielleicht nicht jeder tief zufrieden nach Hause – man konnte aus manchen Gesprächen hören, dass die Hits der Band schmerzlich vermisst wurden – doch man durfte die Heimreise in der Gewissheit antreten, hier einen ganz großen Singer / Songwriter erlebt zu haben, der immer noch dazu fähig ist, Menschen mit auf den Weg zu nehmen.