Rund 70.000 Fans feierten beim Hurricane Festival 2014 in einer riesigen Staubwolke

DATUM» 20.06.2014 - 22.06.2014
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Die kalten Monate des Jahres wollen nur schwer vergehen, zäh kämpft man sich durch die Dunkelheit bis zum herannahenden Frühjahr mit der Hoffnung auf Licht am Ende des Tunnels. Doch dann plötzlich ist es schon soweit, das erste Open-Air Festival des Jahres steht im Juni dann doch irgendwie unerwartet vor der Tür! Auch wenn die heißen und sonnigsten Tage wohl wieder mal kurz vor dem Hurricane Festival zu Ende gehen, ist es doch das Festival mit den längsten Tagen des Jahres, die auch in diesem Jahr gebührend gefeiert werden sollen. Wer jetzt noch kein Ticket hat und spontan Lust bekommt hat es schwer, denn das Hurricane Festival ist, wie mittlerweile in jedem Jahr, weit im Voraus schon komplett ausverkauft.

Neben dem traditionellen Camping- oder Womo-Platz bieten sich mittlerweile eine Vielzahl von Alternativen unterschiedlichster Preiskategorien an. Das Grüner Wohnen Camp erfreut sich vermehrter Beliebtheit und bedarf wegen einem extra Bändchen sogar der Voranmeldung, das neue Hurricane Resort mit stylishen Zeltbehausungen liegt nahe beim Festivalgelände und bietet neben Sauberkeit, einem schön gestalteten Gelände mit Wegen, Brunnen, Lichterketten und eigenen Toiletten/Duschen auch ein gewisses Maß an Ruhe und Exklusivität.

Wer noch mehr Luxus möchte kann allerdings auch gleich ein Hotel inklusive Shuttlebus Service buchen oder mit dem Clubticket gleich direkt auf dem VIP-Platz nächtigen, so ist mittlerweile für jeden Geldbeutel und jedes Alter was dabei. Eine großartige Sache ist tatsächlich die mit im Festivalticket enthaltene kostenlose Anreise in den Metronom Zügen, die am Donnerstag total entspannt verlief und das befürchtete große Chaos überraschenderweise ausblieb. Zeitlich hat es für meine Festivalplaylist wieder einmal nicht gereicht, aber dafür bin ich Timetable-technisch bestens vorbereitet und habe mir vorgenommen, von den knapp 100 Bands schlappe 35 anzuschauen bzw. zumindest einmal in das Konzert hinein zu schnuppern. Da ich mich in diesem Jahr mit den Headlinern etwas schwer tue, freue ich mich um so mehr auf die vielen kleineren Acts, die das zweitgrößte Rockfestival neben Rock am Ring seit einigen Jahren vermehrt auch als Newcomer beleben.

Der Festivalfreitag

Wir nutzen die Gunst der frühen Stunde um noch einen kleinen Rundgang über das Campinggelände zu machen, bevor die Pforten des Festivalgeländes endlich um 14:00 Uhr öffnen. Noch hängt die Krone über dem Hurricane Schriftzug schlapp und luftleer herunter, vermutlich wegen dem recht forschen Wind und dem wechselnden Wetter. So können wir noch einen Abstecher zu dem erstmalig am Motorbooty Zelt platzierten Lidl Rockshop machen, wo sich bereits lange Schlangen am Einlass gebildet haben. Perfekter geht es wohl kaum, kein Geschleppe mehr, sondern bequem direkt auf dem Gelände, bei fast vollständigem Sortiment zu normalen Preisen, im Supermarkt einkaufen. Man hat regelrecht das Gefühl, dass alle herausströmenden, zum Teil Eis schleckenden Festivalgänger, überglücklich über diese Neuerung sind, denn strahlend verlassen Sie den Zelt-Supermarkt, der sogar Einkaufswagen bereithält.

