Dylan Jones und Ralph Larmann entführen uns „Um die Welt in 760 Tagen. U2 – Die 360° Tour“

VERÖFFENTLICHUNG» 11.10.2012
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Zum ersten Mal sah ich U2 1987 in Köln im Rahmen ihrer „Joshua Tree“-Tour. Wann immer sie danach wieder in die Nähe kamen, ich war da und erlebte wunderbare Konzerte. Mit Freude erinnere ich mich an ihr „When Love Comes To Town“-Gastspiel 1989 in der Dortmunder Westfalenhalle gemeinsam mit B.B. King, an „Zoo TV“ oder „Pop Mart“. 2005 wurde mir die Live-Gigantomanie mit der „Vertigo“-Tour dann aber zuviel. 1978 waren U2 noch als Punkband in Dublin gestartet, sie hatten 1985 beim legendären „Live Aid“ gespielt, engagierten sich für Amnesty International und Greenpeace und plötzlich machten sie sich mehr Gedanken über die Größe ihrer Bühne als über ihre Musik? Das passte nicht mehr in meine Welt. Erst sehr viel später verstand ich, dass dies in der Welt von Bono, The Edge, Larry Mullen Jr. und Adam Clayton durchaus keinen Widerspruch darstellte. Doch U2 spielten fortan ohne mich weiter.

Dabei stand der wahre Höhepunkt erst noch bevor: Die 360°-Tour, die von Juni 2009 bis Juli 2011 andauerte. Insgesamt führte sie durch 30 Länder auf fünf Kontinenten. Mehr als sieben Millionen Zuschauer sahen die 110 Konzerte. Sie sorgten dafür, dass U2 die „Bigger Bang“-Tournee der Rolling Stones von 2005 als bis dahin kommerziell erfolgreichste Tour aller Zeiten vom Thron stieß. Die Einnahmen beliefen sich auf geschätzte 700 Millionen US-Dollar. Die 360°-Tour ließ Pink Floyd’s „The Wall“ wie ein Dorffest aussehen. Sie war das außergewöhnlichste Live-Ereignis in der Geschichte der Rockmusik und es ist schwer vorstellbar, dass sich etwas ähnliches noch einmal wiederholen lässt ohne selbstherrlich zu wirken.

U2 London by Ralph Larmann

Dass U2 diese Tour nicht ausschließlich deshalb konzipierten, um ihr Ego zu befriedigen, habe ich – wie gesagt – erst im Nachhinein begriffen und sie darum leider verpasst. Ihr Ansporn war ein anderer: „Die Show besaß einen einzigartigen Charakterzug: Sie nutzte ihre Größe an den weitläufigsten Schauplätzen, um Intimität zu erzeugen. Stadien sind sicher eine Herausforderung in dieser Hinsicht, aber U2 ist das gelungen. Das macht wohl den unübertrefflichen Zauber der 360°-Tour aus. Es ist, als sei der Zirkus in die Stadt gekommen“. Dieses Zitat stammt von Dylan Jones und ist in seinem jetzt erscheinenden, 256 Seiten starken Buch „Um die Welt in 760 Tagen. U2 – Die 360° Tour“ zu finden. Eine Besonderheit daran sind vor allem die ungemein intensiven, begleitenden Fotografien von Ralph Larmann, der mit seinen beiden Leica S2-Kameras im Gepäck freien Zugang zu allen Konzert-Bereichen hatte. Gestaltet wurde dieser prachtvolle Bildband vom langjährigen U2-Grafiker Steve Averill und er enthält neben den vielen exklusiven Fotos auch technische Studien, Bühnenentwürfe sowie Beiträge der Musiker, ihres Managers Paul McGuiness oder von Show-Designer Willie Williams, der bereits seit 1982 mit U2 zusammenarbeitet. Sie alle lassen uns an der Entstehung und Umsetzung der „Klaue“, wie die futuristische Bühnenkonstruktion bald genannt wurde, teilnehmen. Von der ersten Idee an Bono’s heimischem Küchentisch 2006 über den Beginn der Vorbereitungen im Sommer 2008 bis hin zum Tourabschluß in Moncton/Kanada.

Neben all den vielen beeindruckenden technischen Feinheiten bleibt Raum für die ein oder andere Anekdote. So erfahren wir beispielsweise, dass in Barcelona extra eine Straße für den aus 120 Trucks bestehenden Tourtross gepflastert werden musste. Oder was hinter Bono’s Bandscheibenvorfall steckte, der eine Tourverschiebung zur Folge hatte („Beim Versuch, die ganze Welt zu umarmen, zog sich Bono eine Rückenverletzung zu“), warum man eine Haustür aus Helsinki einfliegen ließ und was geschah, als Paul McCartney in Moskau die bandinterne „Gebetsrunde“ störte. Einzelne Crewmitglieder erhalten ebenfalls eine spezielle Würdigung. Das Stammteam umfasste etwa 130 Leute, die sich als eine Art Familie verstanden. Davon zeugt schon das grossartige Coverfoto des Buches. Für gewöhnlich brauchten sie fünf Tage für den Aufbau und zwei für den Abbau der gigantischen Bühne, von der Adam Clayton sagt: „Auf dieser Bühne fühlt man sich, als befände man sich in einem iPod“. Ein ziemlich schwerer iPod mit einem Gesamtgewicht von 450 Tonnen, 65 Metern Breite, 49 Metern Tiefe, einem Pfeiler in der Mitte, der fast 47 Meter in den Himmel ragte und einem zylindrischen Videoschirm aus einer halben Million LED-Lichtern, der sich zu einer Fläche von 1.300 Quadratmetern öffnen ließ.

U2 Berlin by Ralph Larmann

Dylan Jones bewahrt sich in seinen erfreulich detailreichen Texten eine wohltuend kritische Distanz zum Geschehen, auch wenn er stets mit viel Respekt von U2 spricht. Neben den faszinierenden Fotos von Ralph Larmann, die teilweise wirken, als seien sie in Öl gemalt, macht dies sein Buch nicht zu der im Vorfeld befürchteten Hochglanz-Werbebroschüre, sondern zu einem spannenden Dokument des „mit Abstand extravagantesten Hi-Tech-Spektakels der Stadionrock-Historie“ (Rolling Stone). Man darf gespannt sein, welches Kapitel ihrer Geschichte U2 als nächstes aufschlagen werden. Eines steht allerdings jetzt schon fest: Ich bin wieder dabei.