Die Reise geht weiter: Wolfgang Niedecken „Zugabe – Die Geschichte einer Rückkehr“

VERÖFFENTLICHUNG» 11.09.2013
AUTHOR»
PUBLISHER»
  bei Amazon bestellen

Am 17. November 1984 besuchte ich zum ersten Mal ein BAP-Konzert. Meine kölsche Erweckung fand in der Mehrzweckhalle von Bad Hönningen statt. Damals war ich Siebzehn und es waren dreieinhalb schweißnasse Stunden in der ersten Reihe. Danach wollte ich an der Seite von Wolfgang Niedecken die Welt verändern. Und obwohl ich die Band anschließend noch ein gutes Dutzend weitere Male live gesehen habe und sie in all den Jahren die kleineren und größeren Krisen und Festtage meines Lebens musikalisch begleitete, ging dieser Wunsch nach und nach im Alltagsstrudel unter. Trotzdem blieben BAP irgendwie immer präsent, mal mehr, mal weniger intensiv. Was ich mit Wolfgang Niedecken bis heute teile, ist die oft schmerzhafte Liebe zum 1. FC Köln und die Erinnerung daran, wie er mir, als ich ihn 2004 erstmals interviewte, meine Nervosität im Handumdrehen nahm und wir anderthalb Stunden entspannt über Gott, die Welt und natürlich den FC plauderten. Zugegeben, manchmal ging er mir mit seinem Betroffenheitspathos auch auf die Nerven, obwohl er es stets ehrlich meinte und nie dem Kalkül billiger Publicity folgte.

Als am 2. November 2011 die Nachricht von seinem Schlaganfall die Runde machte, war es so, als hätte man Köln seinen Dialekt verboten. Plötzlich fehlte etwas, mit dem man wie selbstverständlich aufgewachsen war. Ein halbes Jahr später stand Wolfgang Niedecken wieder auf der Bühne des Kölner Palladiums als sei nichts gewesen. Einzig sein Bart war neu, als sichtbares Zeichen dafür, dass der Schlaganfall sein Leben in ein „Davor“ und ein „Danach“ geteilt hatte. Was es für ihn persönlich bedeutete Todesnähe erlebt zu haben, erzählt er nun im zweiten Teil seiner Autobiographie mit dem bezeichnenden Titel „Zugabe – Die Geschichte einer Rückkehr“, erneut unter Mitarbeit von Oliver Kobold, der bereits beim ersten Teil „Für ’ne Moment“ von 2011 Niedecken’s Gedanken in Worte fasste.

Auf eben dieses Buch und die Feierlichkeiten zu seinem 60. Geburtstag blickt Niedecken zunächst zurück. Er berichtet vom USA-Urlaub mit seinem Freund Manfred Hell, der ein Fiasko und vorzeitig abgebrochen wird. Im Gepäck hat er einen hartnäckigen Husten, der schließlich als Ursache für die folgenden dramatischen Ereignisse diagnostiziert wird. Egal, ob man Wolfgang Niedecken mag oder ihn eher als „das schlechte Gewissen von Köln“ belächelt, die eindringliche Schilderung jenes 2. November dürfte jeden, der über einen Funken Empathie verfügt, berühren. Ich schäme mich nicht, dass ich beim Lesen des öfteren einen Kloß im Hals hatte. Letztlich war es reines Glück, dass seine Frau Tina gerade zuhause war, die Situation erfasste und so zu seiner Lebensretterin wurde. Es folgen ein Krankenhausaufenthalt, eine Notoperation und viele Stunden in der Reha im Kampf gegen die Ausfallerscheinungen. Was sich hier so einfach anhört, unterzieht Niedecken’s Geduldsfaden einer Zerreißprobe. Übrigens schön zu hören, dass die Kölner Journaille, die ansonsten mit Vorliebe ihre Messer in jeder Prominentenwunde dreht, auf grossformatige Schlagzeilen und halbgare Wasserstandsmeldungen verzichtet hat. Die unrühmliche Ausnahme bildet dabei lediglich die überflüssigste Tageszeitung von allen. Die vier Buchstaben zeigen einmal mehr ihre hässliche Fratze, die hoffentlich irgendwann ihre eigenen Kinder fressen wird.

Die ECHO-Verleihung für sein Lebenswerk im März 2012 nutzt Wolfgang Niedecken für einen literarischen Zwischenschritt. Er blickt zurück auf die Anfänge von BAP, auf Tourneen, Fans, das legendäre Eigelstein Label, die Auseinandersetzungen mit der „Bravo“ und auf Blondie, seine Hündin, die so zuverlässig an seiner Seite war, dass er sogar ohne sie Gassi ging (was er erst unterwegs bemerkte). Dabei lässt er viele ehemalige Mitstreiter wieder aufleben, als müsste er sich versichern, dass der Schlaganfall sie nicht aus seinem Gedächtnis gelöscht hat. Wir begegnen noch einmal Jürgen Zeltinger, Karl-Heinz Pütz oder Effjott Krüger und blicken hinter die Kulissen des ersten „Arsch Huh – Zäng Ussenander“-Konzertes gegen Rassismus und Neonazis von 1992. Niedecken spart weder Euphorie noch Tiefschläge aus. Zwischendurch erweist er in einem kurzen Exkurs noch Bob Dylan die Ehre. Natürlich geht es bei Wolfgang Niedecken auch jetzt nicht ohne erhobenen Zeigefinger und den Hinweis, dass wir in einem priviligierten Land leben. Betrachtet man die Schicksale der Kindersoldaten in Uganda und im Kongo, für die er sich seit fünf Jahren in seinem Projekt „Rebound“ engagiert, ist dieser Hinweis allerdings weit mehr als die übliche Scheinheiligkeit, die so manch andere Zeitgenossen an den Tag legen, um sich selbst zu beruhigen.

Der Kreis schließt sich mit der Entstehung seines kürzlich erschienenen Soloalbums „Zosamme alt“ (hier findet ihr das dazugehörige Review) und den Erklärungen zum Hintergrund einzelner Songs. Das Bild, das Wolfgang Niedecken auf 346 Seiten malt wird rund und spätestens jetzt begreift man die Liebe zu seiner Frau, die ihm nicht nur das Leben rettete, sondern zugleich Anker und Kompass ist. Nebenbei erfährt man noch einige weitere interessante Details. Etwa warum Niedecken jedesmal Sodbrennen bekommt, wenn in Hoffenheim ein Tor fällt und dazu „Sieben Tage lang“ von den Bots gespielt wird. Oder dass er tatsächlich den gleichen Italiener in der Kölner Südstadt bevorzugt wie ich, obwohl uns der Hunger dort noch nie zusammengeführt hat. Was „Zugabe – Die Geschichte einer Rückkehr“ so lesenswert macht ist die Tatsache, dass es weder ein Selbstbeweihräucherungsbuch noch ein sentimental-verklärter Rückblick auf die vermeintlich gute alte Zeit geworden ist. Es ist ehrlich und gesteht Fehler ein. Es ist die vorläufige Bilanz eines Mannes, der sich bewusst ist, dass das Leben ihm noch eine zweite Chance geschenkt hat.

Wolfgang Niedecken Zugabe: Die Geschichte einer Rückkehr hier bestellen!