Währenddessen wird bei Camp FM schon ordentlich das Wunschprogramm angekurbelt, auch hier bildet sich schon eine ordentliche Schlange vor dem Container, um das Gelände mit der Wunschmusik beschallen zu lassen. An der kleinen Bühne gegenüber wird für den Strom geradelt, der für den Auftritt der Bands benötigt wird, die im Laufe des Festivals dort spielen werden. Nachdem wir uns etwas umgeschaut haben und auch das Resort besichtigt haben geht´s auch schon auf das noch jungfräuliche Festivalgelände, um auf keinen Fall den jungen Folk-Rocker Johnny Flynn (15:15 Uhr Red Stage) zu verpassen. Die sechsköpfige britische Band um den talentierten Frontmann, Songwriter, Dichter und Schauspieler hat als Opener auf der Red Stage trotz des wechselnden Wetters schon jede Menge Leute angelockt, die direkt in Tanz- und Mitklatschstimmung gebracht werden. Johnnys südafrikanischen als auch irischen Wurzeln beeinflussen seine abwechslungs- und stimmungsreiche Musik durchweg, der Mix aus bluesigen Rhythmen, Reggae Grooves und karibischen Elementen verschmilzt immer wieder mit irischen Klängen, die manchmal an die Dynamik von Frank Turner erinnern. Als musikalisches Multitalent kombiniert er seine melodische Stimme mal mit Trompete, dann mit Banjo oder Gitarre und hat die Sympathien des Publikums direkt auf seiner Seite. Trotz kollektiver Zugaberufe kommen sie leider nicht zurück auf die Bühne, so dass ich mich direkt auf den Weg zu dem Newcomer George Ezra (16:00 Uhr White Stage) mache.

Zu meinem Glück komme ich gerade noch rechtzeitig an, denn schon wenig später ist bereits Einlassstopp, welcher neuerdings durch ein Ampelsystem angezeigt wird. Zur Freude der erwartungsvollen Fans spielt der Youngster natürlich auch seine Radiohits „Budapest“ und „Cassy O`“, zu denen in der prall gefüllten White Stage lautstark mitgesungen und geklatscht wird.  Seine ebenfalls sehr jungen Fans tragen während des Konzerts zu einer tollen Atmosphäre bei, indem sie die Band mit lauten „You“-Chören unterstützen. Nicht nur auf Platte, nein, auch live klingt der begabte 19-jährige Singer/Songwriter aus Bristol mit seiner unverwechselbaren Bariton-Stimme grandios, nicht umsonst wird er von den britischen Musikmedien so hoch gelobt.  Positiv überrascht bin ich von dem wirklich klasse Sound, der mich im Vorjahr mehrfach enttäuscht hatte.

Während draußen gerade ein heftiger Regenschauer ein wenig die Stimmung trübt, schreit sich der Sänger von Fucked Up an der Green Stage die Seele aus dem Leib und begleitet lärmend den Menschenstrom, der zum Elektro-Pop Quintett aus L.A. The Naked And Famous (16.45 Uhr Blue Stage) pilgert. Zu den gerade durchkommenden Sonnenstrahlen zeigt sich der leichte, tanzbare Sound gefällig, kann mich letztlich aber nicht vollends überzeugen auch wenn das Publikum zu den durch die 80-er Jahre inspirierten Dancebeats von „Girls Like You“ ordentlich abfeiert. Deshalb begebe ich mich direkt wieder auf den Rückweg, um lieber den Mann mit der einprägsamen, rauchigen Stimme  Chuck Ragan (17:00 Uhr White Stage) noch live erleben zu können, der gerade Anfang des Jahres sein neues Album „Till Midnight“ herausgebracht hat. Mit schnörkellosem, ehrlichen Gitarren-Folkrock und stilistischen Einflüssen aus Bluegrass und Country schafft es der charismatische Live-Musiker aus Los Feliz das Publikum zum Mitschwofen zu bringen, auch wenn das Zelt diesmal nicht gerade überfüllt ist. Seine Fans fühlen sich durch seine ausgeprägte Kommunikation zwischen den Songs einbezogen, auf Deutsch erkärt er uns „Es ist schön hier“ und lädt uns direkt zu seiner anstehenden Deutschland Tour ein. Der akustische Springsteen-Sound versprüht eine besondere Atmosphäre in der White Stage, da kann sich so mancher Künstler noch eine Scheibe von abschneiden. Während wir gleich für das nächste Konzert in der White Stage bleiben, schallt von der Green Stage „Rock & Roll Queen“ von The Subways rüber, und es hört sich selbst aus der Ferne nach einer Menge guten Laune an. Ganz bezaubernd ist der anschließende Auftritt des australischen Geschwisterduos Angus And Julia Stone (18:00 White Stage), die zwar schon offiziell seit 2006 gemeinsam auftreten, heute aber zum ersten mal seit vier Jahren wieder gemeinsam auf der Bühne stehen. International haben die beiden begnadeten Singer-/Songwriter erst mit ihrem großen Hit „Big Jet Plane“ Bekanntheit erlangt, der heute von den Fans in Chören regelrecht zelebriert wird. Von den harmonischen Gesangsmelodien und sanften Pianoklängen betört verabschiedet das Publikum die beiden schließlich mit großen Jubel, die aber ja schon im Herbst wieder auf Tour bei uns sind um ihr neues Album vorzustellen.

