Vom Reggae in die Traufe! Das Summerjam Festival 2014

DATUM» 04.07.2014 - 06.07.2014
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Man wird fast nostalgisch, wenn man an die Redaktionsbilder des letztjährigen Summerjam-Festivals am Fühlinger See denkt: Lachende Gesichter, gebräunte Haut – und vor allem Sonne satt. Es hätte doch alles wieder so kommen können, aber was  erwartet einen stattdessen in den kommenden Tagen und Nächten? Regen! Überall! Unwetter, Nässe und abgesoffene Zelte kennt man zu genüge von anderen großen Musikfestivals, doch es ist gerade das Wetter, das meistens ein Reggae-Festival wie das Summerjam komplett abrundet.

Der Freitag

Bereits beim Durchqueren der Campingplätze sind überall neidische Blicke auf Camper zu sehen, die das Glück hatten sich einen Platz direkt am See zu ergattern. „Wenn das mal nicht nach hinten losgeht“, lachen manche hämisch. Nur so viel dazu: Das wird es. Nichtsdestotrotz steht man pünktlich und in bester Feierlaune vor der Red Stage um den Beginn des „Marteria & Co Deluxe-Pakets“ in Form von Marteria selbst, Kid Simius und Miss Platnum zu sehen. Generell war der Aufschrei in den sozialen Netzwerken bei dieser Combo auffallend groß: Von unqualifizierten Aussagen wie „die Idioten haben hier nichts verloren“ bis hin zu „die nehmen anderen einen Slot weg“ ist alles mit von der Partie. Bei Miss Platnum behält die grässliche Fratze der Social Media Meute bedauerlicherweise recht. So sehr man versucht den Lyrics zu folgen oder zur Musik zu tanzen, so sehr schläfrig wirkt der Auftritt der Berlinerin. Lediglich zwei junge Frauen mit Sonnenblumenketten und Herzbrille klatschen bei jedem beendeten Song gen Himmel, als wolle man die Wolken damit verscheuchen, welche sich nun immer mehr verdichten. Nach einem halben Set hat man genug von der Dame und widmet sich der pickepackevollen Dancehall Area, bei der gerade das WM-Spiel Deutschland gegen Frankreich gezeigt wird. Auch hier kann man ein sehr internationales Publikum bestaunen: Neben Franzosen und Deutschen, sind auch jede Menge Jamaikaner, Holländer (besten Dank für das Schultenbräu) und Belgier vor Ort, um das Spiel der Spiele auf einer kleinen Wand zu verfolgen. Nach dem Abtauchen in Alibi-Patriotismus und „Deutschland, Deutschland“ – Rufe geht es schnurstracks zum verrücktesten Live-Act des gesamten Festivals. Was sich der Veranstalter bei der Verpflichtung des Österreichers Left Boy gedacht hat, kann er wohl nur selber wissen. Sicherlich liefert er eine gute Show ab, aber…Klopapierrollen und Eiscreme in die Menge werfen? Tanzende Riesenchucks auf der Bühne? Völlig überzogene und anstrengende Beats auf dem angeblich „größten Reggae-Festival“ Europas? Der Genrevielfalt in allen Ehren, aber die Kritik der „Entfremdung des Ursprungs“ ist spätestens seit dieser Mischung aus Macklemore und Moneyboy nicht mehr von der Hand zu weisen. Lediglich Marteria wird der Hetze nicht gerecht, sondern liefert eine tolle Live-Show ab. Allen voran sein Alter Ego Marsimoto kommt hervorragend bei der Menge an: Der Song „Grüner Samt“ hüllt die gesamte Red Stage in den süßen Geruch von Schwarzem Afghanen. Überall sind Feuerzeuge, brennende Lunten und glücklich verquollene Gesichter zu sehen. Zum ersten Mal hat man sogar das Gefühl, das Publikum könne textsicher mitsingen. Dies macht sich vor allem bei „Welt der Wunder“ bemerkbar, als ein einstimmiger Chor aus tausenden Kehlen den Refrain „Und du glaubst nicht an Wunder?“ dem Rostocker entgegen brüllt. Ein gelungener Abschluss für einen eher durchwachsenen Tag.  

