Peter Gabriel & New Blood Orchestra – Tour 2012, König Pilsener Arena in Oberhausen

Peter Gabriel & New Blood Orchestra - Tour 2012, König Pilsener Arena in Oberhausen
Photo credit: Peter Gabriel & New Blood Orchestra - Tour 2012, König Pilsener Arena in Oberhausen
DATUM» 03.05.2012
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Zugegeben, Peter Gabriel war zwischenzeitlich etwas von meinem Radar verschwunden. Die letzte meßbare Ortung dürfte sein elftes Studioalbum „Up“ von 2002 gewesen sein. Dabei hat er mit „Solsbury Hill“, „Games Without Frontiers“ oder „Sledgehammer“ entscheidend zu meiner musikalischen Sozialisation beigetragen. Im vergangenen Jahr wurde ich wieder auf ihn aufmerksam, als er mit „New Blood“ einige seiner Songs in orchestralen Versionen neu interpretierte. Selten ist die Kombination zwischen Pop und Klassik so souverän gelungen wie dort.

Ein weiteres Merkmal Peter Gabriel’s sind seit jeher seine spektakulären Live-Shows. Ich erinnere nur an die bewegliche Rundbühne der „Growing Up“-Tour, als er sich in einen durchsichtigen Riesenball quetschte, mit dem Fahrrad über die Bühne fuhr oder kopfüber an der Deckenkonstruktion entlang lief. Auf ähnliche Turnübungen müssen die Zuschauer heute Abend in der König Pilsener Arena allerdings verzichten. Da Gabriel mit dem fast 50-köpfigen New Blood Orchestra unterwegs ist, wäre dafür auch gar kein Platz. Außerdem ist der Mann im Februar 62 Jahre alt geworden. Und so mag er es – ebenso wie sein Publikum – mittlerweile eher gediegen.

Dafür spricht, dass die fast ausverkaufte Oberhausener Arena komplett bestuhlt ist. Die Fans sind ganz offensichtlich mit ihrem Idol alt geworden, einige von ihnen haben sich sogar richtig in Schale geworfen und dem Anlaß entsprechend Anzug und Abendkleid angelegt. Im Innenraum wird Sekt aus Plastik-Piccolos ausgeschenkt. Ich komme mir in meinem „Toronto Rock City“-Pulli leicht deplatziert vor, was sich jedoch schnell legt, als Peter Gabriel pünktlich um 20 Uhr die Szenerie betritt und wir alle im freudigen Applaus vereint sind. Charmanterweise begrüsst er uns auf (von Zetteln sicher abgelesenem) Deutsch und kündigt mit Rosie Doonan den Support-Act selbst an. Rosie Doonan sieht sehr zerbrechlich aus, wie sie da barfuß am Bühnenrand steht und zur Pianobegleitung zwei elfenhafte Lieder singt, bevor sie nach nur zehn Minuten ebenso schnell wieder verschwindet wie sie gekommen ist.

Nach fünf weiteren Minuten sehen wir sie aber schon wieder, denn sie ist gleichzeitig eine der beiden Backgroundsängerinnen von Peter Gabriel. Das heißt, erstmal sehen wir garnichts. Gabriel ist ebenso wie das Orchester nur zu hören. Unser Blick wird von einer roten LCD-Wand versperrt, auf der wir im Verlaufe des Konzertes noch zahlreiche Videoinstallationen bewundern dürfen. Schließlich gleitet sie nach oben und mit dem David Bowie-Cover „Heroes“ beginnen 120 opulente Minuten für Auge und Ohr. Der Orchestersound ist bombastisch und erzeugt im Gleichklang mit dieser schon aus alten Genesis-Tagen wohlvertrauten Stimme ein solides Gänsehautgefühl. Zwei Leinwände rechts und links der Bühne sowie eine weitere in deren Hintergrund sorgen für beste Sicht bis in die letzte Reihe. Nach „Wallflower“ und „Après Moi“ (im Original von Regina Spektor) kramt Gabriel erneut in seinen Deutsch-Zetteln, was er noch häufiger machen wird, um die Stücke mit kurzen Geschichten einzuleiten.

Der Einstieg gerät etwas zäh. Es ist halt wenig Bewegung auf der Bühne, obwohl Dirigent Ben Foster und seine Musiker einen grossartigen Job machen. Gabriel stellt sie während des Konzertes bestimmt zehnmal vor und lässt ihnen immer wieder Raum und Zeit zu Instrumentalpassagen, während derer er die Bühne verlässt. Das wirkt für jemanden von seinem Status durchaus sympathisch, fast schon bescheiden. Ab „Secret World“ springt der Funke dann endlich auch auf die Halle über. „Digging In The Dirt“, das im klassischen Gewand kaum wiederzuerkennen ist, erntet begeisterte Ovationen, ebenso wie das schon in der Ursprungsversion wunderschöne „Mercy Street“ oder „Red Rain“, bei dem die Videowände alles hergeben, was sie an visuellen Effekten haben. Dann folgt „Solsbury Hill“ und spätestens jetzt hält es niemanden mehr auf den Sitzen. Zu „Biko“, das sehr zu meiner persönlichen Freude gespielt wird, recken alle die Fäuste. Ein emotionaler und krönender Abschluß des Mainsets!

Die Zugaben halten mit „In Your Eyes“ und besonders der Kloß-im-Hals-Nummer „Don’t Give Up“ noch zwei weitere Höhepunkte bereit. Letzteres leider nicht im Duett mit Kate Bush, aber Rosie Doonan vertritt die britische Sängerin mehr als würdig. Das Instrumental „The Nest That Sailed The Sky“ (mit dem Meister am Piano) schickt uns dann „nach Hause und ins Bett“ (O-Ton Gabriel). Während die restlos begeisterten Fans dazu offenbar noch keine Lust haben und lautstark nach weiteren Zugaben verlangen, hüllt sich Peter Gabriel beim Abgang von der Bühne in einen weißen Bademantel und verschwindet durch den Hinterausgang. Er hinterlässt ein verzaubertes Oberhausen.

Setlist:
Heroes (David Bowie)
Wallflower
Après Moi (Regina Spektor)
Intruder
San Jacinto
Secret World
Signal To Noise
Downside Up
Digging In The Dirt
Mercy Street
The Rhythm Of The Heat
Red Rain
Solsbury Hill
Biko
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In Your Eyes
Don’t Give Up
The Nest That Sailed The Sky