Julia Neigel zeigt sich in ihrer Autobiographie „Neigelnah“

VERÖFFENTLICHUNG» 22.10.2012
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Julia NeigelMit ihrer unverwechselbaren Power-Stimme und Hits wie „Schatten an der Wand“ oder „Weil ich dich liebe“ prägte die Sängerin Jule Neigel in den 80ern und 90ern die deutsche Pop-und Rock-Szene. Vor 13 Jahren allerdings zog sie sich aus dem Musikgeschäft zurück und trennte sich von ihrer Band und ihrem Künstlernamen. Inzwischen ist sie als Julia Neigel wieder zurück im Rampenlicht und präsentierte 2011 ihr Comeback-Album „Neigelneu“.

Julia Neigel hat ein bewegtes Leben hinter sich. Sie kam als Russlanddeutsche mit ihrer Familie aus Sibirien nach Deutschland und lebte fortan in Ludwigshafen. Musik war schon früh ihre große Leidenschaft – und mit „Schatten an der Wand“ schaffte sie Ende der 80er den großen Durchbruch. Dennoch hatte man als Musikfan immer das Gefühl, dass sie unter ihren Möglichkeiten blieb. Ich habe viele Alben von ihr im Regal, doch der Kick wie bei „Schatten an der Wand“ blieb im weiteren Verlauf aus.

Gründe dafür mag es viele geben. Schlechte Berater, schlechte Promoter – an der Musik kann es nicht gelegen haben, denn die ist über die Jahrzehnte hinweg auf konstant hohem Niveau.  Die Gerüchteküche brodelte allerdings. Jule Neigel sei „schwierig“, sei eine „Zicke“. Finanziell hätten ihre Musiker sie über den Tisch gezogen (weshalb es jetzt nur noch Julia Neigel – ohne Band – gibt) und sie sei psychisch instabil, bis hin zu einem Selbstmordversuch.

Julia Neigel selbst räumt nun (gemeinsam mit Co-Autor Arno Köster) mit diesen Vorurteilen auf und bestätigt zugleich vieles, was man so „unter der Hand“ hörte. Von schlechten Freunden und Beratern, von Menschen, die sie betrogen haben, von unnötigen Therapien, zu denen sie genötigt wurde. Bei all diesen Geschichten nimmt sie kein Blatt vor den Mund und nennt die Gegenspieler auch konsequent beim Namen. Sicher ist das alles subjektiv – doch als Freunde, die zu ihr gehalten haben, kann sie immerhin Udo Lindenberg und Peter Maffay anführen, die in Vor- und Nachworten zu Wort kommen.

Dem großen Absturz folgt eine sinnbildliche Wiederauferstehung, die sich in dem neuen Album zeigt. Musikalisch neu erfunden hat sich Julia Neigel dabei nicht – sie rockt immer noch ordentlich, ihre Stimme ist kraftvoll und präsent wie gewohnt und die Texte sind vielleicht noch kämpferischer und sozialkritischer als früher. Warum dies so ist, kann der Leser in den Zeilen des Buches erkennen. Sicher hat Julia Neigel viele Fehler gemacht und gibt dies auch unumwunden zu. Sie verliert sich allerdings nicht in einer „Die-ganze-Welt-ist-schlecht“-Weinerlichkeit, sondern nimmt ihr Schicksal  selbst in die Hand, um weiterhin musikalisch aktiv sein zu können.

Man muss nicht mit allem einverstanden sein, was man hier liest, und an manchen Stellen dachte ich „Wie konntest du nur so blöd sein?“, doch die Erzählung ist absolut flüssig und nachvollziehbar. Nebenbei erfährt man zudem viel über die Szene deutscher Rock- und Popmusik sowie die Irrungen und Wirrungen des Musikgeschäfts. Kompliment für ein ehrliches Buch, das ganz nebenbei drei Jahrzehnte Musikgeschichte reflektiert.