Sag niemals leise tschüss! – Rock am Ring 2014

Ein Knaller war es alle Male. Als MLK durchsickern ließ, dass 2014 das letzte Jahr Rock am Ring auf dem legendären Nürburgring stattfindet, waren viele Festivalisten, gelinde gesagt, ziemlich überrascht. Nichtsdestotrotz, der neue Eigentümer Capricorn will ein eigenes Mekka für Feierwütige schaffen. Doch Ringrocker können aufatmen: Eine alternative Location in Mönchengladbach ist schon so gut wie festgezurrt und die Zukunft ist damit fast gesichert. Also los, lasst uns ein letztes Mal den Ring unter dem Original auseinandernehmen!

Donnerstag

Man betritt die Centerstage bei strahlendem Sonnenschein, als Pennywise mit ihrer „Bro Hymn“ die Meute zu epischen „Woooohooo“ -Parts verleiten. Noch Minuten nach ihrem Auftritt hört man den Mitgesang aus krächzenden Kehlen erklingen. 90-er Punkrock gibt es heute satt auf der größten aller Bühnen. Die Punk-Veteranen von The Offspring lassen mit dem gesamten „Smash“-Album alte Zeiten aufleben. Bei den Zuschauern, die anscheinend kaum einen Song kennen, kommen „Nitro“, „So Alone“ und „What Happened To You“ so an, wie das Aufräumen nach einer durchzechten Hausparty: Alles ist träge, leicht verkatert und nicht wirklich in der Stimmung eines der besten Punkrock-Alben der 90-iger zu feiern. „Oh, you wanna hear the hits, right?“, erkennt ein sichtlich genervter Dexter Holland und spielt „Pretty Fly (For A White Guy)“ an. Soviel dazu.

Es wird dunkler und kühler, Leute ziehen ihre Jacken zu und wer kann tauscht die kurze Hose gegen eine Jeans. Passend dazu erscheinen plötzlich beeindruckende Aufnahmen der Antarktis auf den beiden Leinwänden. Ein Knall, etwas Rauch, Iron Maiden rennen on Stage und beginnen mit „Moonchild“ ihr zweistündiges Set. Sänger Bruce Dickinson thront auf einer riesigen Empore, gestikuliert und springt wie ein Gummiball auf der Bühne umher. Die Briten lassen sich von der Meute ordentlich feiern, überall sieht man Pits, lachende Gesichter und jede Menge Bierbecher durch die Gegend fliegen. Als wären die Herren nie gealtert. Zeitweise bekommt man aber auch das Gefühl, Quick Change Artisten bei ihrer Show zuzusehen: Das sich ständig wandelnde Bühnenbild, samt der Kleidung  sorgt für weitere besondere Momente. Ob im Admiralsook, im Kettenhemd oder im Trench Coat – Iron Maiden liefern eine wirklich ordentliche Show.

Danach wird es still, sehr still. Ein Special Guest ist bei Rock am Ring angekündigt, eine große Hausnummer. Bis zum Auftrittstag wird es geheim gehalten, viele Gerüchte liegen in der Luft. Wer könnte es sein? Die Beatsteaks? Die Toten Hosen? Oder gar der Hasselhoff? „Naaa, des isch der Cro. Der macht’s heut den Special Guest!“, grölt ein angetrunkener Bayer einem ins Gesicht. Das große Geheimnis ist gelüftet, die Reaktionen sehr bescheiden. „Der kann höchstens mein Klo putzen“ ist noch einer der netteren Kommentare. Überraschenderweise kann das Publikum all seine Lieder textsicher mitsingen und folgt allen Anweisungen des Stuttgarter Rappers (Hände hoch, Mitsingen, Ausrasten).

So, genug für einen Abend. Man zieht sich zurück und wartet darauf, dass 27 Grad Celsius und die pralle Morgensonne einen am

Freitag

zum Aufwachen bewegen. Als guter Reporter begibt man sich natürlich auch unters Fußvolk, genauer gesagt auf den Campingplatz A5 um zu schauen, wie die Bourgeoisie haust. Es ist sofort erkennbar, dass die Leute hier mehr Spaß haben als die ganzen schwitzenden Reporter im Media Center. Man wird zu Bratwurst (von netten Herfordern), zum selbstgebrauten Apfelschnaps (von netten Berlinern) und zu Becks (von noch netteren Tierern) eingeladen. Eine willkommene Abwechslung zum ach so harten Redaktions-Alltag.

