Eine Ode an die Jugend und an das Dunkle im Menschen – Prinz Pi, Kompass ohne Norden

VERÖFFENTLICHUNG» 12.04.2013
BEWERTUNG» 5 / 9
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Unsicherheit, Vollsuff, die gottverdammte Jugend, Liebe und auch ein wenig Selbstmitleid. Der Kompass ohne Norden dreht sich bereits zum fünften Mal im CD-Player in voller Länge und die Bewertung steht immer noch offen. Vielleicht klappt es ja beim sechsten Mal.

Alben von Prinz Pi sind generell keine leichte Kost. Lyrisch ist der selbsternannte iGod auf seinem 15. (!!!) Album fernab vom klassischen Poser, wie es momentan von jung, brutal und gut aussehenden Rappern projiziert wird. Nein, die Pornozeiten sind vorbei. Keine Selbstironie, keine agressiven Punchlines, kein „ichbinderbossunddueinnichts“. War der Übergang vom Illuminaten zum Rebell ohne Grund ein sauberer Schnitt in Friedrich Kautz’ Karriere, ist auf Kompass ohne Norden doch noch eine ganze Menge von der Liebe und der Gesellschaftskritik des Vorgängers mit übergeschwappt. Nur ist diesmal alles viel düsterer. Beim Opener „Fähnchen im Wind“ trügt der Schein noch. Doch spätestens bei der Bridge merkt man, dass der Berliner alles andere als zum Scherzen aufgelegt ist:

Es hieß „Leb dein‘ Traum“ – doch was ist mein Traum? 
Tausend Frauen? Dann Job und Haus, mal schauen
Es hieß „Leb dein‘ Traum“ – und ich träume noch
Auch heute noch, mach meinen Pseudojob“

Als schließlich die ersten Zeilen von „Moderne Zeiten“ erklingen, – übrigens der beste Titel der Platte – ist man quasi in dem Album gefangen. Die Gesellschaftskritik fällt zwar nur deskriptiv aus, aber dennoch nahe genug um sich direkt selbst drin wiederzufinden, obwohl ich mit meinen 21 Jahren eher zum älteren Teil der grundlosen Rebellen-Zielgruppe gehöre. Trotzdem kann man einfach bei keinem Song vom Prediger Pi ablassen. Fakt ist nämlich, dass der Berliner trotz seines fortgeschrittenen Alters immer noch 100x mehr zu erzählen hat, wie alle Dr. Sommer dieser Welt zusammen. Vor allem beim gleichnamigen Track mit der Hilfe des Langzeitkollegen Casper. Sei es die Konsumgesellschaft („Rost“) oder Mobbing in der Schule („Frühstücksclub der toten Dichter“) –  Lyrisch ist die Platte so gewaltig wie eine gesamte Hurricanesaison.

Wie bereits erwähnt, die gottverdammte Liebe kommt auch 2013 nicht zu kurz. Zum Einen ist da „Unser Platz“, zu dem ein sehr ausdruckstarkes Video gedreht wurde, was jedoch musikalisch gesehen nur ein Add-On ist, wenn man „Du bist“, „Eifer & Sucht“ oder „Laura“ als Vergleich heranzieht. Viel eher fällt da „Glück“ aus dem Raster heraus,  was als Fortsetzung zu „Laura“ zu werten sein darf. Der Song ist einer der atmosphärischsten auf dem Album und das Trompetensolo sorgt für das gewisse Etwas.

Nachdem das Feuerwerk am Ende des Albums verstummt, kann man sich nicht mehr davor drücken eine Bewertung abzugeben…..dummerweise geht das einfach immer noch nicht. Lyrisch ist das Album eine absolute Wucht. Gerade „Moderne Zeiten“ ist einer der besten Songs der letzten Jahre. Die Geschichten, die Pi über die Jugend, die Liebe und die Gesellschaft hier als eine Art Prophet verkündet, haben einen unglaublichen Wiedererkennungswert. Jeder hat auf irgendeine Art mal erlebt, dass „sein bester Freund einen krass enttäuscht hat“, weil er das Mädchen, was er mag, küsst oder der Einzelgänger in der Schule zu sein und einfach nur gottverdammt froh ist, wenn man gewisse Hackfressen nach dem Abschluss nie mehr sehen muss. Danke fürs Verständnis und für die Info, dass man nicht der Einzige ist! Andererseits muss man sich die Frage stellen: Will ich an so etwas überhaupt noch mal erinnert werden? Soll ich mich in meinem Selbstmitleid baden und lieber unglücklich sein, weil es doch so vertraut ist? Scheiße nein, verdammt noch mal! Eine weitere persönliche Angst ist in den nächsten Jahren Konzerte zu erleben, die einer Standparade gleichen. Wenn alle Balladen von Teenage Mutant Horror Show II bis zum Neuling zum Besten gegeben werden, könnte man das Guiness Buch der Rekorde anrufen für den größten Heulhaufen, den die Menschheit je gesehen hat.

Prinz Pi ist ein Gefangener seiner selbst. Nicht verwunderlich, können doch nur sehr wenige Leute wirklich nachvollziehen, was einem nach dem Tod eines Partners durch den Kopf geht. Nur hoffentlich wird irgendjemand ihn von dieser schwarzen Wolke erlösen und ihn wieder auf einen etwas selbstsichereren Zweig bringen. Ich will mit Pi auch mal wieder die Welt anzünden, meine Ex „Du Hure!“ nennen, dabei immer schön anti bleiben, die Faust gegen die Wand schlagen und nach Instinkt ein Donnerwetter heraufbeschwören. All das dann bitte in nur drei Minuten.

Letztendlich addiere ich die beste und schlechteste Wertung und dividiere den ganzen Unmut, die Traurigkeit und die gewaltige Lyrik durch zwei und lande genau in der Mitte. Jeder muss selber entscheiden, was man von diesem Album halten soll.  Ich werde es mir  jetzt zum siebten Mal reinziehen.

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