Udo Jürgens Der ganz normale Wahnsinn – Tour 2012, Arena Trier in Trier

Udo Jürgens Der ganz normale Wahnsinn - Tour 2012, Arena Trier in Trier
DATUM» 23.02.2012
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Udo Jürgens, weise 77 Jahre alt, ist einer der letzten großen deutschsprachigen Entertainer. Die Tour mit dem Titel „Der ganz normale Wahnsinn“ (so heißt das aktuelle Album) ist seine 24. Konzerttournee und allein diese Tatsache bescheinigt die stabile Erfolgswelle, auf der er seit vielen Jahrzehnten durch die Musikwelt gleitet. Die letzten Jahre läuteten gar eine Art Revival ein: Ein Musical mit seinen größten Hits wird in Deutschland aufgeführt, es gab eine große Gala zu seinem 75. Geburtstag, die Sportfreunde Stiller nahmen „Ich war noch niemals in New York“ gemeinsam mit dem Meister auf und die filmische Biographie „Der Mann mit dem Fagott“ wurde als Zweiteiler im ZDF aufgeführt.

Kein Wunder also, dass die Arena Trier aus allen Nähten platzte. Udo Jürgens präsentierte sich auch hier als großer Sänger und Charmeur. Sicher nicht immer stimmlich perfekt, aber stets mit einem Augenzwinkern, mit sehr sympathischem Auftreten und in ständiger Kommunikation mit seinen Fans. Man bekam ein Bild von ihm als ehrlicher Künstler, der nicht übertreibt, der sich nicht bei seinem Publikum einschleimt, der sich aber von der Begeisterung tragen lässt und in emotionalen Momenten auch mal feuchte Augen bekommt.

Beim ersten Song „Noch drei Minuten“ sah man nur seinen Schatten hinter einem Vorhang. Als dieser fiel, brandete enthusiastischer Beifall auf. Ja, er war wirklich da. Sichtbar älter geworden, aber trotzdem tänzelte er elegant über die Bühne und sonnte sich im Scheinwerferlicht. Udo Jürgens konnte es sich erlauben, die erste Konzerthälfte vor allem mit eher unbekannten Songs zu füllen. Gleich sechs Lieder des aktuellen Albums gab es im ersten Teil und nochmal drei im zweiten. Und das Publikum lauschte auf die Texte, folgte den Songs ohne Langeweile und ging zur Freude des Künstlers prächtig mit. Faszinierend, denn von poppiger Allerwelts-Schlagermusik konnte hier absolut keine Rede sein.

Ein hervorragendes Orchester bildete den musikalischen Hintergrund. Udo Jürgens meist am Piano, aber dann eine umfangreiche Mannschaft aus Streichern, Bläsern, Gitarristen, Rhythmusfraktion und bisweilen auch E-Gitarre. Der Sänger ließ den Solisten breiten Raum, stellte beispielsweise eine russische Violinistin ausführlich vor, brachte Flügelhorn, Saxofon und E-Gitarre ins Bild und gab auch seinem Background-Quartett Platz für viele Solo-Einlagen. Die zwei Frauen und zwei Männer sind nämlich zugleich ein A-cappella-Ensemble mit dem Namen The Voices, das auch allein hervorragend bestehen konnte. So war ein erster Höhepunkt die Kombination aus dem Jazz-Standard „Fly With Me“ und Udos eigenem Lied „Flieg mit mir“, die Sänger und Chor im Wechsel darboten. Ein fulminantes Ereignis, das viel Applaus einheimsen konnte.

Vor der Pause kam das Orchester auch für lange Zeit allein zum Einsatz: Es wurden Ausschnitte aus der Filmmusik zu „Der Mann mit dem Fagott“ (von Jürgens komponiert) gespielt und mit bewegenden Filmausschnitten auf großer LCD-Leinwand unterlegt. Sehr emotional!

Im zweiten Teil gab es dann im Wechsel mit weiteren ruhigen Songs auch die bekannten Gassenhauer des Entertainers: „Ich war noch niemals in New York“, „17 Jahr, blondes Haar“, „Aber bitte mit Sahne“, „Ein ehrenwertes Haus“, „Gaby wartet im Park“, „Mit 66 Jahren“ – das volle Programm, allerdings zum Teil in Medley-Form. Und dazwischen auch sehr moderne Stücke wie „Alles ist so easy“, das sich mit der englischen Verfremdung unserer Sprache auseinander setzt.

Jedes Udo-Konzert scheint eine eigene Fan-Choreografie zu haben. So kam es mir zumindest vor. Momente, in denen Damen (und auch Herren) nach vorne stürmen und Rosen überreichen. Der sogenannte „Bühnensturm“, wenn viele sitzende Zuschauer plötzlich nach vorne rennen und vor der Bühne eine jubelnde Masse bilden. Der Moment, in dem Udo Jürgens sein Einstecktüchlein in die Menge fallen lässt. Und dann natürlich das große Finale, wenn er im Bademantel auftritt. Die Party endete mit „Griechischer Wein“ und „Liebe ohne Leiden“. Nach fast drei Stunden Konzertdauer! Udo Jürgens zeigte hier, dass er noch nicht zum alten Eisen gehört. Und ich muss sagen, dass sie mir beide an diesem Abend gut gefallen haben: Der emotionale und nachdenkliche Udo, der viele persönliche Songs präsentierte, und die Schlager-Ikone, die ihre Hits erfrischend aktuell und in schönen Arrangements zu Gehör brachte. Von Bierzelt-Atmosphäre keine Spur.