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Angela Merkel – Die Kanzlerin und ihre Zeit – Biografie von Ralph Bollmann

Angela Merkel - Die Kanzlerin und ihre Zeit
VÖ: 15.07.2021

Als ich Konstantin Wecker Ende 2019 nach seiner Meinung zur Bundeskanzlerin fragte, war er sehr deutlich: “Ich war mit ihr nie politisch einer Meinung, aber spätestens seit ‘Merkel muss weg’ war ich auf ihrer Seite. Sie hat zwei herausragende Eigenschaften, die mir sehr imponieren: Sie ist nicht eitel und sie ist nicht korrupt. Ich halte sie für eine wirklich unbestechliche Person – im Gegensatz zu unserem Herrn Scheuer, dem die Autoindustrie aus den Ohren rausschaut. Auch wenn ich anderer Meinung bin, habe ich schon eine Achtung vor Frau Merkel.”

So geht es vermutlich vielen Bürgern, die jetzt auf 16 Jahre Kanzlerschaft von Angela Merkel zurückblicken. In meiner Generation war Helmut Kohl der “ewige Kanzler” – und man konnte sich kaum vorstellen, wie es nach ihm weitergeht. Für die heutige Jugend hat längst Kanzlerin Merkel diese Rolle eingenommen. Sicher in einigen Entscheidungen und ihrem Politikstil umstritten – jedoch stets mit entwaffnender Authentizität und Ehrlichkeit.

Es ist Zeit, ihre Karriere und die Kanzlerschaft Revue passieren zu lassen. Zum Ende dieser Periode wird es vermutlich eine Menge Material in Buchform geben – und Ralph Bollmann macht den Anfang. Der Berliner Journalist hat bereits im Jahr 2013 ein Standardwerk vorgelegt. Jetzt landet er den umfassenden, 800seitigen Coup, der mit Recht einen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt (soweit dies in Zeiten unsicherer Quellen überhaupt möglich ist).

Mit Angela Merkel zog 2005 erstmals eine Frau und ehemalige Bürgerin der DDR ins Kanzleramt ein. Aus “Kohls Mädchen”, der Ministerin und Generalsekretärin der CDU, wurde nun die beliebteste deutsche Politikerin und eine der mächtigsten Frauen der Welt. Ralph Bollmann zeichnet in seiner grundlegenden Biografie den Lebensweg Merkels nach und erzählt mit kritischer Sympathie die Geschichte ihrer Kanzlerschaft, die von der Finanzkrise über die Flüchtlingskrise bis zur Covid 19-Pandemie enorme Anforderungen an sie stellen sollte. Sein glänzend geschriebenes Buch zeigt uns eine außergewöhnliche Frau im Zentrum der Macht, deren Politik ein ganzes Zeitalter entscheidend geprägt hat.

In der Regierungszeit von Angela Merkel begannen sich Gewissheiten aufzulösen. Die vertraute Weltordnung der Nachkriegszeit verschwand, eine neue Unsicherheit trat an ihre Stelle, zuletzt in der Corona-Krise sogar bis in den Alltag der Menschen hinein. Durch die Erfahrung des Systembruchs von 1989/90 war die ostdeutsche Politikerin darauf besser vorbereitet als viele ihrer Kolleginnen und Kollegen. Sie wurde nicht zuletzt deshalb so beliebt, weil sie von den veränderungsunlustigen Deutschen alle Zumutungen konsequent fernhielt. Doch mit der Flüchtlingsdebatte endete diese Harmonie. Merkel konnte und wollte Deutschland nicht länger von den Weltläufen abschirmen und polarisierte selbst im Konflikt zwischen nationaler Abwehr und Weltoffenheit.

Ihr Leben wird von klein auf mit Zeitzeugenberichten rekonstruiert. Der Leser erfährt viel über das System der DDR und die Widrigkeiten, mit denen eine Pfarrersfamilie dort zu kämpfen hatte. Man kann aber auch erkennen, wie sich die Persönlichkeit der Angela Kasner festigte. Ralph Bollmanns Biografie ist nicht nur ein fesselndes Lesevergnügen, sondern auch eine eindrucksvolle Geschichte Deutschlands und Europas seit der Wende. Ein Geschichtsbuch, das jeder kennen sollte, der sich mit der gesamtdeutschen Historie beschäftigt und Merkels Werdegang sowie die lange Amtszeit verstehen möchte.

Der Wälzer liest sich erstaunlich kurzweilig und man kann sich in das Handeln der Kanzlerin hineindenken – bis hin zu den großen Krisen der Neuzeit: Finanzkrise, Ukraine-Politik, Flüchtlingswelle und Corona. Ein umfangreiches Personenregister rundet den Band an und macht ihn zusammen mit dem streng chronologischen Aufbau zum wertvollen Nachschlagewerk. Alles ist solide recherchiert und mit Quellenangaben belegt. Der Verlag C.H. Beck ist vorgeprescht – zwei Monate vor dem eigentlichen Ende der Amtszeit. Vermutlich hat man gut daran getan, denn so ist ein Standardwerk für die Ewigkeit entstanden.