Die sympathischen Londoner Indie-Rocker von Bombay BicyclClub (19:15 Uhr Blue Stage) schaffen es bei doch recht kühlem Wetter das Publikum zu „Shuffle“ oder zu „It´s Alright now“ von ihrem aktuellen Album „So Long, See You Tomorrow“ zum Tanzen und Mitklatschen zu bringen, so kommt die Wärme dann schon von ganz allein. Bestgelaunt gelingt es ihnen mit ihrem mitreißenden Sound zwischen elektronischen Beats, karibischen Rhythmen, Post-Punk Elementen und Folk sogar, die Sonne hinter den Wolken hervorzulocken.  Mit ihren leichtfüßigen Melodien haben sie es wieder einmal geschafft das gesamte Publikum zu begeistern und verabschieden sich nach „Carry Me“ unter großem Applaus. Meine besondere Vorfreude gilt dem Auftritt der Indie-Sternchen aus Brighton The Kooks (21:15 Uhr Green Stage), die gefühlt ewig nicht mehr bei uns auf Tour waren. Drei lange Jahre mussten ihre Fans auf das neue Album „Listen“ warten, welches Ende August endlich heraus kommt und von dem sie neben „Bad Habit“ oder „Westseite“ heute auch noch einige andere Songs vorstellen. Dementsprechend hat sich auch eine Schar von Fotografen im Graben versammelt, um diesen besonderen Moment zu dokumentieren.

Schwer umjublelt lassen sich The Kooks es sich nicht nehmen, gleich von Beginn an ihre tollen Hits wie „OOh La“, „She Moves On Her Own Way“, „Naive“ und „Always Where I Need To Be“ von ihren erfolgreichen frühen Alben zu spielen, mit denen sie die stets fehlerfrei mitsingenden Fans regelrecht zum Ausflippen bringen. Passend zum Sonnenuntergang ist auch die akustische Version von „Seaside“, die Wuschelkopf und Publikumsliebling Luke Pritchard mit seiner kräftigen Stimme hervorragend performt und die Mädchen hier zum Kreischen bringt. Dankbar über die vielen großartigen Hits verlassen die meisten der überglücklichen jungen Fans die Green Stage um zum derzeit angesagtesten deutschen Lieblingsrapper Casper (22:30 Uhr Red Stage) zu pilgern, während ich es vorziehe mir eine der bedeutendsten Bands dieser Tage Arcade Fire (23:00 Uhr Green Stage) anzusehen. Die elektrisierenden kanadischen Indie-Rocker um Frontmann Win Butler und seine Frau Régine Chassagne sind wieder mit einer riesigen Musikertruppe auf Tour und bieten mit diversen Instrumenten, Gimmicks, Effekten und der besonderen Präsenz der Band ein einzigartiges Schauspiel. Nach dem energetischen Auftakt ihres Titelsongs des aktuellen Albums „Reflektor“ singt das gesamte Publikum im Anschluss zu „The Suburbs“ im Chor mit und klatscht sich bei mittlerweile lausigen Temperaturen warm. Arcade Fire präsentiert uns ein reflektierendes Gesamtkunstwerk aus Bühnenbild, Visuals, Kostümen und Musik, bei „Afterlife“ tanzt sogar ein glitzerndes Reflektormännchen am Wellenbrecher für uns. Das Konzept schlägt bei den Fans ein und spätestens bei „You Already Know“ hält es keinen mehr am Boden, alle springen und rocken was das Zeug hält. „It´s Never Over“ zeigt sich in Form eines Rollenspiels, mit dem Tod im Nacken singt Régine auf einem Podest gegenüber der Bühne inmitten des Publikums und tritt in „Konversation“ mit Win Butler, alles mächtig dramatisch aber durchaus wirkungsvoll. Es ist ein geniales Feuerwerk, sowohl ihrer aktuellen als auch ihrer alten Songs, von „Rebellion“, „Ready To Start“, „Neighbourhood #1“, „No Cars Go“, „Sprawl II“ ist alles dabei, was das Herz begehrt. Und so schließt sich der erste Festivaltag mit einer brilliant inszenierten Show meines einzig wahren Headliners in diesem Jahr, die mir noch lange in Erinnerung bleiben wird.