Die Musik kommt auch heute nicht zu kurz. Vor allem die Herren von Awolnation können sich live behaupten. Weniger gut präsentieren sich zu Beginn der erstmalige Co-Headliner Mando Diao auf der Centerstage, können jedoch das Ruder mit „Gloria“ und „Dance With Somebody“ herum reißen und die Meute zum Tanzen bewegen. Im Anschluss wird es hart: Die erste große Überschneidung steht an; soll man sich Kings of Leon oder doch die Queens of the Stone Age angucken? Es wird nach langem hin und her letzteres und eins vorweg: Es war definitiv die richtige Entscheidung! Seien es Klassiker wie „Little Sister“, „Go With The Flow“, oder neuere Songs à la „My God Is The Sun“ – das Publikum ist von Anfang an dabei, stimmlich, physisch und pyrotechnisch! Als besonderes Schmankerl legt sich Frontmann Josh Homme noch mit den Sicherheitskräften an: „Hey, don’t let these motherfuckers tell you what to do! This is your night, so who wants to lose his mind?“ Ein freudiges Aufschreien, ein weiteres Mal Eskalation mit „Song For The Dead“ in den ersten Reihen und fertig ist eine grandiose Rock n Roll Show.

Musikgeschmack ist ja bekanntlich subjektiv und eine gewisse Toleranzgrenze muss auch immer bei Leuten vom Fach vorhanden sein. Aber als Trent Reznor, Mr. Nine Inch Nails himself, die Bühne betritt und sich ein blondes Pärchen fragt, was der Spasti da auf der Bühne will und wann endlich der Jan Delay kommt, kann man sich nur an den Kopf fassen und den beiden Hohlbirnen lebenslanges Festivalverbot erteilen. Denn was der mit einem Oscar prämierte Musiker als letzter Act des Tages abliefert, ist musikalische Champions League. Das Publikum starrt wie gebannt auf die Bühne und ist von Anfang bereit sich in dieser Show zu verlieren.  Allein der seichte Pianoklang beim Intro von „Hurt“ sorgt als letzter Song des Abends für einen der schönsten Momente des Festivals. Selbst Reznor muss sich den Pipi aus den Augen wischen. Niemand kann einen so tollen Abschluss eines Festivaltags verderben. Das schafft selbst kein Wilson Gonzales Ochsenknecht und seinem auf Wolke 7 schwebenden Gefolge, mit denen man sich ein Shuttle zum Media Center teilen muss.

Samstag

Kommen wir von einem musikalischen Höhepunkt zu einem musikalischen Tiefpunkt des Festivals: Die Rapper der Combo 257ers erfreuen sich in ihrer Heimatstadt Essen keiner großen Beliebtheit, da sie imageschädigend für die Region seien. Kurzerhand erteilte die Stadt ihnen Auftrittsverbot auf unbestimmte Zeit. Umso verwunderlicher ist es, dass man solch eine Band als Opener auf der Centerstage präsentiert. Dort machen ihrem Ruf als die „behindertsten Rapper Deutschlands“ wirklich alle Ehre. Das Publikum lässt sich von den schwachen und ausnahmslos vulgären Texten nicht weiter stören. Selbst als Rapper Shneezin damit prahlt, dass er seine Kronjuwelen in vollem Umfang auf der Bühne beim Webvideopreis präsentierte, feiern ihn die Leute. Die Krönung des Sets ist ein MP3-Medley mit Spongebob-Schwammkopf, Cotton Eye Joe und vielen anderen Trash-Musikstücken der letzten Dekaden. Wer Spielzeit zu verschwenden hat und trotzdem gefeiert wird, muss anscheinend irgendetwas richtig gemacht haben. Dennoch, auch golden angemalte Scheiße stinkt bis zum Himmel und so krönen sich die 257ers als schlechteste Live-Band des Festivals. The Pretty Reckless schließen sich dem an und machen leider auch keine gute Figur bei ihrer Show. Zwar posiert Sängerin Taylor Momsen gewohnt freizügig und in eindeutigen Positionen, aber ihr Softporno lässt selbst die männliche Fraktion vollkommen kalt. Deutlich besser sieht es da beim Entertainment-Talent Alligatoah aus. Der Rapper aus dem Hause „Trailerpark“ zeigt sich gewohnt spielfreudig und verpackt seine Bühnenshow mit jeder Menge Humor und mit einem grandiosen Gast-Auftritt von Timi Hendrix bei dem Song „Trostpreis“.

