Ben Harper und Charlie Musselwhite feiern auf „Get Up!“ den Blues!

VERÖFFENTLICHUNG» 01.02.2013
BEWERTUNG» 8 / 9
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1994 veröffentlichte Ben Harper sein Debütalbum „Welcome To The Cruel World“ und machte sich damit erstmals einen Namen als Sänger und Songwriter. In der Folgezeit trat er dann immer häufiger als Teamplayer auf und ließ sich abwechselnd von den Innocent Criminals, Blind Boys Of Alabama und zuletzt von Relentless7 unterstützen. Nach seinem völlig überflüssigen Best Of „By My Side“ vom vergangenen Jahr hatte ich eigentlich mit dem 43-jährigen Kalifornier abgeschlossen. Das war voreilig.

Ben Harper’s zwölftes Studioalbum heißt nicht nur „Get Up!“, es ist tatsächlich eine Art Wiederauferstehung geworden. Jedenfalls was unser gestörtes Verhältnis betrifft. Nicht ganz unschuldig daran ist ein gewisser Charlie Musselwhite. Nie gehört? Ging mir genauso. Inzwischen weiß ich, dass Musselwhite als weltweite Legende an der Mundharmonika gilt. Er spielte gemeinsam mit Muddy Waters, Howlin‘ Wolf, Tom Waits oder John Lee Hooker. Durch den 2001 verstorbenen Hooker lernte er auch Ben Harper kennen. „Seitdem wollten wir etwas zusammen aufnehmen“, erklärt Musselwhite, der vom Alter her locker als Ben Harper’s Vater durchgehen könnte, die aktuelle Kollaboration. „Get Up!“ entstand schließlich in Los Angeles. Die zehn Songs stammen ausnahmslos aus Harper’s Feder, der das Album dann auch gleich noch selbst produziert hat. Unterstützt wurden die beiden ungleichen Hauptdarsteller von Jason Mozersky an der Gitarre, Bassist Jesse Ingalls (hat nichts mit „Unsere kleine Farm“ zu tun!) sowie Jordan Richardson am Schlagzeug.

Das Quintett liefert mit „Don’t Look Twice“ erstmal einen melancholischen Bluesstampfer ab. Bereits hier wird Musselwhite’s zwar zurückgezogenes, aber gleichwohl hoch akzentuiertes Spiel zum roten Faden, der den Rest der Band bis zum ebenso tieftraurigen Closer „All That Matters Now“ durch einen Stilmix aus Blues, Gospel, R & B und Roots Rock führt. Die Themen sind schwer, die Musik wechselt von fröhlich („I’m In I’m Out And I’m Gone“) zu euphorisch („I Don’t Believe A Word You Say“) und ist sich auch für alberne Handclaps nicht zu schade („We Can’t End This Way“). Der über sechsminütige Titelsong hätte in den 70er Jahren eine grossartige Kiffer-Hymne abgegeben. Dazwischen grübelt ein Sträfling über seinen Kampf mit der Wahrheit oder beklagt ein Soldat die lähmende Sinnlosigkeit des Krieges.

Der Höhepunkt auf „Get Up!“ ist zweifellos „You Found Another Lover (I Lost Another Friend)“. Hier sind Ben Harper und Charlie Musselwhite ganz alleine mit Gitarre, Mundharmonika und Stimme, sozusagen auf ihren inneren Kern reduziert, und das Ergebnis ist eine eindrucksvolle Demonstration ihrer Fähigkeit mit wenigen Mitteln ganz grosse Gefühle auszudrücken. Da verzeiht man ihnen auch den leicht uninspirierten (und einzigen) Ausfall „She Got Kick“.

War „By My Side“ für mich noch eines der schlechtesten Alben des ohnehin schlechten Musikjahres 2012, so ist „Get Up!“ der verheißungsvolle Auftakt eines hoffentlich besseren Musikjahres 2013. Das ist grosse Kunst! Und Kunst kommt von Können. Well done, Charlie! Well done, Ben!

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