Der Festivalsamstag

Der erhoffte nächtliche Regen, der natürlich nur wegen dem Staub fallen sollte, ist ausgeblieben, so dass auf dem Festivalgelände bei stürmischem und stark wechselhaftem Wetter ordentlich Sand bzw. Acker durch die Luft fliegt. Bevor wir die Blue Stage erreichen werfen wir noch einen kurzen Blick rüber zur Green Stage, wo Dillinger Escape Plan eine hervorragende Performance mit ordentlich „Fratzengeballer“ abliefern. Auch wenn hier schon recht viele Fans am Start sind wirkt das Gelände noch irgendwie verwaist. Bei den fünf Briten aus Leads von To Kill A King (13:35 Uhr Blue Stage) hat sich schon ein großes Publikum versammelt, um dem folkigen und doch epischen Indierock zu lauschen. Bei ihrem allerersten deutschen Festivalauftritt überhaupt zaubert die sympathische Band zu ihren recht fröhlichen Melodien sogar herrlichsten Sonnenschein herbei. Frontmann Ralph Pelleymounter treibt Pausenspielchen mit dem Publikum, zu „Choices“ und „Funeral“ wird kollektiv mitgeklatscht, die leichten Gitarren erinnern uns ein wenig an Two Door Cinema Club, und zum Refrain springt das Publikum gemeinsam mit der Band auf und ab. Die Präsenz der Band und die tolle Stimmung hier wird noch mal getoppt, als Bastille mit auf die Bühne kommt und den vorletzten Song gemeinsam mit ihnen performt. Für diese Band lohnt es sich auf jeden Fall ihre anstehende Club Tour im Auge zu behalten, das ist sicherlich eins der schönsten Konzerte bis zu diesem Zeitpunkt.

Jedes Mal freue ich mich auf ein Wiedersehen mit der wundervollen belgischen Band Balthazar (15:15 Uhr Red Stage), die ihren markanten 60-er Jahre Sound mit der typischen Basslinie und der prägnanten Stimme Maarten Devolderes mit Jazz, Blues, Indie und Pop-Elementen vermischt, so dass ein einzigartiger, groovender Musikstil neu entsteht, der am besten in „I´ll Stay Here“ und „Fifteen Floors“ und „Blood Like Wine“, den sie schon aus Gewohnheit am Ende spielen, zur Geltung kommt. Jetzt könnte nach „Rats“ in 2012 aber auch mal wieder ein neues Studioalbum kommen, man darf also gespannt sein. Auch der Sonnenschein kommt uns gerade recht, um die lässige Stimmung perfekt zu machen. Das hauptsächlich entspannte Publikum chillt auf der Wiese und die Seifenblasen fliegen vorbei. Viel los ist hier dennoch nicht, die meisten werden wohl schon bei Fünf Sterne Deluxe (16:00 Uhr Blue Stage)

anstehen, um ganz vorne mit dabei zu sein. Es ist weniger voll als erwartet, wir bleiben dennoch ganz hinten, während die verrückten Hip-Hopper natürlich direkt mit ihrem „Fünf Sterne deluxe“ loslegen und schwupps alle Arme nach oben gerissen werden. Meine Musik wird es allerdings nie werden, obwohl der Unterhaltungswert der Konzerte von Das Bo und seiner Hamburger Gang mit den ironischen Texten nicht zu verachten ist. Wenigstens sind sie nach langer Abstinenz wieder da, die Fans sind heute jedenfalls so dabei wie am ersten Tag.

