Zurück an alter Stätte – Rock am Ring 2017

Photo credit: Rainer Keuenhof
DATUM» 02.06.2017 - 04.06.2017
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Das größte Festival Deutschlands hat im Laufe der letzten Jahren einiges ertragen müssen: 2014 erfolgte der „Rauswurf“  durch einen profitorientierten Betreiber und eine daraus resultierende Umsiedelung zum Flugplatz Mendig. Die dortigen Unwetter mit zahlreichen Verletzten, die zu gezwungenen Pausen und sogar dem Abbruch im letzten Jahr geführt haben, dürften jedem Reporter in Erinnerung geblieben sein. Es ist nicht alltäglich, dass Blitze in gefühlten Sekundenabständen in greifbarer Nähe einschlagen. Die Konsequenz konnte nur eines sein: ein erneuter Umzug. Mit dem alten, „neuen“ Gelände konnte die optimale Alternative gefunden werden, Das Festivaljahr 2017 sollte ein Neustart für den Veranstalter Live Nation sein.

Bei Sonne und Bier beginnt

der Freitag

bei bester Laune mit Skindred. Die Briten heizen der pickepackevollen Volcano Stage ordentlich ein und lassen Songs wie „Rat Race“ und „Trouble“ von allen drei Wellenbrechern mit singen. Nach der Show wird die „Scheiß Tribüne“ pflichtbewusst im Minutentakt ausgepfiffen und Menschenmassen warten in der Boxengasse um noch in die erste Welle zu gelangen. Alles könnte so schön sein. Nach einen kurzen Abstecher in das LIDL Zelt nahe B5, stehen die Broilers auf dem Programm. Die Freude der Düsseldorfer endlich einmal auf der Hauptbühne des „alten“ Ringgeländes spielen zu dürfen zeigen die Leinwände mehr als deutlich. Ein Dauergrinsen macht sich auch bei den Besuchern breit, als „Ihr da oben“ gespielt wird, der verstorbenen Freunden gedacht ist. Als sei der Song ein Vorreiter auf Kommendes, müssen die Broilers ihr Set abrupt abbrechen. Marek Lieberberg betritt die Bühne. Sein Gesicht wirkt ernst, in seiner Stimme liegt eine unterdrückte Wut, als er mitteilen muss, dass eine „terroristische Gefahrenlage“ dem Festival vorliegt und das gesamte Gelände geräumt werden muss. Anfängliche Buhrufe gehen in Applaus über. Das anschließend von Fans gesungene „You’ll Never Walk Alone“ sorgt für den ersten Gänserhaut-Moment auf dem Festival. Traurig, dass es auf diese Weise passiert.

Das Media-Center ist totenstill, als Lieberberg sich vor die Presse stellt und Einzelheiten schildert: Anscheinend hätte es beim Aufbau Einzelpersonen gegeben, welche nicht ordnungsgemäß registriert und unter falschem Namen dort gearbeitet hätten. Verbindung zu islamistischen Organisationen hätte es eindeutig gegeben. Die Wut über die erneute Krisensituation ist dem 71-jährigen deutlich anzumerken. Neben seiner ausführlichen Auskunft gerät der Vater des Rings leicht aus der Fassung als es um die Frage nach der möglichen Fortsetzung des Festivals geht. Es könne nicht sein, dass Fußballspiele nach einem Anschlag bereits am nächsten Tag ausgetragen werden können, aber die Macher bei Rock am Ring „wieder die Gelackmeierten“ seien. Zudem kritisiert er die geringe Unterstützung seitens muslimischer Verbände gegen den Terrorismus, der eine Gefahr für die Festival- und Musikkultur darstelle. Ein langanhaltender Applaus ist die Folge.

Auf dem Campingplatz wirkt die Stimmung gelassen bis süffig. Fans feiern bis in die frühen Morgenstunden, ehe

der Samstag

die erlösende Nachricht bringt: Das Festival kann fortgesetzt werden. Der einzige Wermutstropfen ist die spätere Absage von Freitagsheadliner Rammstein, die beim Ring, zumindest in diesem Jahr nicht auftreten werden. Zum Glück gibt es noch gefühlt 100 andere Bands, die man im Laufe des zweiten Festivaltages sehen kann.

Auf der Volcano Stage spielen neben den RaR-Dauergästen Donots, Derryck Whibley und seine Bandkollegen von Sum 41  ein in sich stimmendes Set aus Altem und Neuem. Die Kanadier springen von der Bühnenseite, zum Rand, zum Vorpodest, in die Menge und wieder zurück. Zwei Fans haben sogar das Glück zu Songs wie „We’re All To Blame“, „In Too Deep“ oder „Fat Lip“ das Konzert von der Stage aus zu verfolgen. Die Crater Stage steht heute im Zeichen des Hip Hops. Doch irgendwie möchte sich Ausnahmetalent Machine Gun Kelly nicht entscheiden, welchem Genre er angehören soll. Doubletimes kicken, zu verzerrten Gitarrenriffs Schmonzetten ins Mikro rotzen und am Ende „All The Small Things“ von Blink182 covern: Der facettenreiche Auftritt des Mannes aus Cleveland, Ohio ist eine der Überraschungen des Festivals.

