Christian Scott – Meistertrompeter mit neuem Album „Christian aTunde Adjuah“

VERÖFFENTLICHUNG» 22.06.2012
BEWERTUNG» 7 / 9
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Christian Scott ist ein junger Trompeter aus New York, der die Jazz-Szene momentan gewaltig aufmischt. Seit er 2006 mit „Rewind That“ sein erstes Album bei Concord Music vorlegte und gleich für einen Grammy nominiert wurde, ragt der Trompeter und Komponist weit aus der Handvoll talentierter junger Jazzkünstler hervor, die versuchen, ihre künstlerische Vision über die strikten Grenzen der Tradition ihres Genres hinaus schweifen zu lassen. Und mit jedem weiteren Album setzte der mittlerweile 29-Jährige neue musikalische Maßstäbe.

Kürzlich erschein sein neues Doppelalbum „Christian aTunde Adjuah“. Es bietet nachdenkliche Balladen und Exkurse durch schwerelos-träumerische Klanglandschaften, aber auch betont rockige, Funk-infizierte und absolut ekstatische Nummern. Die Trompete von Christian Scott ist dabei fast immer im Mittelpunkt. Scotts reguläre Band setzt sich zusammen aus dem Gitarristen Matthew Stevens, Schlagzeuger Jamire Williams, Bassist Kristopher Keith Funn und dem neuen Pianisten Lawrence Fields. Dazu gesellen sich als Gäste u.a. der Tenorsaxophonist Kenneth Whalum III (bekannt durch Aufnahmen mit Joss Stone und Jay-Z), Altsaxophonist Louis Fouche III und Posaunist Corey King.

Scott wird oft mit Miles Davis verglichen. Das sind große Fußstapfen, in die man erst einmal hinein wachsen muss. Er tut dies in einem einzigartigen Fusion-Stil, der unterschiedlichste Einflüsse vermischt und auch vor weltmusikalischen Anleihen nicht zurück schreckt. Schon das Cover zeigt die afroamerikanische Kultur („Black Indians“) seines Heimatorts New Orleans, die sich in einigen Stücken wiederspiegelt. Da ist viel Biographisches drin. „Spy Boy Flag Boy“ handelt von Scotts Rolle als „spy boy“ (so werden die Scouts des Black-Indians-Stammes genannt, dem er angehört) und der seines Zwillingsbruders Kiel als „flag boy“ (so heißen die Diplomaten des Stammes).

Die Musik, die er auf „Christian aTunde Adjuah“ spielt, beschreibt Christian Scott als „stretch music“. In seinen Linernotes berichtet er von Leuten, die seinen Ansatz als „gedehnt“ bezeichnen und merkt an: „Es stimmt: Wir versuchen die rhythmischen, melodischen und harmonischen Konventionen des Jazz zu dehnen – und nicht sie zu ersetzen -, um so viele musikalische Formen/Sprachen/Kulturen wie möglich zu umfassen. Meine Grundüberzeugung ist, dass keine Ausdrucksform mehr Gültigkeit besitzt als irgendeine andere. Dieser Glaube hat mich veranlasst, einen Sound kreieren zu wollen, der bei der Akkulturation von anderen musikalischen Formen, Strukturen, Konventionen und Prozessen genreblind ist.“

Das neue Werk ist wie alle Alben des Künstlers kein einfach zu konsumierendes. Man muss sich darauf einlassen, die pulsierenden Rhythmen und die filigran-verspielte Trompetenläufe auf sich wirken lassen. Technisch brillant und die Emotionen des New Orleans-Konzepts werden gekonnt an den Hörer gebracht. So funktioniert guter Jazz.