Mein Weg führt mich daraufhin zu der amerikanischen Indierock Band aus Brooklyn, die sich mittlerweile nur noch Augustines (16:45 Uhr Red Stage) nennt und mich vor zwei Jahren auf dem Frequency Festival absolut begeisterte. Das Trio um den charismatischen Frontmann Billy McCarthy punktet auch heute mit einer rockigen Mischung aus alten und neuen Songs aus dem im Januar erschienenen, selbstbetitelten Album. Auch wenn es nicht super voll ist, ihre Fans sind ganz bei ihrer Musik und feiern die Augustines, welche sich wiederum für das großartige Publikum bedanken. Nach dem nun folgenden ersten richtig heftigen Regenschauer flüchten viele ins Zelt zu The 1975 (18:00 Uhr White Stage) aus Manchester, die es verstehen mit ihrer energetischen Performance und dem experimentellen Stilmix aus Pop, Elektro, RnB und Indie-Rock das Publikum mitzureißen. Wir bekommen allerdings nur noch das Ende mit und gönnen uns eine kleine Verschnaufpause bis zum Beginn von Family Of The Year (19:15 Uhr White Stage), deren Erfolgshit „Hero“ schon der Titelsong des Films „Frau Ella“ mit Matthias Schweighöfer war. Im letzten Jahr überraschten Sie mich mit einer tollen Performance auf der Berlin Music Week, doch jetzt will mich der einst frische Folkpop nicht mehr so recht begeistern, der Eindruck von Belanglosigkeit und fehlender Motivation überwiegt, obwohl ihre hartgesottenen, vor allem recht jungen Fans das Konzert scheinbar unendlich genießen und mit der Musik mitgehen.

Etwas enttäuscht mache ich mich gespannt auf den Weg zu den legendären Pixies (20:45 Uhr Blue Stage) aus Boston. Die amerikanischen Indie-Vorreiter mit Charakter-Frontmann Black Francis haben mit ihrem besonderen Independentsound Musikgeschichte geschrieben und viele berühmte Bands inspiriert. Das vorwiegend ältere und männliche Publikum zelebriert jeden einzelnen ihrer Songs, obwohl das gesamte Konzert recht „statisch“ verläuft. Nähe zu sowie die Kommunikation mit den Fans hat im Grunde noch nie geschadet, trotzdem fehlt diese bei vielen „alten“ Bands, so auch bei New Order oder The Smashing Pumpkins in den vorangegangenen Jahren. Kim Deals Bass-Nachfolgerin Paz Lenchantin fügt sich hingegen prima in die Band ein. Zu ihren beliebtesten Klassikern wie „Monkey Gone to Heaven“ und „Where Is My Mind?“ wird kollektiv mitgegröhlt und man blickt ausschließlich in glückliche Gesichter.

Während Feuerwerk und Rauchwolken der exklusiven Festival Performance von Kraftklub (21:15 Uhr Green Stage) den Himmel einfärben, eile ich fix rüber zu dem Multitalent und Mädchenschwarm Tom Odell (22:00 Uhr Red Stage), der es mit sage und schreibe 22 Jahren und seinen expressiven Popsongs sofort schafft, das ebenfalls recht junge Publikum zum Dahinschmelzen und vor allem zu seinem Hit „Another Love“ zum Kreischen zu bringen. Die stimmgewaltigen Pianomelodien ziehen alle sofort in ihren Bann, da stört selbst der kleine Schauer nicht, der direkt vor der Bühne zu einer phantastischen Atmosphäre und zu tollen Fotos führt.