Zurück auf der Volcano Stage dürfen die Broilers ihre 60 verloren gegangenen Minuten vom Vortag in einem verkürzten Set nachholen. Dabei wird noch einmal auf die Wichtigkeit hingewiesen, nicht dem Populismus in  Deutschland zu stärken. „Das bittere Manifest“ vom aktuellen Album sic! ist darauf wohl die beste Antwort. Der Himmel verdunkelt sich und die Crater Stage präsentiert sich von ihrer schönsten Seite, als die nächste Gruppe von Düsseldorfern die Bühne betritt. Die toten Hosen betreten die Bühne, Sänger Campino schreit „Guten Abend Rock am Ring!“ in den Nürburger Nachthimmel und los gehen die zwei besten Stunden des Festivals. Flaggen von Fortuna Düsseldorf schnellen in die Höhe genau wie Schals mit Skelettadler. Es wird gepogt und überteuertes Beck’s gesoffen zu Nummern wie „Das ist der Moment“, „Wünsch dir Was“ und „10 kleine Jägermeister“. Eine rote Nebelwand aus Bengalos umhüllt die Bühne zu „Pushed Again“ für mehrere Minuten, so als wolle man den Samstagsheadliner vor der Menge verbergen. Ein wenig Anarchie in einem sonst sehr gut kontrollierten Festival. Konfetti und Girlanden in Kombination mit „Tage wie dieser“ und weiteren drölf Beck’s lassen die Terrorgefahr für kurze Zeit völlig vergessen. Abgekühlt wird man anschließend vom einsetzenden Regen und den Klängen von Pilocka Krach im Festival Tent, bevor

der Sonntag

 

einen wieder auf den Plan ruft. Der beginnt damit, dass sich auf dem Festivalgelände ein Meer von leichenblassen Gestalten sich der Crater Stage nähert. Ohne Zweifel, es ist der letzte Tag und die Spreu trennt sich vom Weizen. Mit einem breiten Lächeln und einem Blick, der sich fragt: „Was mache ich hier eigentlich?“, betritt Marteria die Bühne um 18:00 Uhr. Der Rostocker ist der erste Act in der Geschichte von Rock am Ring und Rock im Park, welcher auf beiden Festivals an nur einem Tag spielen muss, da er auch von der Absage am Freitag betroffen war. Der Ausweichtermin entpuppt sich als ein solides Best Of in Kombination mit neuen Songs seines aktuellen Albums Roswell. Marsimoto muss leider zu Hause bleiben, dafür werden „die letzten 20 Sekunden“ drei Mal hintereinander gespielt, inklusive einer „Klamotten-in-die-Höhe-werf“ Choreo. Zurück auf der „Scheiß-Tribüne“ bringt die Crossover-Kombo Prophets of Rage die Menschenmasse zurück in die 90er. Mit Songs von Public Enemy, Cypriss Hill und Rage Against The Machine durchlebt der Zuschauer  Nostalgie pur, auch wenn „Sleep Now In The Fire“ und „Guerilla Radio“ aus dem Mund von Zach de la Rocha einfach mehr auf die Fresse geben. Highlight ist Tom Morellos Gitarrensolo, das er gute drei Minuten auf seinen Schneidezähnen zum Besten gibt! So etwas kann nur getoppt werden, wenn Serj Tankian die Bühne betritt und mit dieser Band aus musikalischen Kindheitshelden das Audioslave Cover „Like A Stone“ für den vor kurzem verstorbenen Soundgarden-Sänger Chris Cornell zum Besten gibt.

Dunkelheit umschließen Volcano und Crater Stage. Dann ballert dem Zuschauer ein Lichtfeuerwerk entgegen. Serj Tankian und Co. stürmen die Bühne und zerlegen drei Wellen binnen Sekunden mit Hits wie „Suite-Pee“ und dem „Prison Song“. Jeder einzelne Scheinwerfer ist auf den darauf folgenden Song abgestimmt und so ist es nicht unwahrscheinlich, dass Epileptiker bei dem Gewitter an Stroboskop ihre Probleme haben dem Konzert zu folgen. Bei AnnenMayKantereit will auf man auf der Crater Stage so wenig Licht um sich haben wie möglich. Und vor allem kein Handylicht. Sänger Henning May witzelt belustigt darüber, dass die Hobby-Kameraleute sich die ganzen Songs sowieso niemals anhören. Kippe und Bier passen auch besser in die Hände zu den Pianoklängen von „Oft gefragt“ und „Barfuß am Klavier“. Ein

Fazit

für die 32. Ausgabe von Rock am Ring abzugeben, wurde bereits von den Fans einstimmig getan. Der Preis für die größte Kreativität erhält die Dame während des Donots Konzert mit dem Plakat „Titten gegen Terror“, das sie ausdrucksstark mit offensichtlichen Argumenten untermauert hat. Trotzdem bleibt die Frage offen, was für Auswirkungen ein durchgeführter Terroranschlag auf die Festivallandschaft in Deutschland gehabt hätte.

„Eine absolute Katastrophe“, war die Antwort von Marek Lieberberg beim Interview. Trotz der Brisanz hinsichtlich der Aktualität, bleibt dies die einzige Gefahr: Laut den Behörden wuchs Nürburg an diesem Wochenende auf eine Kleinstadt von ca. 100.000 Menschen an, davon waren 86.000 Festivalbesucher. Mit lediglich zwölf Anzeigen wegen Körperverletzungen und weiteren wegen Taschendiebstahl kann wohl jeder sehen, dass Sicherheit ein allgegenwärtiges Thema am ersten Juniwochenende auf dem Nürburgring immer war und sein wird. Der bittere Nachgeschmack bleibt trotzdem bestehen und man hofft, dass das Festival mit seinem hervorragendem Line-up und großartigen Besuchern endlich im nächsten Jahr zur Ruhe kommt.

 

Bilder zu allen Tagen findet ihr hier:

Freitag – mit Broilers, Skindred und Sondaschule

Samstag – mit Die toten Hosen, Beatsteaks, Sum 41 uvm.

Sonntag – mit System of a Down, Marteria, Airbourne uvm.