Pearl Jam Twenty von Jonathan Cohen und Mark Wilkerson

VERÖFFENTLICHUNG» 22.03.2012
ARTIST»
AUTHOR» ,
PUBLISHER»
 Pearl Jam Twenty bei Amazon bestellen

Anfang der 90er Jahre überrollte die bislang letzte musikalische Revolution von Seattle aus die Welt. Irgendjemand nannte sie später „Grunge“ und gab sie damit dem Ausverkauf preis. Egal ob Nirvana, Alice In Chains, Soundgarden oder eben Pearl Jam – für meine Generation waren all diese Bands nach der Disco-Welle in den Achtzigern eine einzige Offenbarung. Damals ahnten wir noch nicht, dass ihre Lebenszeit begrenzt sein würde. Es interessierte uns auch nicht. Wir genossen einfach die Zeit, als es auf MTV praktisch jeden Tag einen neuen, spannenden Song zu sehen (und zu hören) gab und die anschließende Entdeckungsreise in den Plattenladen unseres Vertrauens einem Besuch im Schlaraffenland glich. Das Aufeinandertreffen der „Alternativ-Szene“ mit dem „Mainstream“ war insbesondere für Pearl Jam eine große Herausforderung. Gerade Frontmann Eddie Vedder fragte sich ständig, wie er es wohl schaffen könnte, sich nicht allzu sehr verbiegen zu lassen und gleichzeitig eine eigene Identität zu bewahren. Im Gegensatz zu vielen anderen jener guten Musiker verloren Pearl Jam diesen Kampf jedoch glücklicherweise nicht und gehen 2012 in das zweiundzwanzigste Jahr ihres Bestehens.

Das will gefeiert werden! Nach einer überaus edel ausgestatteten Doppel-CD und einem Kinofilm, der die ersten zwei Dekaden des Quintetts minutiös nacherzählt, folgt nun mit „Pearl Jam Twenty“ das dazugehörige Buch. Sagte ich Buch? Schmuckstück trifft es eher. Dafür sprechen schon alleine die nackten Zahlen: 384 Seiten, tonnenweise Fotos, Hardcover mit Schutzumschlag im Format 29 x 25 cm. Ein weiterer Prachtband im an Prachtbänden sicherlich nicht armen Programm des Hannibal-Verlages. Für „Pearl Jam Twenty“ plünderten Eddie Vedder, Mike McCready, Stone Gossard, Jeff Ament und Matt Cameron ihre Archive, kramten tief in (ur-)alten Erinnerungsstücken, Tour-Notizen, Setlisten, noch nie gezeigten Polaroids, Briefen oder Zeichnungen und brachten diese mit Hilfe des Musikjournalisten Jonathan Cohen, des Pete Townshend-Biografen Mark Wilkerson und des Grafikers Regan Hagar (der nebenbei noch als Schlagzeuger mit Gossard zusammen in der Band Brad spielt) in eine chronologische Form, ergänzt durch bemerkenswert offenherzige Interviews.

Bemerkenswert deshalb, weil das Innenleben von Pearl Jam selbst den treuesten Hardcore-Fans bis heute weitestgehend verborgen geblieben ist. Auch der Ursprung ihres Namens wird ein für allemal geklärt und – soviel sei verraten – er hat nichts mit Marmelade zu tun. Nach einem sehr persönlichen Vorwort von Cameron Crowe werden zunächst in kurzen Kapiteln die einzelnen Bandmitglieder vorgestellt. Dann beginnt die Reise in die eigene Vergangenheit und in die von Pearl Jam. Aus bescheidenen Anfängen im schäbigen Keller einer Kunstgalerie in Seattle ging eine Band hervor, die nicht nur den Geist und die Seele des Rock’n’Roll, sondern auch uns für immer verändern sollte. Am 22.10.1990 stand sie im Off Ramp Café ihrer Heimatstadt – noch unter dem Namen Mookie Blaylock – zum ersten Mal auf einer Bühne.

Erzählt wird die anschließende Entwicklungsgeschichte ihrer Alben vom Debüt „Ten“ bis hin zu „Backspacer“ von 2009, die Entstehung des grossartigen „Temple Of The Dog“-Projektes zu Ehren von Andrew Wood, dem verstorbenen Sänger der noch grossartigeren Mother Love Bone oder die Hintergründe des sozialen wie politischen Engagements von Pearl Jam. Die Band lässt in einer Art Tagebuch noch einmal die wichtigsten Konzerte ihrer Karriere Revue passieren, den Kampf gegen die Monopolstellung von Ticketmaster oder sie würdigt ihre musikalischen Einflüsse. Ein maßgeblicher Einfluss ist dabei bis zum heutigen Tag Neil Young, der Pearl Jam mit dem Album „Mirror Ball“ 1995 quasi vor der Auflösung bewahrte. Die vielleicht dunkelste Phase im Werdegang der Band, die Tragödie von Roskilde, wird angemessen und mit viel Sensibilität aufgearbeitet. Zur Erinnerung: Als Pearl Jam am 30.06.2000 bei dem dänischen Festival auftraten, starben neun Menschen im Gedränge vor der Bühne. Ihnen ist der Song „Love Boat Captain“ aus dem 2002er Album „Riot Act“ gewidmet. Zu vielen dieser Stationen äußern sich zudem Freunde und Weggefährten wie Dave Grohl, Bono, Jerry Cantrell oder Bruce Springsteen. So wird aus „Pearl Jam Twenty“ das ebenso intime wie einzigartige Selbstportrait einer Band, deren Reise hoffentlich noch lange nicht zu Ende ist.

Am Schluß bringt aber wohl alleine Eddie Vedder die Bedeutung der Band am treffendsten auf den Punkt: „Als wir anfingen, Musik zu machen, taten wir das für uns. (…) Wir hätten nie gedacht, dass die Leute dank unserer Musik Freundschaften schließen, Ideen austauschen und sich menschlich näherkommen. (…) Das hat mit uns eigentlich nichts zu tun. Wir machten nur Musik. Dass so etwas passiert, ist irgendwie überwältigend (…).“