Direkt im Anschluss geht es nebenan zu dem Konzert von Interpol (22:30 Uhr Blue Stage), die ich schon lange auf meiner Live Wunschliste habe. Die New Yorker Retro-Band um Sänger Paul Banks lässt schwermütige Postpunk und New Wave-Hymnen mit treibenden Indie-Beats verschmelzen, die Bühne ist passend dazu wechselweise in tiefes Blau und Rot getaucht. Die Einflüsse von The Cure, Joy Division oder The Smiths sind nur schwer von der Hand zu weisen, die prägnante Stimme des Frontmanns Paul Banks erinnert sehr an die düsteren Melodien der 80-er Jahre. Zunächst spielen sie viele ihrer frühen Songs, stellen uns aber auch einige aus dem im September erscheinenden fünften Studioalbum „El Pintor“ vor. Ich freu mich jetzt schon auf viele neue Songs dieser großartigen Live-Band. Das Konzert ist definitiv jetzt schon einer meiner Highlights des heutigen Tages. Auf dem Festivalgelände ist es derweil etwas ruhiger geworden, da sicher so einige zurück zu den Zelten gegangen sind um das Deutschlandspiel gegen Ghana zu verfolgen. Wir schauen uns noch den letzten Rest des Auftritts der gehypten Schwedin Lykke Li (23:30 Uhr Red Stage) an, die derzeit als Indiepop Sensation gefeiert wird. Ich verstehe den Hype dennoch nicht, auch wenn Sie von vielen Fans, zumindest bis zu Ihrem Dauerschleifen-Chart-Hit „I Follow Rivers“, frenetisch gefeiert wird, danach rennen hier jedenfalls auch alle direkt weg. Den gleichförmigen Elektropop den ich hier höre klingt für mich relativ belanglos und macht mir das Warten in der Kälte zu so später Stunde auf die im letzten Jahr durch ihre Absage schon arg vermissten Belle and Sebastian (01:00 Uhr Red Stage) nicht unbedingt leichter.

Dafür hat es sich dann aber wenigstens gelohnt, denn diese wundervolle britische Indiepop Band kann meine hohen Erwartungen trotz mittlerweile frösteligen Temperaturen absolut erfüllen. Der zu später Stunde offensichtlich gut gelaunte Frontmann Stuart Murdoch mit seinem 12-köpfigen Musikerkollektiv gibt sich heute kommunikativ und packt alles aus dem Songkoffer, was ihr Repertoire so hergibt. Tanzstimmung kommt direkt bei „I’m A Cuckoo“ auf, und zu „The Boy With The Arab Strap“ und „Legal Man“ wird sogar eine ganze Gruppe tanzfreudiger Fans auf die Bühne geholt. In ihren durchweg groovigen Sounds mit Einflüssen von Folk, Pop, Elektro, sowie rockigen und bluesigen Sidesteps werden alle möglichen Instrumente eingesetzt, von Streichinstrumenten über Djembé Trommeln, Trompete, Piano, Cello, Melodica, Flöte usw. Man muss diese aus hervorragenden Musikern bestehende, sympathisch-zurückhaltende Band einfach lieben, ihre zauberhaften kleinen Geschichten, die sie mit all ihren Songs erzählen sind eben fast wie ein Kinderbuch, nach dem sich auch tatsächlich der Bandname herleitet. Ein traumhafter Abschluss des langen zweiten Festivaltages lässt uns im Anschluss erschöpft in die Kopfkissen sinken.

Der Festivalsonntag

Zwar fühlen wir uns noch ein wenig verschlafen an diesem Sonntag Mittag, wie wohl so einige andere auch die hier auf dem Festivalgelände herumstromern, aber als das noch als Insidertipp gehandelte Trio London Grammar (13:30 Uhr Blue Stage) bei herrlichem Sonnenschein die Bühne betritt, haben sich bereits extrem viele Leute davor versammelt. Ganz schnörkellos gibt sich die junge britische Band, auch Hannah Reid selbst ist nicht mal besonders gestylt, kleidungstechnisch sieht sie eher aus, als ob sie gerade die Schulklasse verlassen hätte. Doch obwohl sie gerade an einer Mandelentzündung leidet und uns deshalb um gesangliche Unterstützung bittet, gibt sie hier alles und kann uns mit ihrer außergewöhnlichen Stimme sofort in ihren Bann ziehen. Die einfühlsamen Songs wirken dramatisch, fesselnd, die Instrumentierung unterstützt den Spannungsbogen innerhalb der Songs, die Ruhe vor dem Sturm, dann platzen die Drums wie ein Gewitter heraus und kehren zur Ruhe zurück. Das Publikum ist fasziniert und lauscht aufmerksam den bezaubernden Melodien, doch ehe man sich versieht ist der Zauber nach zwanzig Minuten bereits vorbei, aber wenigstens haben sie ihren Erfolgssong „Hey Now“ noch für uns gespielt, mit dem London Grammar 2012 der Durchbruch gelang.

