Alice In Chains „The Devil Put Dinosaurs Here“ – eine Band untermauert ihren Kultstatus!

VERÖFFENTLICHUNG» 24.05.2013
BEWERTUNG» 8 / 9
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Was am neuen Alice In Chains-Album wortwörtlich als erstes ins Auge sticht, ist das rote CD-Tray. Wenn sich die Augen einigermaßen von der Farbe erholt haben, erkennt man jedoch seinen Sinn. Der mumifizierte Dinosaurierkopf, der für das Cover des fünften Longplayers in der wechselvollen Geschichte des Quartetts aus Seattle Pate stand, ist nur hinter der roten Klappe als solcher zu erkennen und mit den Texten im Booklet verhält es sich ähnlich. Dabei waren Alice In Chains vor elf Jahren dem Untergang fast schon genauso geweiht wie die Riesenechsen aus der Urzeit. Nach dem Drogentod ihres grossartigen Sängers Layne Staley dauerte es bis zum Jahr 2009, ehe sich Mastermind und Gitarrist Jerry Cantrell, Drummer Sean Kinney und Bassist Mike Inez mit dem grandiosen Vergangenheitsbewältigungsalbum „Black Gives Way To Blue“ sowie William DuVall als neuem Sänger zurückmeldeten. Laut Mike Inez ist „The Devil Put Dinosaurs Here“ sogar „besser als der Vorgänger, weil wir endlich unbeschwert an die Sache herangehen konnten“. Na, dann hören wir doch mal rein…

Der Opener „Hollow“, gleichzeitig die erste Single, legt gleich mit den typisch vollfetten Kreissägengitarren los, ist im Chorus allerdings etwas schwach auf der Brust. Trotzdem steht DuVall dem unvergessenen Layne Staley in (fast) nichts nach. Gesanglich natürlich. Der Mann ist ein menschgewordenes Wah-Wah-Pedal. Zu „Hollow“ gibt es übrigens auch ein sehenswertes Science Fiction-Video, gedreht vom preisgekrönten Regisseur Roboshobo. Das folgende „Pretty Done“ hört sich an, als würde DuVall zum Klang durchdrehender Reifen singen. „Stone“ klingt ganz einfach so wie es heißt: „Cold, dry… stone“. Bei der wunderbar filigranen Midtemponummer „Voices“ möchte man dann nur noch leise in sein Flanellhemd weinen.

Während des Titelsongs brüllt im Hintergrund ein Urvieh und man ist endgültig zurück in jenen seligen Zeiten, als Grunge noch keine Marke sondern ein künstlerischer Ausdruck war. Mit der bombastischen Düsternis vergangener Tage schmeißt die Band vor allem in „Lab Monkey“ um sich, zu dem man dennoch unwillkürlich mit allen Körperteilen wippen muss. Ich habe ohnehin nie verstanden, warum man die Musik von Alice In Chains immer in die Kategorie „Schwermütig“ einsortiert hat. Ich finde sie fröhlich. „Low Ceiling“ ist dafür ein weiterer Beweis, zu dem Jerry Cantrell mit einem himmelhoch jauchzenden Gitarrensolo nicht unwesentlich beiträgt. „Scalpel“ hätte in seiner schlichten Schönheit perfekt in die „Jar Of Flies“-Phase der Band gepasst, wohingegen „Phantom Limb“ vor Kraft strotzt und das kaum noch vorhandene Haupthaar mächtig in Wallung bringt. Dazwischen liegen mit „Breath On A Window“ und „Hung On A Hook“ zwei solide, aber keinesfalls überragende Rocker. „Choke“ sorgt schließlich für den hymnischen Abschluß.

Alles in allem ist Alice In Chains gemeinsam mit Produzentenlegende Nick Raskulinecz ein Album gelungen, das ihren Kultstatus erneut untermauert. Wo wären wir heute ohne Meilensteine wie „Facelift“ oder „Dirt“? Dabei klebte das Etikett „Grunge“ eigentlich immer zu Unrecht an Jerry Cantrell & Co., weil die Band viel mehr vom Heavy Metal beeinflusst war und bis heute ist. Auch die zwölf Songs auf „The Devil Put Dinosaurs Here“ enthalten wieder eine Menge der Zutaten, die Alice In Chains inzwischen so eine Art Alleinstellungsmerkmal verschaffen. Dazu gehören die bis an die Schmerzgrenze tief klingenden Gitarren oder der zweistimmige Gesang. Das ist zwar weder neu noch innovativ, aber herrlich vertraut.