Dass ein neues Festival seine Schatten auf dem Nürburgring voraus wirft, haben  die meisten Festivalisten nun endgültig wahrgenommen. Nichtsdestotrotz oder gerade deswegen lässt Marek Lieberberg die Gelegenheit nicht aus eine bewegende PR-Rede kurz vor dem Auftritt der Fantastischen Vier zu halten. Anekdoten von damals werden erzählt, Leute der ersten Stunde auf die Bühne geholt, Marek lässt es sich sogar nicht nehmen „Wir sind der Ring!“ – Chöre anzustimmen. Als grandiosen Höhepunkt genießt der sichtlich gerührte Veranstaltungs- und Festivalveteran ein Bad in der Menge und klatscht gefühlt die ersten 50 Reihen ab. Herr Lieberberg hat seine letzte Chance auf Promo genutzt. Und wie!

Es dürfte inzwischen wohl jedem aufgefallen sein, dass das Wort „Rock“ bei „Rock am Ring“ etwas verblasst ist, spätestens bei den beiden Auftritten von Die Fantastischen Vier auf der Centerstage und Sierra Kidd auf der Clubstage. Sicherlich machen beide Künstler Stimmung unter den Menschen, musikalisch belanglos sind beide dennoch alle Male für dieses Festival. Ab und an wünscht man sich ein wenig mehr Solis, statt Tunes, epische Mitsingtexte, statt Bars, etwas mehr Inhalt, statt „ich will nur noch FIFA 14 spielen“.
Den krassen Kontrast hierzu bieten die Rock am Ring – Dauergäste Linkin Park. Gleich zu Beginn werden Klassiker wie „One Step Closer“ oder „Papercut“ frenetisch von der Menge bejubelt. In allen drei Wellenbrechern springen sich die Menschen ihre Füße kaputt, ohne Ambition den Boden der Normalität je wieder erreichen zu wollen. Definitiv der beste Ring-Auftritt ihrer Bandkarriere. Man wechselt anschließend zur Clubstage, bei der sich das Spaß-Duo von SDP als die Überraschung des Festivals entpuppt. Selten hat man ein so entspanntes und witziges Konzert erlebt, bei dem man zwar kaum einen Song kannte, aber nach einer Minute den Text wegen seiner Eingängigkeit direkt mitsingen kann.  Hinzu kommt eine perfekt einstudierte Show, samt einer Gummipuppe als Leiche und der Ausrufung der „Bunten Spaßrepublik Deutschpunk“. Herrlich schräg und ein perfekter Abschluss für den Samstag.

Sonntag

Der Sonntag steht im Zeichen des Untergrunds: Auf der BecksStage geht es bereits um 12:00 Uhr mit den Kölner Lokalpatrioten AnnenMayKantereit in die erste Runde. Zwar findet der Gig nur vor ca. 30 Zuschauern statt, aber davon lassen sich die Kölner nicht beirren und liefern für diese Uhrzeit einen wirklich guten Opening-Act ab. Nicht minder schlecht macht sich die Berlinerin Nessie als erste Künstlerin auf der Alternastage. Ihr Song „Hush Hush“ hat sich über die sozialen Medien schnell verbreitet, mit einer richtigen Band im Hintergrund klingt der Song noch einmal um einiges druckvoller und verleiht dem Song eine ganz besondere Atmosphäre. Dass so wenig Leute bei diesen beiden Geheimtipps vor Ort sind, kann einfach nur an dieser verdammten Hitze liegen: Wie froh man ist, dass man bei diesen gefühlten 50 Grad im Schatten nicht in einem Zelt gepennt hat. Bah, was für ein exotischer Hitzeabschluss, der sogar noch einen Rekord aufstellt: Kein Regen bei Rock am Ring! Kein Regen? Nicht ganz. Eine Unwetterwarnung wird für den Nachmittag heraus gegeben. Es soll hageln und regnen. So heißt es. Aber als man nach einem Schreibmarathon das Tageslicht wieder erblickt sieht man nicht eine einzige Wolke am Himmel, dafür nur noch mehr verbrannte Gesichter.