Etwas schwungvoller geht es direkt mit dem flotten Electro-Pop von Metronomy (14:45 Uhr Blue Stage) weiter. Die weißen Anzüge der Briten passen irgendwie zu der Leichtigkeit ihrer elektronisch-verspielten Beats, und so bringen sie endlich das noch immer verträumte Publikum dazu das Tanzbein zu schwingen. Mit „Love Letters“ und ihrem Megahit „The Look“ haben sie endgültig alle aufgeweckt, es wird geklatscht und sogar textsicher mitgesungen. Sie sind einfach immer wieder toll, da kann man sicher nichts verkehrt machen, wenn man sich Metronomy auch gleich noch mal beim Melt! Festival anschaut. An der Red Stage warten schon die Texaner Midlake (15:45 Uhr Red Stage) auf uns, die mit ihrem amerikanischen Indierock und einem warmen Gitarrensound prima ein wenig zum Chillen in der Sonne einladen. Sicherlich ist der seit 1999 in wechselnder Besetzung bestehenden Band noch immer nicht der europäische Durchbruch gelungen, allerdings sind sie für viele ein Nischenfavorit, der absolut hörenswert ist und zum Verweilen einlädt.

Ehrlich gesagt war ich im Vorwege etwas gespannt auf den diesjährigen Auftritt des britischen Singer-Songwriters Mike Rosenberg alias Passenger (16:15 Uhr Blue Stage), der ja bereits 2013 das gesamte Publikum mit seiner One-Man-Show an der Red Stage um seinen Finger wickelte. Ich komme gerade rechtzeitig zu „Let Her Go“ an der Bühne an, die australische Fahne wird geschwenkt und Seifenblasen fliegen über das bereits komplett euphorisierte Publikum, welches schließlich zu „Holes“ kollektiv den Refrain mitsingt und Passenger fast zu Tränen rührt. Selten habe ich so ein treues Publikum gesehen, welches sich so intensiv von seinen wunderschönen folkigen Melodien und seiner absoluten Sympathie und unermüdlichen Spielfreude einfangen lässt, genau dies scheint das Geheimnis seines großen Erfolges zu sein. Ein weiterer Versuch mit den verrückten Bonaparte (17:45 Uhr Blue Stage) läuft bei mir leider wieder ins Leere. Zu Ihrer trashigen „Musik“ finde ich auch diesmal keinen Zugang, dann ist es wohl eben einfach so. Vielleicht bin ich da aber gerade auch zu ungeduldig, da mich die Dauerbesonnung schon ganz schön mürbe gemacht hat und wir mal für eine Pause auf die schattigen Bankplätze des Eichenrings flüchten, um ein wenig runterzukühlen und dem Sonnenbrand entgegenzuwirken. Hier sind wir wahrhaftig nicht die einzigen, die sich eine Ruhepause mit hervorragendem Blick auf die Green Stage und über das gesamte Festivalgelände gönnen.

Da passt es eigentlich ganz gut, dass die Herrschaften der Indierocker von Franz Ferdinand (18:15 Uhr Green Stage) soeben die Bühne betreten. Los geht´s mit klassischen Klaviermelodien und einem stylischen Schwarz-Weiß Outfit des Quartetts aus Glasgow, um die es einige Jahre sehr ruhig war. Sie präsentieren einige neuere Songs aus ihrem aktuellen Album „Right Thoughts, Right Words, Right Action“, aber lange müssen die Fans nicht auf die absoluten Tanzkracher wie „No You Girls“ oder „Do You Want To“ warten. Auf jeden Fall wird hier ordentlich abgefeiert, Klopapierrollen fliegen über die Crowd und die Masse springt im Takt in einer riesigen Staubwolke, während Frontmann Alex Kapranos nur noch von der „Hurricane Party“ singt und sich erste Circle Pits bilden. Mit ihrem mitreißenden Britpop heizt Franz Ferdinand das Publikum ordentlich an, bringt es zum Mitsingen, Mitklatschen und Armeschwenken. Überraschend kommt der vom Gitarristen Nicholas McCarthy auf Deutsch gesungene Song „Erdbeermund“ mit vorwiegend elektronischen Beats und dem Abschluss „Danke Anke!“. Mit „Take Me Out“ und den knarzigen Gitarren von „Ulysses“ erreicht das Konzert hier seinen Höhepunkt während der Staub schon bis in den Himmel aufsteigt. Nach dieser kleinen Verschnaufpause, am dritten Tag darf man sich die auch mal gönnen, geht es natürlich zu den „Broten“ Fettes Brot (21:00 Uhr Blue Stage), die nach fünf Jahren endlich ihr neues Studioalbum „3 is ne Party“ herausgebracht haben.