Der Samstag

Bei der neutäglichen Runde über das Gelände am Samstag sind keine neidischen Blicke mehr auf Zelte direkt am Wasser gerichtet – einfach aus dem Grund, dass alle Schlafplätze samt Camper weggespült wurden. Zu verheerend sind die Regenmassen, die den gesamten Tag über auf das Festival niedergehen. Viele der Camper sind vor den Fluten zurück gewichen, haben ihre Lagerplätze, sofern diese noch nicht den Sturzbächen zum Opfer gefallen sind, von unmittelbarer Seenähe weiter nach hinten verlegt, um Schlafsäcke und Klamotten vor der Nässe zu schützen. Trotzdem: So schlecht das Wetter auch ist, so ungetrübt wirkt die Stimmung der Besucher. Nach einer kurzen Pause im Auto, in das sich vor dem Regen geflüchtet wurde, bevölkern wieder ganze Heerscharen in Regenjacken und Mülltüten die Schlammarenen vor den Stages. So auch vor der Red Stage, auf der an diesem Nachmittag Milky Chance zumindest musikalisch die Sonne scheinen lassen. Die ruhigen, tanzbaren Rhythmen des Duos sind ein Lichtblick am sonst so trüben Himmel. Danach lautet die Parole wie schon am Abend zuvor: Allez le bleus! Denn Deutsch-Französisch weiter geht es mit der Ska-Band Irie Révoltés. Nach dem starken und intensiven Auftritt der „glücklichen Aufständischen“ wird noch einmal kurz ein Unterstand aufgesucht, um sich vor den anhaltenden Regenfällen in Sicherheit zu bringen. Dann heißt es auch schon wieder auf zu den ebenfalls aus Frankreich stammenden Musikern von Dub Inc. Spätestens jetzt sind die deutsch-französischen Wogen wieder geglättet. Völkerverständigung auf Summerjam-Art. Auf der Green Stage gibt anschließend Konshens den Ton an und hat sich einen Back- Up als Verstärkung mitgebracht, den er gut gebrauchen kann. Denn der Künstler aus Kingston gibt alles, um den Leuten, die ihm in den schlammigen Pfützen vor der Bühne zu jubeln, trotz des miserablen Wetters eine gute Show zu liefern. Es ist ihm geglückt. Apropos gute Show: Mit SEEED ist dem Festival für diesen Samstagabend, wie nicht anders zu erwarten, ein dicker Fisch ins Netz gegangen. Ob Songs von Peter Fox oder aus ihren vier Alben, alles wird mitgesungen. Einzig störend ist der nicht ausreichend vorhandene Platz, was anscheinend einigen Besuchern auf den Magen schlägt. Immer wieder sind kleinere Schubsereien zu sehen, es wird um jeden Zentimeter gekämpft. Das soll der allgemein sehr guten Stimmung aber keinen Abbruch bereiten. Höhepunkt ist ganz klar der Harlem Shake, bei dem man zwar nicht mehr die Bühne, dafür aber allerhand an umherwirbelnden Kleidungsstücken sieht. Es macht immer wieder Spaß die Berliner Dancehall-Combo zu sehen und das glücklicherweise auch noch bei trockenem Wetter! Morgen dann bitte genau so wieder!

