Die „Psychedelic Pill“ von Neil Young & Crazy Horse ist ein echter Leckerbissen

VERÖFFENTLICHUNG» 26.10.2012
BEWERTUNG» 8 / 9
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Kein Alkohol, kein THC, keine Ideen. So in etwa sah es vor gut einem Jahr im Leben des Neil Young aus. Er hörte auf seinen Arzt und ließ von den Drogen ab, in einem Alter, in dem man normalerweise in Rente geht. Was folgte war eine handfeste Schreibblockade. Die Songs wollten nicht mehr aus seiner Feder fließen, anders als es über 4 Jahrzehnte und über 30 Studioalben der Fall war. In dieser Situation begann er, seine Autobiographie zu schreiben, in der er über 500 Seiten mehr plauderte als ernsthaft zu schreiben, wie ein Rezensent bemängelte. Diese Form der plaudernden Selbstreflektion hatte aber den Effekt, in den alten Zeiten zu schwelgen und sich seiner früheren Stärken zu vergewissern. Ein Ergebnis daraus ist jetzt zu bewundern, das Album „Psychedelic Pill”, das er zusammen mit seinen langjährigen Weggefährten von Crazy Horse eingespielt hat. Nach vielen durchwachsenen Veröffentlichungen der letzten Jahre ist diese Doppel-CD (bzw. 3-fach-Vinyl) ein echter Leckerbissen.

Schon der Titel des Openers „Driftin‘ Back” zeigt, wohin der Blick gewandt ist, nämlich in die musikalische Vergangenheit. Dieser epische Song beginnt mit akustischem Intro, bevor Crazy Horse auf ihre unverwechselbare Art das Ruder übernehmen und es für eine knappe halbe Stunde nicht mehr aus der Hand geben. Wie so oft in der Geschichte der vier Musiker liegt die besondere Wirkung in der knappen Dosierung. Zwei Akkorde müssen über weite Teile des Stückes reichen. Passend dazu singt Neil Young von seinem „Mantra” und seiner „Meditation”, womit der Charakter des Songs sehr gut beschrieben ist. „Psychedelic Pill”, der namensgebende Track des Albums, wird in zwei Varianten dargeboten. In seiner ersten Fassung sind Gitarren und Gesang so verzerrt, dass man meinen könnte, eine mp3-Version in zu geringer Bit-Rate zu hören. Natürlich ist diese Bemerkung nicht ohne Augenzwinkern gemeint, angesichts des fortdauernden Kampfes des Kanadiers gegen diese „Verunstaltung” seiner Songs („When you hear my song now, you only get 5%“). Seine Lösung heißt PONO, ein verlustfrei komprimierendes Format samt dazu gehörendem Player. Die zweite Fassung von „Psychedelic Pill” verzichtet als Bonustrack auf die Effekte und ist die bessere.

Die Reise eines Paares entlang der Westküste Richtung Süden und gleichzeitig zu sich selbst beschreibt Young in „Ramada Inn”. Solche Erzählungen dargeboten in wunderbaren Liedern wie schon in „Powderfinger” erlebt, zählen zu seinen ganz großen Stärken. Wenn der vielstimmige Refrain „And every morning comes the sun” ertönt, wird es einem ganz warm um’s Herz. Nicht minder emotional ist „She’s Always Dancing”. Einziger Ausreißer in verschiedenster Hinsicht ist das vorweihnachtliche „For The Love Of Man”, das man getrost in der Schublade hätte lassen können. Anders als „Walk Like A Giant”. Was für ein Song! Was für eine Präsentation! Wenn der Gigant am Ende durch die Gegend stampft, wird dies durch das großartige Gitarrenspiel beeindruckend umgesetzt. Die fühlbare Schwere wird durch die Leichtigkeit der gepfiffenen Stellen kontrastiert. Eindeutig geht es hier um die Hippiezeit („We saw the lights and spiritual shining”), ihre gesellschaftsverändernde Kraft („Think about how close we came”) und ihre Ursünden („Burn down all my ideas”). In jener Zeit fühlten sich die Protagonisten wie Giganten und der Wunsch „I wanna walk like a giant”, ist noch immer da. An solchen Stellen ist die Nostalgie des Albums sehr bestimmend. Erste Eindrücke hiervon kann man gewinnen, wenn man sich den Auftritt von Crazy Horse beim Global Citizen Festival im Central Park anschaut. Hier gab das Quartett einige der neuen Lieder zum Besten, wie u.a. „Born In Ontario” mit einem ordentlichen Schuss Americana. Auch in Europa darf man sich auf baldige Konzerte mit viel „Psychedelic Pill” freuen, vertraut man auf die Ankündigungen im Twitter-Interview.

Was nun letzten Endes dazu geführt hat, das „Psychedelic Pill” ein tolles Album geworden ist, bleibt Spekulation, aber eines ist klar. Neil Young kann auch ohne Alkohol und andere Substanzen kreativ sein. Er musste nur einen anderen Weg finden. Die dauerhafte Erinnerung beim Schreiben an vergangene Tage scheint ein wesentlicher Faktor gewesen zu sein. Und eine schon lange existierende Vermutung hat sich erhärtet: Neil Young ist immer dann am besten, wenn er Teil von Crazy Horse ist.