Und was schon der Albumname verspricht ist heute hier Programm. Das gesamte Field von vorn bis hinten bebt bereits zu den ersten Klängen des Songs „Für immer immer“, in dem diverse Stadtteile Hamburgs Erwähnung finden. Das Publikum feiert ihre Hamburger Jungs von Anfang an, die uns natürlich mit dem klassischen „Moin Moin“ und dem Kommentar „Ihr seht gut aus!“ begrüßen. Unsere Lieblings-HipHopper schmettern einen Hit nach dem anderen raus, es folgen unmittelbar danach „Erdbeben“, „Emanuela“ und „Jein“, zu dem das gesamte Publikum in die Höhe springt und sich in Circle Pits austobt. Es herrscht eine tolle ausgelassene Stimmung vor der Blue Stage, die Fans sind nahezu willig alles für ihre Idole zu tun, so dass auf Kommando die Arme nach oben geworfen werden und nicht nur zu „Nordisch by Nature“ lauthals mitgesungen wird. Es ist eine wahrhaftig fette Party, bei der sich die Band selbst auf der Bühne austobt und sogar die Security mitfeiert. Eins weiß ich ganz sicher, das nächste Mal muss ich unbedingt ganz vorn mit dabei sein! Ein kurzer Blick ins Zelt zu  Moderat (22:00 Uhr White Stage) lässt uns nicht schlecht staunen, da hier überhaupt nichts los ist, das hatten wir so nicht erwartet. Allerdings haben die elektronischen Musikfrickler aus Berlin heute starke Hauptstadtkonkurrenz auf der Bühne gegenüber.

Den perfekten Abschluss des sonnigen Festivaltages bildet zum Sonnenuntergang nämlich Dancehall Experte Pierre Baigorry (Peter Fox) mit seiner Party-Gang Seeed (22:30 Uhr Green Stage). Mit dem Kracher „Augenbling“ haben die Berliner Stimmungskanonen sofort die gesamte feierwütige Hurricane Meute auf ihrer Seite und zeigen zu dritt gekonnt ihren legeren synchronen Hüftschwung. Das Publikum bebt und springt mit nach oben gerissenen Armen praktisch das ganze Konzert durchgehend, sei es zu „Deine Zeit“ oder auch „Schwinger“, doch bei „Harlem Shake“ flippen alle noch einmal komplett aus. Mein Fazit ist, dass Seeed des Headliners absolut würdig ist, denn sie geben sich publikumsnah, bestens gelaunt und haben mit einem riesen Spaß an ihrer Live-Performance keinen Grashalm auf dem anderen gelassen.

Wieder einmal geht ein großartiges Hurricane Festival zu Ende, bei dem das Wetter zwar kühl aber dennoch stabil geblieben ist und uns am Sonntag sogar mit viel Sonne verwöhnt hat. Die lustigen Walking Acts haben die Festivalbesucher auf dem Gelände unterhalten, wir haben top Bands gesehen und alle haben -auch ohne Fußballübertragung- der Musik wegen so richtig abgefeiert. Organisatorisch lief auf dem Festivalgelände aus meiner Sicht alles glatt, mir sind keine großartigen Pannen bekannt, keine Bands mussten absagen, toll! Sehr erfreulich ist auch in diesem Jahr das steigende Engagement seitens des Veranstalters bezüglich Naturschutz und Umweltverträglichkeit des Festivals, sei es der Pfandautomat, die Recycling Stationen, die Umweltzertifikate der Reinigungsfirmen oder das inkludierte Metronom Ticket zur Anfahrt, hier geht es jedes Jahr einen deutlichen Schritt voran.
Das nächste Hurricane Festival findet vom 19.-21.Juni 2015 statt, die Wildcards sind leider bereits vergriffen, insofern geht es munter weiter mit der Frühbucherphase. Die Kombitickets erhaltet ihr direkt auf www.hurricane.de

Fotos: Rainer Keuenhof, George Ezra/Chuck Ragan: Andre Havergo
Seht Euch die kompletten Alben des Hurricane Festival 2014 hier an!