Das Smashing Pumpkins-Meisterwerk „Mellon Collie & The Infinite Sadness“ jetzt als Re-Release!

VERÖFFENTLICHUNG» 30.11.2012
BEWERTUNG» 7 / 9
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Schon die geschichtliche Einordnung von „Mellon Collie & The Infinite Sadness“ fällt ein wenig schwer. Je nach Lesart ist es entweder das dritte oder das vierte Studioalbum der Smashing Pumpkins. Kommt darauf an, ob man die B-Seiten-Sammlung „Pisces Iscariot“ mitzählt oder nicht. Fakt ist jedenfalls, dass es am 24. Oktober 1995 erschien und neben „Siamese Dream“ von 1993 als das vielseitigste der Band gilt. „Mellon Collie & The Infinite Sadness“ verkaufte sich weltweit über 16 Millionen Mal und wurde damit zu einem der erfolgreichsten Doppelalben aller Zeiten. Alleine in den USA heimste es neunfach Platin ein. Smashing Pumpkins-Mastermind Billy Corgan lief zu jener Zeit vor Kreativität förmlich über und schrieb innerhalb eines Jahres nach eigener Aussage 56 Songs. Auf „Mellon Collie & The Infinite Sadness“ schafften es immerhin 28 dieser Stücke. Jetzt erscheint das Werk als Re-Release und setzt damit nach „Gish“ (1991), „Siamese Dream“ und „Pisces Iscariot“ (1994) die Reihe der Wiederveröffentlichungen aus dem Smashing Pumpkins-Backkatalog fort. Wie man hört soll es 2013 mit allen übrigen Alben der Band weitergehen.

Uns liegt zu Rezensionszwecken leider nur die „2CD-Edition“ von „Mellon Collie & The Infinite Sadness“ vor, die lediglich das remasterte Original-Album enthält. Fans greifen besser direkt zum „Limited Deluxe Boxset“, das in einer 12x12inch Lift-Top-Box gleich fünf CDs mit satten 106 Tracks, eine Live-DVD, zwei Bücher mit persönlichen Anmerkungen von Billy Corgan und noch allerlei mehr zu bieten hat. Kostet dafür aber schlanke 130 €. Die normale Edition glänzt dagegen mit einem fetten neuen Booklet inklusive ausführlicher Liner-Notes von Billy Corgan, einem Essay des amerikanischen Musikkritikers David Wild („Beauty, Sadness & The Best Of Times“), sowie bisher unveröffentlichten Illustrationen. Und der Mehrwert zeigt sich natürlich auch in der Musik, denn die Songs haben dank der Überarbeitung von Bob Ludwig hörbar an Volumen gewonnen und klingen im Vergleich zum Original deutlich entstaubt. Selbst die Farben des Artworks erscheinen um ein vielfaches frischer, was allerdings auch an meiner schon etwas angegrauten Erstausgabe von „Mellon Collie & The Infinite Sadness“ liegen kann.

Musikalisch hat das Album damals wie heute eine Menge zu bieten. Und damit meine ich nicht nur Hits wie „Bullet With Butterfly Wings“, das grossartige „1979“, „Zero“ oder das epische „Tonight, Tonight“. Es zeichnet sich vor allem durch seine Vielfalt und dichte Atmosphäre aus. Da treffen furiose Gitarrenriffs auf melancholisch-zarte Klänge und das ohne sie zu zerschmettern. Die beiden Silberlinge sind mit „Dawn To Dusk“ und „Twilight To Starlight“ überschrieben und repräsentieren den Ablauf eines Tages. Laut Billy Corgan sollten sie zum „The Wall der 90er Jahre“ werden, obwohl er nur ein Jahr später behauptete die Rockmusik sei tot. Aber gut, er war ja schon immer ein bißchen durchgeknallt. Auch der Stilmix auf „Mellon Collie & The Infinite Sadness“ ist schön bekloppt (oder bekloppt schön). Neben Trash Metal („Tales Of A Scorched Earth“) finden sich darauf Pop-Elemente neben jeder Menge Alternative Rock und Grunge („Jellybelly“) sowie der einen oder anderen akustischen Ballade („Stumbleine“). Nicht zu vergessen die furzenden Marsmenschen in „We Only Come Out At Night“. Da zeigt sich die Handschrift des britischen Produzenten und Toningenieurs Mark Ellis aka Flood, der 1997 mit „Pop“ alle U2-Fans in den Wahnsinn trieb.

Durch „Mellon Collie & The Infinite Sadness“ brachen die Smashing Pumpkins in ein dunkleres und instinktiveres Terrain auf. Auch um die Band selbst wird es anschließend zunehmend dunkler. 1996 stirbt ihr Tour-Keyboarder Jonathan Melvoin an einer Überdosis Heroin. Es folgt ein Besetzungswechsel nach dem anderen. Heute ist von der Gründungsformation, die „Mellon Collie & The Infinite Sadness“ einspielte, nur noch Billy Corgan übrig. Zwischen 2000 und 2005 galten die Smashing Pumpkins gar als aufgelöst, bevor sie 2007 mit „Zeitgeist“ eine Art Comeback schafften. Aus dieser Zeit stammt übrigens auch die sehr sehenswerte Doppel-DVD „If All Goes Wrong“. Im Juni diesen Jahres erschien schließlich ihr achtes reguläres Studioalbum „Oceania“.

„Mellon Collie & The Infinite Sadness“ hat die Karriere der Smashing Pumpkins entscheidend geprägt. Das Album hat alle Irrungen und Wirrungen souverän überlebt und klingt nach wie vor so innovativ und entrückt wie vor 17 Jahren. Dafür erhält es verdientermaßen auch heute noch die Höchstwertung. Zwei Punkte Abzug gibt es jedoch für die etwas einfallslose Neuauflage als „2CD Edition“, die man sicherlich mit der ein oder anderen Perle aus der „Mellon Collie“-Ära noch hätte aufwerten können. Macht im Ergebnis würdige 7 von 9.