Die ultimative Werkschau: „Sound And Vision“ präsentiert den David Bowie der Jahre 1969 bis 1994

VERÖFFENTLICHUNG» 19.09.2014
BEWERTUNG» 8 / 9
ARTIST»
LABEL» ,
David Bowie Sound And Vision bei Amazon bestellen

Über David Bowie muss man nicht mehr viele Worte verlieren. Der Mann, der 2013 nach zehn Jahren Pause mit „The Next Day“ ein Bilderbuch-Comeback hingelegt hat, ist so wandelbar wie kein Zweiter. Bowie prägte die Entwicklung der Popmusik entscheidend mit, indem er sich stets seine eigene Ästhetik erarbeitete. Ob es der Glamrock aus der „Ziggy Stardust“-Phase war, die legendäre Zusammenarbeit mit Brian Eno auf den Kultalben „Low“ und „Heroes“, die zu Vorläufern des New Wave in den Achtzigern wurden oder seine Rückkehr zu griffigem Rock in den späten achtziger Jahren mit der Formation „Tin Machine“ – kein anderer Musiker hat so viele Inkarnationen durchlebt wie der inzwischen 67-jährige Brite. Nicht umsonst nennt man ihn auch respektvoll das „Chamäleon der Popmusik“.

David Bowie überrascht immer wieder dadurch, dass er sich konstant neu erfindet. Zuletzt wurde er für seine Ausstellung „David Bowie Is“ gefeiert, die bis zum 24. August im Berliner Martin-Gropius-Bau zu sehen war und aktuell in Paris, Chicago und Groningen Station macht. Das 4CD-Boxset „Sound + Vision“ wirft nun noch einmal einen Blick zurück. Genauer gesagt auf Bowie’s Schaffen in den Jahren 1969 bis 1994. In dieser Zeit veröffentlichte er 21 Studioalben, von denen jedes gleich mehrere Charthits und Kultsongs enthielt. Angefangen bei „Space Oddity“ bis hin zum Soundtrack „The Buddha Of Suburbia“, der bei vielen Fans bis heute als das meistunterschätzte Bowie-Werk gilt. Fette 70 Songs und ein opulentes 64-seitiges Booklet mit vielen Infos und Fotos hat „Sound + Vision“ zu bieten und überzeugt obendrein auch rein optisch im dekorativen Pappschuber.

Man könnte seitenweise über einzelne Songs und Phasen philosophieren. Alleine die Zeit zwischen 1976 und 1978, als Bowie eine Siebenzimmer-Altbauwohnung im West-Berliner Bezirk Schöneberg bewohnte, hat unzählige Mythen hervorgebracht. Oder seine Schaffenskrise, die in den von der Kritik verrissenen Alben „Tonight“ (1984) und „Never Let Me Down“ (1987) mündete. Auf „Sound + Vision“ haben sich, neben den bekannten Bowie-Standards, einige Perlen und Perlchen versammelt. Dazu gehört etwa das Originaldemo von „Space Oddity“ (besser bekannt als „Major Tom“). Oder eine spezielle Aufnahme von „1984/Dodo“ aus dem Jahr 1973, ein Outtake aus dem 75er Album „Young Americans“ mit dem Titel „After Today“ oder die deutsche Version von „Heroes“. Dazu kommen Songs aus „Ziggy Stardust: The Motion Picture“, dessen Soundtrack 1982 erschien und der auf „Sound + Vision“ mit drei Stücken vertreten ist. Nicht zu vergessen die Live-Alben „David Live“ (1974) sowie „Stage“ (1978) oder Bowie’s Ausflug ins Brecht’sche Theater mit „Baal“ (1982). Eine wahrlich ultimative Werkschau…

…deren Veröffentlichung sich trotzdem nicht so ganz erschließt. Denn erstens hat es dieses Boxset mit identischer Tracklist 2003 schon einmal gegeben und zweitens wartet die Fanschar bereits jetzt auf die Veröffentlichung der Songsammlung „Nothing Has Changed“, die für den 14.11. angekündigt ist. Darauf wird es dann neben einer Retrospektive der Bowie-Jahre 1964 bis 2014 mit „Sue (Or In A Season Of Crime)“ auch einen brandneuen Song zu hören geben. Fast fünfzig Jahre nach seinen ersten Aufnahmen gehört David Bowie als Musiker, Künstler und Pop-Ikone noch immer zur Speerspitze der zeitgenössischen Kultur. Ob dieser Status reicht, um die Fans innerhalb von acht Wochen gleich zweimal zum Zücken des Portemonnaies zu bewegen, wage ich allerdings zu bezweifeln.