Arcade Fire´s „Reflektor“ überrascht mit perfektioniertem Stilmix

VERÖFFENTLICHUNG» 25.10.2013
BEWERTUNG» 9 / 9
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„Gut Ding will Weile haben“ sagten sich wohl die kanadischen Indierocker von Arcade Fire und ließen sich insgesamt drei Jahre für ihr viertes Studioalbum Zeit. Genau dieses Motto ist ebenfalls zu befolgen, wenn man ihr top-durchgestyltes Doppelalbum „Reflektor“ ernsthaft beurteilen möchte. Mit „einmal kurz durchhören“ lässt sich das 75-minütige Gesamtkunstwerk überhaupt nicht erfassen, da es hierfür einfach zu vielschichtig ist. Wer zuvor die Erwartungshaltung hatte, dass es mit dem neuen Album eine Fortsetzung der stilistischen Erfolgslinie von „Suburbs“ geben würde, der kennt die Philosophie der derzeit sechsköpfigen Band um die Brüder William und Frontmann Win Butler, sowie seiner Ehefrau Régine Chassagne schlecht. Auch wenn die Vorgängeralben mit ihrem jeweiligen Sound noch so erfolgreich waren, sind Arcade Fire im Rahmen ihres künstlerischen Schaffens stets auf der Suche nach neuen Einflüssen und Ideen für ihre Kompositionen, so dass es auf dem aktuellen Album wieder einmal viel Spannendes und Neues zu entdecken gibt.

Der mögliche Einfluss von Musikproduzent James Murphy (LCD Soundsystem) wird viel diskutiert, wobei einige elektronische Elemente für die tanzbaren Songs nicht von der Hand zu weisen sind. Kritisch gesehen könnte man behaupten, dass Arcade Fire in „Reflektor“ recht eklektizistisch gearbeitet haben, jedoch nutzen sie stets bekannte Elemente unterschiedlichster Herkunft und Stilrichtungen um etwas völlig anderes, meist Unerwartetes zu erschaffen. Ausgeklügelte Sound- und Sprachexperimente, das Einbringen unterschiedlichster Musikinstrumente aus aller Welt, plötzliche Wendungen innerhalb der Rhythmik, des Stils oder der Songstruktur sowie Win Butlers unverwechselbare Stimme, machen jeden Titel zu einem unverwechselbaren Unikat.

Nach Angaben von Arcade Fire liegen die weitreichenden Einflüsse für „Reflektor“ einerseits in der Internationalität ihrer Heimatstadt Montreal begründet, andererseits in der familiären Nähe von Régine Chassagne zur haitianischen Kultur. Beeindruckt von karibischen Rhythmen, den Vibes des brasilianischen Karnevals sowie dem religiösen Voodoo-Kult Afrikas erweitert sich das Repertoire der stilistischen Ideengeber. Darüber hinaus findet man 70-iger Jahre Synthiemelodien aber auch klassische Rockelemente, 80-iger Jahre Beatpop, hypnotisierende afrikanische Trommeln und Stealdrumklänge neben Kirchenorgeln, Dudelsack und diversen weiteren akustischen Instrumenten, welche stets experimentell kombiniert werden. Dabei ist der Titelsong „Reflektor“ und auch „Normal Person“ sicherlich einer der stärksten Titel des Albums. Doch neben dem zunächst etwas sperrigen und überladen wirkenden „Here Comes The Night Time“ entpuppen sich dann auch „You Already Know“ und „Afterlife“ als echte Ohrwürmer, die stilistisch ihrem Albumvorgänger am nächsten kommen.

Das Cover ziert eine klassische Skulptur vom Bildhauer Auguste Rodin, welche dem Betrachter zusammen mit dem silbrig reflektierenden Artwork eine gewisse Perfektion suggeriert. Rodin war einer der Wegbereiter der Moderne und suchte in seinen Plastiken ebenso wie Arcade Fire stets neue Darstellungsformen ohne dabei die Tradition aus den Augen zu verlieren und beeinflusste so im Wesentlichen das künstlerische Schaffen seiner Nachfolger. Auch dies ist vielleicht ein Hinweis darauf, dass Arcade Fire in der Lage sind echte Klassiker zu schmieden. „Reflektor“ ist das beste Beispiel dafür, wie eine Band ihre eigenen künstlerischen Ideen verwirklicht ohne sich dabei verbiegen oder „vermainstreamen“ zu lassen. Ein wirklich tolles Album von einer der herausragendsten Bands dieser Tage, bei dem es sich sogar Ikone David Bowie nicht nehmen lässt, im Titelsong „Reflektor“ mitzuwirken.[amazonButton]“Reflektor“ von Arcade Fire hier bestellen![/amazonButton]