Neben Seether, machen vor allem der Co-Headliner Avenged Sevenfold eine besonders gute Figur. Da helfen auch keine „Langweilig, Langweilig“ – Rufe von angetrunkenen Altherren, die sich wohl ein Becks Lemon zu viel genehmigt haben. „A7X“ sind der perfekte Einheizer für die Band, welche die Ehre hat, als letzte Kapelle noch einmal die Centerstage abzureißen. Und wie sie das tun. Metallica lassen Ihr ganzes Können und ihre ganze Spielfreude über zwei Stunden aufblitzen. Die Fans kommen auch nicht zu kurz, wenige Auserwählte haben sogar das Glück einzelne Songs ansagen zu dürfen. Dabei bemerkt man deutlich, dass Männer die besseren Ansager sind bei solch einer Band, da Sie einfach in einer für Menschen erträglichen Tonlage die Lieder ankündigen und nicht gefühlte zehn Oktaven zu hoch: „Gimme fuel, Gimme fire, Gimme that which I desire, Ooh!“ In der breiten Menge sieht man ekstatische Gesichter, die jeden Song mitbrüllen. Natürlich dürfen Klassiker wie „Enter Sandman“ oder „Nothing Else Matters“ in der Setlist nicht fehlen. Eine Überraschung erlebt man in der Zugabe mit „St. Anger“. Wie James Hetfield richtig bemerkt, ist das Album „a very misunerstandable record“. Noch einmal „Seek & Destroy“, noch einmal lässt sich eine Horde von Crowdsurfern in die vorderen Reihen tragen und noch einmal fliegen schwarze Bälle in die Menge, dann ist es aus, vorbei! Rock am Ring auf dem Nürburgring ist Geschichte!

Das Fazit

Das Jahr 2014 war ein würdiger Abschluss des Festivals auf der alten Rennstrecke und bot einiges an Überraschungen. Zwar war das Line-Up breit gefächerter denn je und hatte auch einige Fehlbesetzungen – dennoch haben die Headliner und vor allem die Combo Queens of the Stone Age/Nine Inch Nails den anfänglichen Argwohn fast vollständig verfliegen lassen. Nichtsdestotrotz bleibt es abzuwarten, ob Rock am Ring auch an anderer Stelle ein Erfolg bleiben wird. Zwar hat Marek Lieberberg seine Fans und Verehrer noch einmal eingeschworen, am Ende werden dennoch Ticketpreise und Booking die entscheidenden Faktoren sein. Es bleibt spannend. Um den Bericht mit den Worten von James Hetfield zu beenden: „Let’s move on to the next place!“. Amen!

Bestes Konzert: Nine Inch Nails

Schlechtestes Konzert: 257ers

Größte Überraschung: SDP

Moment des Festivals: Die ersten Klänge von „Hurt“ (NIN), nachts auf der Alternastage

Coolster Festivalbesucher: Dieser Typ

 

2 Kommentare

  1. Schön geschrieben! Mein Highlight war auch NIN, ich war persönlich ganz vorne! Seid 2009 in Düsseldorf nicht mehr live gesehen und ich war mal wieder überwältigt!

    Wo gibts denn die Aufzeichnung von NIN in eins Plus zu sehen?

  2. Hi Malte,

    danke für’s Feedback! Ich habe gehört, dass es 1Plus verboten wurde den Auftritt aufzuzeichnen. Reznor wollte das nicht.

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