Nach zehn Jahren mit viel Licht und ein bißchen Schatten zurück: David Bowie „The Next Day“

VERÖFFENTLICHUNG» 08.03.2013
BEWERTUNG» 7 / 9
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Seit der Veröffentlichung seines Albums „Reality“ vor zehn Jahren war es still um David Robert Haywood Jones. Nach einem Herzinfarkt im Backstagebereich des Hurricane Festivals am 25. Juni 2004 hatte sich der weltweit als David Bowie bekannte Engländer fast völlig aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Sein Name allerdings blieb das stete Objekt endloser Spekulationen, Gerüchte und Wunschdenkens. Kein Wunder bei einer solchen Ikone, die zu den einflussreichsten Künstlern der vergangenen fünf Jahrzehnte gehört.

David Bowie hat uns in seiner langen Laufbahn schon oft als musikalisches Chamäleon überrascht. Die Hoffnung auf ein neues Album hatten viele jedoch längst aufgegeben. Aber Bowie ist halt Bowie und so überraschte er die Musikwelt ausgerechnet am 8. Januar – dem Tag seines 66. Geburtstages – mit einer neuen Single. „Where Are We Now?“ erschien quasi aus dem Nichts. Als dann auch noch bekannt wurde, dass im März der Wunsch nach einem Nachfolger für „Reality“ tatsächlich in Erfüllung gehen sollte, kannte die Euphorie praktisch keine menschlichen Grenzen mehr. „Where Are We Now?“ avancierte zu Bowie’s erstem UK Top Ten Hit seit mehr als zwanzig Jahren.

Jetzt ist es also da, dieses sehnlichst erwartete 30. Studioalbum von David Bowie. Das vermeintliche Wunderwerk hört auf den Namen „The Next Day“. Die reguläre CD umfasst 14 Stücke. Wir haben hier das Vergnügen mit der Deluxe Edition, die noch drei zusätzliche Songs enthält. Um es kurz zu machen: Einen Mehrwert bieten sie nicht. „So She“ stellt mit seinem Tingel-Tangel-Charme sogar einen Komplettausfall dar. „Plan“ ist ein ziemlich schräges Instrumental, das zwar seinen experimentellen Reiz hat, im Grunde aber überflüssig bleibt. Und „I’ll Take You There“ ist nicht mehr als solide Bowie-Kost. Konzentrieren wir uns also besser gleich auf die Stücke der Standard Edition.

Auch dabei wechseln sich Licht und Schatten ab, wobei die lichten Momente in der Überzahl sind. Natürlich könnte man nun zahllose Querverweise zum bisherigen Schaffen des „Thin White Duke“ ziehen, aber das schenke ich mir und euch, weil es nicht weiterhilft. Auch wenn das Cover eine deutliche Referenz an Bowie’s Meilenstein „Heroes“ aus dem Jahr 1977 darstellt. Sollte jemand „The Next Day“ trotzdem gerne eingeordnet haben, dann gebe ich ihm das Prädikat „Würdiges Alterswerk“. Doch während andere Rezensenten das Album fast schon reflexartig abfeiern, finde ich auch Gold, das nicht so hell glänzt, wie allgemein behauptet wird.

Dazu gehört die zwar angriffslustige, aber eher durchschnittliche zweite Singleauskopplung „(The Stars) Are Out Tonight“. „If You Can See Me“ holpert uninspiriert vor sich hin. Und auch das rätselhafte „Heat“ nimmt mich nicht gefangen. Die pure Schwermut, deren Intro so klingt, als würde sich an einem Spaceship die Ladeklappe öffnen. Im Gegensatz dazu ist der Titeltrack ein überraschend ruppiger Albumauftakt, an dem Bowie’s alter Kumpel Iggy Pop sicherlich auch seine Freude hätte. Überhaupt versteht es der alte Meister durchaus noch zu rocken. Das beweist er in „Boss Of Me“ (mit Funk-Einschlag), dem lächerlich schönen „How Does The Grass Grow?“, vor allem aber mit „(You Will) Set The World On Fire“. Da steht Bowie wieder in irgendeinem kleinen Kellerclub auf einer winzigen Bühne, der Schweiß tropft von der Decke und vor ihm tobt der Pogo Pit. Unglaublich aber wahr. Später legt er sich dann während „I’d Rather Be High“ zur Beruhigung einen Blumenkranz um den Hals und zieht kräftig am imaginären Joint.

Selbstverständlich gibt es kein Bowie-Album ohne ganz grosse Momente. In „Dirty Boys“, das als Trauermarsch beginnt, hört er sich an, als würde er aus einem Sarg heraus singen, während der Teufel in Gestalt von Steve Elson darauf herumtanzt und das Saxophon heulen lässt. „Love Is Lost“ ist schlicht und einfach ein düsteres Meisterwerk geworden. „Valentine’s Day“ könnte auch aus Bowie’s „Ziggy Stardust“-Phase stammen. Ach Mist, ich wollte ja keine Querverweise ziehen. „Dancing Out In Space“ kommt als grossartig durcharrangiertes und gleichzeitig völlig abgedrehtes Popjuwel aus den Boxen. In „You Feel So Lonely You Could Die“ zeigt sich Bowie von seiner scheuen, verletzlichen Seite. Schickes Ding! Der beste Song auf „The Next Day“ ist und bleibt für mich aber tatsächlich „Where Are We Now?“, die Hommage an seine Berliner Zeit zwischen 1976 und 1978, mit der er urplötzlich wieder aus der Versenkung aufgetaucht war. Alleine wie er Potsdamer Platz, Club Dschungel, KaDeWe und Bösebrücke singt ist göttlich.

Produziert wurde „The Next Day“ von Tony Visconti, dem alten Bowie-Spezi aus „Space Oddity“-Tagen. Es ist ein Album mit vielen überraschenden Wendungen, dunklen Nischen, spitzen Ecken und Kanten, aber eben auch mit einigen Längen. David Bowie wird dieses Urteil herzlich egal sein. Im Gegensatz zu so manch anderem Kollegen, der sich im fortgeschrittenen Alter nochmal schnell die Rentenkasse aufbessern will, tritt Bowie dann auf, wenn er etwas zu sagen und nicht wenn er etwas zu verkaufen hat. Hoffen wir, dass es nicht wieder zehn Jahre dauert, bis ihm etwas Neues einfällt.