Der Sonntag

Hähä, denkste. Kaum möchte man ein paar Fotos mit Campern schießen entlädt sich der Himmel erneut. Man will gar nicht erahnen wie viele Massen an Wasser am Samstag und heute insgesamt auf die Besucher niedergeprasselt sind. Egal, die Show muss weitergehen – und zwar auf der Green Stage. Man will es ja nicht wahrhaben, aber dass man Dilated Peoples tatsächlich mal bei einem Reggae-Festival bestaunen kann, damit hätten wohl die wenigsten gerechnet. Die HipHop Crew aus Los Angeles überzeugt und lässt es sich nicht nehmen auf Unterstützung aus dem Publikum zurück zu greifen. Kurzerhand wird ein russischer Fan auf die Bühne geholt, der bei einem Song den Back-Up Gesang übernimmt. Höhepunkt der Show ist natürlich das großartige „When Worse Comes To Worse“ und siehe da – bei so einer guten Show lässt sich sogar die Sonne anerkennend blicken, wenn auch nur kurz. Leider zur selben Zeit, und deswegen gewiss zu Unrecht etwas vernachlässigt, spielt Johnny Osbourne auf der Red Stage, bei der man eine beschämend lustlose Menge vorfindet. Warum?, möchte man sich da fragen, erlebt man doch noch eine fette Live-Performance des gealterten Reggae-Stars vergangener Tage. Von einem richtig ordentlichen Auftritt können Die Orsons hingegen leider nur träumen. Maeckes, Tua, Kaas und Plan B sind mit ihrer HipHop-Band zwar verdammt erfolgreich und haben auch in der heutigen Crowd viele Anhänger, doch beim dritten Auftritt der Band auf dem Summerjam kann man sie als Gesamtpaket vergessen: Zu viel Klamauk, zu wenig Authentizität, zu wenig Summerjam. Der gesamte Auftritt wirkt als ob man die Heuschnupfentabletten mit anderen Pillen verwechselt hätte. Immerhin: Passend zum zeitgleich stattfindenden CSD setzt sich der Vierer mit dem Song „Horst & Monika“ ein Zeichen gegen Rechtsradikale und für mehr Toleranz.

Gerüchte um einen vorzeitigen Abbruch des Festivals, auf Grund eines angekündigten Unwetters, werden dann – Gott sei Dank- noch rechtzeitig widerrufen: Der Großteil des Gewitters macht einen Bogen um das Gelände, als wollte es einen gelungenen Abschluss der dreitägigen Feier nicht zerstören. Durch diesen glücklichen Umstand können dann Nneka und Jimmy Cliff doch noch auf die Bühnen. Vor allem letzterer präsentiert sich trotz fortgeschrittenen Alters in absoluter Bestform – Seien es „The Harder They Come“, „Vietnam“ oder das Cover „Rivers of Babylon“. Ein ganz besonderer Moment bietet sich beim Opener „You Can Get It, If You Really Want“, als ein Regenbogen über den Köpfen der Menschen erscheint. Als ob der Mann aus Kingston nun den Heilsbringer spielt und den Regen vom Festival verbannt. Die Gäste bedanken sich auf ihre Art: Tanz, Applaus und Party. Dennoch merkt man, dass sie traurig sind, dass das Massenspektakel nun doch zu Ende gehen soll. Nach drei Festivaltagen winkt man dem Abschlussfeuerwerk wehmütig auf Wiedersehen.

Auch dieses Jahr hat das größte Reggae-Festival Europas sehr gutes Feedback von allen Seiten erhalten, trotz sehr durchwachsenem Wetter. Ein Kritikpunkt muss aber doch angebracht sein: Ein breitgefächertes Line-Up mit Bands verschiedener reggaeaffinen Genres stellt sicherlich eine Bereicherung für das Gesamtpaket dar. Nur hört bitte auf mit Experimenten wie beispielsweise Leftboy, da diese eine Verschwendung wertvoller Slots sind, welche man wunderbar mit lokalen und aufstrebenden Künstlern füllen könnte. Es bleibt ohnehin abzuwarten, welche Bands den Fühlinger See im kommenden Jahr besuchen werden. Dann feiert das Festival sein dreißigjähriges Jubiläum. Man darf sich also schon jetzt auf ein noch besseres und hoffentlich sonniges Summerjam freuen. Bis dahin: Share your love!