Stadionpunk in der Domstadt – Die Ärzte im Rhein-Energie Stadion, Köln, 15.06.2013

DATUM» 15.06.2013
ARTIST»
EVENT»
VENUE»

Silvester 2006 war ein besonderer Tag für die Ärzte. Die selbsternannte „Beste Band der Welt“ veranstaltete am 31.12.2006 ihr erstes Stadionkonzert mit Namen „Ärzte statt Böller“ in Köln. Für die Zuschauer dort war es damals ein einmaliges Spektakel, inklusive Feuerwerk, mehrerer Songwünsche und einer großartigen Open-Air Atmosphäre im tiefsten Winter. Siebeneinhalb Jahre später steht uns ein ganzes Festival im Rahmen eines Konzerts der Ärzte (aus Berlin!) bevor. „Ärztival“ nennt sich das Ganze und füllt deutschlandweit die Fußballstadien in Hülle und Fülle. Trotzdem kauft man BelaFarinRod ihr sogenanntes „Festival“ zumindest in Köln nicht komplett ab. Spielen in anderen Locations auf der Ärztival Tour Bands wie die Donots oder NoFX, muss man sich heute mit eher semi-spannenden Acts begnügen.

Den Anfang machen The Damned aus Großbritanien, die wohl die wenigsten Besucher kennen, sich aber soundtechnisch noch am ehesten dem Genre der Ärzte anpassen. Stimmung will trotzdem keine aufkommen. Das ändert sich auch eher nur bedingt bei Triggerfinger, von denen man immerhin das Lykkie Li Cover „I Follow Rivers“ kennt. LaBassBranda können die Stimmung etwas steigern, sodass ein paar Ärztefans die Steherei satt haben und erste Aufwärmübungen in Form von Pogo untereinander betreiben.

Die Minuten der Ruhe nach dem Auftritt der letzten Vorband verrinnen zäh wie Gummi. Als auf einmal das Intro von „Planet Punk“ (meiner Meinung eines ihrer besten Alben) ertönt und der Vorhang sich nach und nach entblättert, stehen dort die drei Ü-50er und beginnen ihr Set mit „Wie es geht“. Schon rollt die Ärzte Hitparade! „2000 Mädchen“ und „Hurra“ folgen kurz danach, bis es zum ersten unterhaltsamen Höhepunkt des Abends kommt: „Oma, haben wir noch Curryking?“ Mit den Worten hätten die Ärzte ihren Gast auf der Bühne präsentieren können. Dennis alias Martin Klemnow, bekannt aus der Fernsehserie „Switch“, stellt sich beim Publikum als neuer Praktikant des Trios vor und darf direkt sein pantomimisches Können präsentieren, als er die Choreografie von „Lass redn“ performen muss.

Irgendwann hat man aber dann doch genug von der Ärzte Hitparade. Wo bleiben die Überraschungen? Kein „Müngersdorfer Stadion“? Keine Songwünsche? Keine Variationen in Songs wie beispielsweise sonst üblich bei „Rock Rendezvous“? Die Enttäuschung darüber schlägt sich durch und durch in der Setlist nieder. Gerade einmal 4 von den 31 gespielten Songs sind aus der Zeit vor ihrer ersten Auflösung. Darunter ist glücklicherweise „Westerland“, welcher von einem crowdsurfenden Eismann begleitet wird. Ohnehin hat das Konzert einiges an Kuriositäten zu bieten: Da will man sich einmal selbst in die etwas maue Atmosphäre am linken Teil der Bühne einbringen, kreiert eine wunderschöne, ausgereifte Wall of Death, der Song beginnt – und keiner läuft los! Selten hat man einen Konzertreporter so perplex gesehen. Scheißegal, wer nicht will der hat schon, also alleine ins Getümmel, irgendwer wird schon mitlaufen. Und siehe da, ein höchstmotivierter Ü-30er taumelt mir brüllend entgegen. Es kommt einem kurz so vor, als wäre man am Set von irgendeinem historischen Spielfilm, wo gerade der Endkampf zwischen den jeweiligen Helden stattfindet. Der Ü-30er, höchstwahrscheinlich ein frustrierter Versicherungsverkäufer, der einfach momentan keine Kunden davon überzeugen kann, dass Tornardos in Köln keine Seltenheit bald mehr sein werden und, dass man sich unbedingt dagegen versichern müsse, läuft mit einem Affenzahn auf den Reporter zu und will seinen ganzen Frust entfesseln. Beide prallen in die hergekommene Richtung zurück. Unentschieden! Immerhin erhält man Anerkennung von der Bühne. Farin Urlaub bedankt sich artig „bei den beiden Typen, die gerade einen Schaukampf auf Leben und Tod veranstaltet haben.“ Keine Ursache, und jetzt spielt bitte den alten Kram!

Doch vergebens. Das Hauptaugenmerk liegt auf den letzten beiden Alben „auch“ und „Jazz ist anders“. Richtig Fahrt will da aber eher bei anderen Stücken aufkommen, wie „Schrei nach Liebe“ und „Unrockbar“. Was man immerhin noch von alten Konzerten kennt, sind jede Menge Blödeleien. So wird für die neue Ärzte-DVD „Die Nacht der Dämonen“ das gesamte Konzert Farin Urlaubs Teetasse gefilmt, sodass man vor dem Fernseher miterleben kann wie oft er während des Konzerts an diesem  richtigen Männergetränk nippt. O-Ton: „Das beste Bonusmaterial, was wir je hatten.“ Halt mittendrin, statt nur dabei!

Zur Zugabe wird es plötzlich düster. Die Sonne hat sich verzogen und macht Platz für die Nacht. Endlich kommt mal richtig Atmosphäre auf. Bela B. erscheint alleine auf der Bühne, beginnt mit sanften Gitarrenklängen das Publikum mit auf eine Reise zu einem ausgedienten, alten Mann in Transsilvanien mitzunehmen, zum Grafen höchstpersönlich. Das absolute Konzert-Highlight! Die Stimmung toppen kann da nur noch „Zu Spät“ in einer ungewohnt kurzen Version, da sind normalerweise 10 Minuten an der Tagesordnung.

Seit heute sollte man den Begriff „Routinierter Klamauk“ mit in das Wörterbuch der Deutschen aufnehmen. Ein Widerspruch in sich, die Ärzte können ihn jedoch perfekt ausführen. Die Live-Qualitäten waren wie immer vorhanden, jedoch war gerade die Setlist eine lieblose Aneinanderreihung von Hits ohne große Überraschungen. Nächstes Mal bitte ein wenig mehr Vielfalt, dann klappt es auch bestimmt mal mit einer schönen Wall of Death am linken Bühnenrand.