Avicii – „True“: das Debütalbum stellt Dancefloor-Enthusiasten und 08/15-Radiohörer gleichermaßen zufrieden

VERÖFFENTLICHUNG» 13.09.2013
BEWERTUNG» 8 / 9
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Avicii heißt eigentlich Tim Bergling, ist Jahrgang 1989 und stammt aus Schweden. Die außergewöhnliche Karriere von Avicii begann in seinem Stockholmer Kinderzimmer. Hier bastelte er schon früh an seinen ersten Beats und Songs. Als Kind der digitalen Generation nutzte er die Vertriebswege des Internets, um auf sich aufmerksam zu machen. Erfolgreiche Veröffentlichungen gibt es bereits seit vier Jahren, doch noch kein Song hatte bisher den Hype geschafft, wie es seit einigen Wochen „Wake Me Up“ tut. In der Liste von Aviciis Referenzen tauchen aber immerhin Leona Lewis, Flo Rida und die ehemaligen Abba-Jungs Benny und Björn auf.

Seit Juni 2013 beherrscht nun „Wake Me Up“ die internationalen Single-Charts. Ein genialer Schachzug war es, Aloe Blacc („I Need A Dollar“) dafür wieder aus der Versenkung zu holen und ihm die Lead-Vocals zu geben. Die Mischung aus Soulstimme und Dancefloor-Track trifft den Nerv der Zeit und das Video erzählt eine nette Geschichte. So werden Hits gemacht und Avicii konnte sich als eine Art nordeuropäischer David Guetta etablieren.

Nun denn – eine Single macht noch keinen Sommer und wir sind auf das erste komplette Album namens „True“ gespannt. Die zweite Auskopplung „You Make Me“ finde ich etwas enttäuschend. Hier übertreibt Avicii das Elektronik-Konzept und quält uns mit enervierenden Klängen. Für die Charts wird es trotzdem reichen, da der Songtitel dem Erfolgshit frappierend ähnelt und der Name des Protagonisten momentan einfach neugierig macht.

Das ganze Album besteht aus Kooperationen unterschiedlichster Art. Und man merkt am Who-is-who der vertretenen Instrumentalisten und Gastsänger, dass Avicii jetzt ganz oben steht und viele mit ihm arbeiten wollen. Ich nenne mal Gitarrero Nile Rodgers, Country-Star Mac Davis, außerdem Mike Einziger (Incubus), Dan Reynolds (Imagine Dragons) und ganz besonders den Exzentriker Adam Lambert. Auffällig ist, dass keiner der Genannten aus der großen Club-Dance-Szene stammt, sondern das Album Vertreter der unterschiedlichsten Musikrichtungen abdeckt.

So klingen dann auch die Songs. Am stärksten finde ich die Tracks, die akustische Gitarren, Country-Einflüsse oder famose Soul-Stimmen mit elektronischen Einsprengseln vermischen. Da ist Dan Tyminskis starke Stimme bei „Hey Brother“, das klingt wie ein Bluegrass-Song frisch vom Mississippi,  oder die stimmgewaltige Audra Mae bei „Addicted To You“. Audra verleiht zudem auch „Dear Boy“ ihre Vocals – und da erkennt man den Unterschied: denn hier finde ich die PC-Musik wirklich nervtötend.

Ganz stark hingegen ist der aggressive Einsatz der Indie-Band Blondfire für „Liar Liar“ inklusive prägnanter 80er-Jahre-Orgel. Das könnte sich zum mutigen Radiosong entwickeln. Und Adam Lambert macht „Lay Me Down“ mit seiner Tenorstimme zum Jubel-Dancefloor-Hit.

Fazit: „True“ ist erstaunlich vielseitig und gewinnt durch die beteiligten Protagonisten. Schade nur, dass diese recht stiefmütterlich behandelt werden, im Booklet nicht den jeweiligen Songs zugeordnet werden und man sich die Infos mühsam im Internet suchen muss. Auf jeden Fall hat Tim Bergling ein Händchen für schöne, eingängige Melodien. Er vergisst seine Synthesizer-Wurzeln nicht, entwickelt das Erfolgskonzept stilübergreifender Musik aber weiter und dürfte somit beide Seiten zufrieden stellen: den Dancefloor-Enthusiasten ebenso wie den 08/15-Radiohörer.