Ray Wilson präsentierte in der Stadthalle Landstuhl das Beste aus „20 years and more“

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DATUM» 16.03.2013
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Schon wieder war Ray Wilson in der Westpfalz und böse Zungen könnten behaupten, dass es langsam langweilig wird, wenn der umtriebige Schotte hier mehrmals im Jahr Station macht. Doch diese haben vermutlich noch nie eines der Konzerte besucht. Ray Wilson bietet facettenreiche Shows – und diese können ganz unterschiedlich ausfallen. Allein mit Gitarre, gemeinsam mit einem Pianisten oder der Band Stiltskin – bisweilen gar in orchestraler Ausführung, wenn er „Genesis Classic“ präsentiert. Diesmal war es die ganze große Nummer mit neun Musikern auf der Bühne und dem funkelnagelneuen Programm „20 years and more“, das erst zwei Tage zuvor in Berlin Premiere feierte.

Doch zunächst noch ein kleiner Schritt zurück. Es gab nämlich ein kurzes Vorprogramm, das eng mit Rays Band verknüpft ist. Leadgitarrist Ali Ferguson hat vor wenigen Jahren ein eigenes Album auf den Markt gebracht, das ganz im elegischen Stil von Pink Floyd gehalten ist und das er hier mit zwei weiteren Bandmitgliedern präsentieren durfte. Der Titel „The Windmills And The Stars“ impliziert schon eine klischeehafte Nähe zum Progressive Rock. Musikalisch ging es in eine Art Märchenwelt oder zumindest in die klangvolle Weite der einsamen Natur. Das gesampelte Vogelgezwitscher war für manche anhand der draußen vorherrschenden Temperaturen zwar etwas befremdlich, trotzdem wurde Ferguson mit mehr als wohlwollendem Applaus bedacht. Immerhin gab er einen kleinen Vorgeschmack darauf, welch hervorragende Gitarrenarbeit für die nächsten Stunden zu erwarten war.

Ray Wilson brauchte dann zum Glück keine lange Umbaupause, um die Bühne im Sturm zu erobern. Seine Mähne wird immer länger – und wenn er mit einer solch großen Band auftritt, muss er seltener selbst zur Gitarre greifen, kann also seine Entertainerqualitäten noch stärker in den Vordergrund rücken. Der Programmtitel „20 years and more“ nahm viel vom Ablauf des Abends vorweg. Ray Wilson ist seit zwanzig Jahren im Geschäft. In den Tiefen meines Archivs finde ich noch Aufnahmen, die er im Studio des Schotten Fish Anfang der 90er Jahre gemacht hat. Es gab die Bands Guaranteed Pure und Cut in seiner Laufbahn, das One-Hit-Wonder mit Stiltskin (1994) und natürlich sein Gastspiel als Sänger von Genesis (1997), als Phil Collins mal kurzzeitig keine Lust hatte. Er könnte mit dem Schicksal hadern und sich schmollend aus der Öffentlichkeit zurückziehen. „Calling All Stations“ gehört für mich zu den besten Genesis-Werken. Und nur weil der Zeitgeist nicht den erwünschten Erfolg in den USA brachte, wurde die Zusammenarbeit im Anschluss eingestellt.

Zum Glück machte Ray aus der Not eine Tugend, verarbeitete seinen Frust in dem fantastischen Soloalbum „Change“ und ist inzwischen neben Steve Hackett der einzige, der die Legende Genesis am Leben erhält. Zu Hackett besteht übrigens eine dicke Freundschaft und die beiden planen momentan gemeinsame Konzerte und eine Neuaufnahme von „Carpet Crawlers“. „20 years and more“ resultiert also daraus, dass Ray Wilson eine Reihe von Songs präsentiert, die aus der Zeit vor seiner Gesangskarriere stammen. Für das Konzert in Landstuhl waren das zum Beispiel „That’s All“ und „Follow You Follow Me“ (Genesis), „Another Day In Paradise“ (Phil Collins) und „Solsbury Hill“ (Peter Gabriel). Damit waren die Genesis-Fans zufrieden gestellt. Doch man konnte wieder feststellen, dass hinter Ray Wilson als Solokünstler viel mehr steckt als diese Vergangenheitsbewältigung.

Ray hat Stiltskin aus dem One-Hit-Wonder-Dasein raus geführt und neue, sehr rockige Alben unter diesem Bandnamen veröffentlicht. Und seine Solo-Platten wie „Change“, „The Next Best Thing“ und „Propaganda Man“ sind ruhig, akustisch und oft sehr melancholisch gehalten. Hier zeigt sich Ray von seiner emotionalsten Seite. Das vierte Werk wird den Titel „Chasing Rainbows“ tragen und am 19. April erscheinen. Wieder ein im ersten Anlauf sehr ruhiges Album, das in den Liveversionen, die in Landstuhl gespielt wurden, aber ungemein kraftvoll rüber kam und sich perfekt in die Setlist einband. Da kommt Großes auf uns zu und für alle, die es nicht erwarten können, stellen wir den Preview-Link ans Ende dieses Berichts.

