Ben Harper eröffnet mit „By My Side“ die Best Of-Saison

VERÖFFENTLICHUNG» 12.10.2012
BEWERTUNG» 4 / 9
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Wenn es im Oktober die ersten Christstollen und Adventskalender zu kaufen gibt, merkt man, dass es langsam aber sicher auf Weihnachten zugeht. Ein weiteres untrügliches Zeichen für das nahende Fest der Liebe ist die alle Jahre wieder einsetzende Best Of-Schwemme. Dabei baut die Musikindustrie offensichtlich strategisch geschickt auf die hektische Kopflosigkeit so mancher Männer, die an Heiligabend scharenweise die CD-Läden stürmen, um noch schnell ein Geschenk für ihre Herzdame zu besorgen. Vor diesem Hintergrund macht Ben Harper mit seinem Best Of „By My Side“ alles richtig, denn für diese Zusammenstellung hat er höchstpersönlich seine zwölf Lieblingsballaden ausgewählt. Genau passend also für die romantische Zweisamkeit bei flackernden Weihnachtskerzen oder als besinnliche Untermalung des gemeinsamen Gänseessens im Kreise der Familie. Der Haken an der Sache: Bis dahin dauert es noch zweieinhalb Monate. Ben Harper ist schlicht und ergreifend zu früh dran.

Wäre „By My Side“ im Juli oder August erschienen, hätte es zumindest wunderbar zu einem lauen Sommerabend oder einem entspannten Picknick gepasst. Jetzt allerdings ist Oktober und Ben Harper reißt uns mit seiner Retrospektive tief in den Schlund des trostlosen Herbstes. Der Mann, der seit 20 Jahren so grossartig mit Southern Gospel, Soul, 70ies Funk, Blues, Reggae und Rock’n’Roll jongliert, hat sich auf „By My Side“ in einen weinerlichen Geschichtenerzähler verwandelt.

Natürlich hat er all die Songs auf „By My Side“ – bis auf das exklusiv für diese Compilation aufgenommene „Crazy Amazing“ – schon früher veröffentlicht. Aber eben gleichmäßig auf seine bisherigen zehn Studioalben verteilt. In ihrer geballten Form wirken sie hingegen völlig uninspiriert, ermüdend, langweilig. Einzige Ausnahmen in dem scheinbar endlosen Fluß aus Gefühlsseligkeit sind „Diamonds On The Inside“, „Morning Yearning“ und das ganz starke „Waiting On An Angel“. Fans werden sich noch über die seltene Studioversion von „Not Fire Not Ice“ freuen, die bislang lediglich auf der mittlerweile vergriffenen Single „Ground On Down“ von 1996 zu hören war. Der Rest der Welt dürfte da schon eingeschlafen sein.

Kurzum: Mit „By My Side“ macht sich Ben Harper möglicherweise in der Schar seiner panisch im CD-Regal wühlenden männlichen Artgenossen noch ein paar neue Freunde. Auch das ein oder andere weibliche Exemplar wird selig dahinschmelzen. Fans kaufen das Best Of wohl ohnehin, um ihre Sammlung komplett zu halten. Die Mehrheit wird von dem Ding jedoch vermutlich ebenso wenig Notiz nehmen, wie von einem den Baum hinabsegelnden Herbstblatt. Am 25. Januar 2013 erscheint übrigens Ben Harper’s neues Album „Get Up“ (featuring Charlie Musselwhite). Es kann nur besser werden!