Die 20th Anniversary Edition von „In Utero“ erweist Nirvana noch einmal die Ehre!

VERÖFFENTLICHUNG» 20.09.2013
BEWERTUNG» 8 / 9
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Als 1991 „Nevermind“ von Nirvana erschien, öffnete sich meiner Generation das Tor zu einer neuen Welt. Für die Punkphase Mitte der Siebziger zu jung und aufgewachsen mit Neuer Deutscher Welle und dem Discogedudel der 80er war das, was da aus Seattle über uns hereinbrach unsere eigene musikalische Revolution, die wir aufsogen wie ein trockener Schwamm. Fortan hingen wir stundenlang vor dem Fernseher, guckten MTV, bis uns die Augen aus dem Kopf fielen und entdeckten täglich neue, spannende Bands: Mother Love Bone, Mudhoney, Screaming Trees, Alice In Chains, Soundgarden, Pearl Jam, Smashing Pumpkins, Sonic Youth und und und. Überall spürte man dieses euphorische Gefühl des Aufbruchs und Zusammenhalts, von dem wir dachten, es würde ewig andauern. Tat es aber nicht. Denn wir hatten die Mechanismen der Musikindustrie unterschätzt, die unsere Revolution zuerst mit dem Etikett „Grunge“ versah, um sie anschließend bis zum letzten Ton kommerziell auszuschlachten. Umso wertvoller sind die Erinnerungen an jene unschuldigen Zeiten, in denen der Himmel unsere einzige Grenze war.

Von „Nevermind“ verkauften Nirvana über 30 Millionen Exemplare und während der folgenden zwei Jahre wartete die Welt atemlos auf den Nachfolger. Am 21. September 1993 war es dann soweit. Unter der Regie von Steve Albini erschien „In Utero“ und setzte sich gleich auf Platz 1 der britischen und amerikanischen Billboard-Charts. Was zu diesem Zeitpunkt niemand ahnte: „In Utero“ war nicht nur das dritte, sondern auch letzte Studioalbum von Nirvana. Knapp sechseinhalb Monate später setzte Kurt Cobain seinem Leben ein Ende. Am 8. April 1994 wurde er in seinem Haus in Seattle tot aufgefunden. Exakt an diesem Datum sollte mit „Pennyroyal Tea“ eigentlich die dritte Single aus „In Utero“ veröffentlicht werden, von der allerdings nur wenige hundert Exemplare in den Handel gelangten und die deshalb heute ein begehrtes Sammlerobjekt ist.

Fast auf den Tag genau 20 Jahre später würdigt Universal Music „In Utero“ mit einer ganz besonderen Jubiläumsedition. Das Spektrum reicht dabei von einer 3CD/1DVD-Super Deluxe Edition bis zur remasterten Standard-Version des Original-Albums. Zusätzlich erscheint am 20. September die komplette „Live And Loud“-Show von Nirvana vom 13. Dezember 1993 im Pier 48 in Seattle als Einzel-DVD. Wir haben die aus zwei CDs bestehende Deluxe Edition zur Besprechung bekommen und auch die erweist sich als wahre Fundgrube.

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Auf CD 1 finden sich zunächst die zwölf remasterten Songs des Originals. Zählt man den Hidden Track „Gallows Of Rubbing Alcohol Flow Through The Strip“ hinzu (der ursprünglich 20 Minuten nach dem Ende von „All Apologies“ einsetzte), sind es deren dreizehn. Auf „In Utero“ zeigten sich Nirvana von ihrer eher aggressiven und experimentellen Seite. Ich persönlich bin mit dem Album nie so recht warm geworden, obwohl es mit „Heart-Shaped Box“, „Rape Me“ (dem legitimen Nachfolger von „Smells Like Teen Spirit“), „Dumb“, „Pennyroyal Tea“ oder „All Apologies“ einige grossartige Songs zu bieten hat. Letzterer wurde später zu einem der eindringlichsten Momente in Nirvana’s „MTV Unplugged In New York“-Session. Die Stücke sind in der Überarbeitung um Nuancen verändert, die sich aber wohl nur gründlich geübten Ohren erschließen. Interessanter sind da schon die folgenden B-Seiten und Bonus Tracks. Zum Beispiel „Marigold“, das als früheste Komposition von Dave Grohl gilt. Oder die in bislang unveröffentlichten Mixes vertretenen „Moist Vagina“, „Sappy“, „I Hate Myself And Want To Die“, „Heart-Shaped Box“ und „All Apologies“.

Der zweite Silberling beginnt mit einem 2013er Mix von „In Utero“, der die Songs entstaubt und sehr viel voluminöser klingen lässt. Leider fehlt hierbei „Gallows Of Rubbing Alcohol…“. Enthalten sind hingegen weitere elf Demos. Etwa „Scentless Apprentice“ nur mit Textfragmenten und ohne das wilde Gekreische der Endfassung. Oder „All Apologies“ in einer ungewöhnlichen Rohversion, die einen fast schon fröhlichen Countrycharakter hat. Hinzu kommen das erst kürzlich ausgegrabene Instrumental „Forgotten Tune“, ein fünfeinhalbminütiger „Jam“ oder eine frühe Akustikversion von „Marigold“. Die Sahne auf dem Geburtstagskuchen ist das aufklappbare Digipack inklusive fettem Booklet mit jeder Menge Fotos und einem launigen Kommentar des amerikanischen Komikers Robert „Bobcat“ Goldthwait, der Nirvana damals auf ihrer „In Utero“-Tour als eine Art Zeremonienmeister begleitete.

Aus heutiger Sicht kann man „In Utero“ wohl als das provokanteste und gleichzeitig verletzlichste Album von Kurt Cobain, Krist Novoselic und Dave Grohl bezeichnen. Auf einer Liste des „Rolling Stone“ mit den „Besten Alben der 1990er“ erreichte es Platz 7. Man könnte meinen, dass es so viel Unentdecktes von Nirvana mittlerweile nicht mehr geben kann. Courtney Love machte ja selbst Kurt Cobain’s intime Tagebücher schon zu Geld. Doch die Jubiläums-Editionen von „In Utero“ haben nicht nur für Fans, Sammler und Nostalgiker einen Mehrwert. Sie feiern ein Album, das als unwissentlicher Schwanengesang einer der widersprüchlichsten Rockbands aller Zeiten in die Musikgeschichte einging. Einer Band, die nicht nur eine Ära prägte, sondern unseren musikalischen Horizont für immer veränderte. „I’m so happy because today I found my friends – they’re all in my head“, hat Kurt Cobain einmal gesagt. Er hatte Recht!