Rays Band bestand aus Ali Ferguson und Rays Bruder Steve an den Gitarren, den Brüdern Ashley und Lawrie Macmillan an Bass und Schlagzeug, sowie Darek Tarczweski am Piano. Das allein ist schon eine geniale Band, die noch um drei Aspekte erweitert wurde: Die Streicherinnen Alicja und Barbara sorgten für orchestrale, bisweilen sphärische Momente – und der Multiinstrumentalist Marcin Kajper bereicherte den Klang wahlweise mit Querflöte, Klarinette und Saxofon. Ein wundervolles Ensemble, bei dem die Harmonie hörbar stimmte. Die Violinistinnen lieferten Solo-Momente wie Steve Hacketts „Horizons“ und konnten im Anschluss während eines kurzen Instrumental-Duells von ihren Qualitäten überzeugen. Eine auch optisch sehr schöne Bereicherung für das Konzert.

Wilson war in Topform. Stimmlich klasse – und der bevorstehende Release des neuen Albums scheint ihn auch emotional zu pushen. Das Konzert begann mit zwei Solostücken und dann folgte schon „That’s All“. So war die Setlist von Anfang an bunt gemischt und deckte alle Schaffensphasen des Sängers ab. Vor allem auf die neuen Stücke war ich gespannt: „Easier That Way“ widmet sich der Finanzkrise, „Follow The Lie“ enthält die titelgebende Textzeile „Chasing Rainbows“ und ist eine Hommage an das Tourleben. Als dritter neuer Titel wurde „Wait For Better Days“ gespielt. Leider war die erste Auskopplung „She’s A Queen“ nicht dabei. Und auch meinen momentanen Lieblingstitel des kommenden Albums („I See It All“) hätte ich gern gehört. Aber es war nun mal kein Wunschkonzert.

Die bekannteren Titel wie „Inside“ wurden begeistert aufgenommen. Doch es wurde einmal mehr deutlich, wie Ray seine Zuschauer mit den eigenen, biographischen Titeln mitnimmt und den Menschen, die vielleicht von dem Label „Genesis“ angelockt wurden, ein ganz neues Bild von sich vermittelt. „The Actor“ ist da ein Paradestück. Vordergründig geht es um einen Schauspieler und sein Leben in Höhen und Tiefen. Doch man spürt, wie Ray in Wirklichkeit von sich selbst spricht. Eine solche Karriere, die ihn einmal vor 70.000 Zuschauern bei Rock am Ring sah und kurze Zeit später vor einer Handvoll Leuten in kleinen Spelunken. Damit muss man erst einmal fertig werden. Ray Wilson legt all diese psychologischen Momente in seine Songs. Und das Tourleben scheint die beste Therapie zu sein, sonst wäre er nicht ständig unterwegs.

Weitere Highlights waren auch die vier Songs des „Calling All Stations“-Albums, das Ray mit Genesis aufgenommen hat. Zwei davon im Zugabenblock. Und davon eingerahmt war „Carpet Crawlers“, das die Zuschauer mit Inbrunst mitsangen. In dieser Mischung hat Ray Wilson momentan wohl die perfekte Setlist gefunden. Das 150minütige Konzert war ein Triumph und ich bin sicher, dass er einige neue Fans gewinnen konnte. Die Macher von Anderswelt-Event haben mal wieder ein großes Lob verdient. Und ich kann nur für die nächsten Konzerte werben: Am 3. Oktober spielt Ray Wilson in Schönenberg-Kübelberg, am 26.10.2013 gibt es FISH in Landstuhl. Weitere Infos: www.anderswelt-event.de

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Setlist Landstuhl – 16.3.2013

  • Ought To Be Resting
  • American Beauty
  • That’s All
  • Easier That Way
  • Lemon Yellow Sun
  • Follow The Lie
  • Not About Us
  • Another Day In Paradise
  • Another Day
  • Bless Me
  • The Actor
  • Mama
  • Inside
  • Tale From A Small Town
  • Follow You Follow Me
  • Sarah
  • First Day Of Change
  • Wait For Better Days
  • Show Me The Way
  • Shipwrecked
  • Horizons
  • Violin Duo
  • Solsbury Hill

 

  • Calling All Stations
  • Carpet Crawlers
  • Congo