Filter „The Sun Comes Out Tonight“ – Riff-Gigantomanie meets Blast-Beats!

VERÖFFENTLICHUNG» 31.05.2013
BEWERTUNG» 9 / 9
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Es gibt wohl kaum jemanden, der puren Rock so gekonnt und mit einem nahezu traumwandlerisch sicheren Gespür mit Industrial-Klängen verbindet, wie Richard Patrick. Seit nunmehr fast zwanzig Jahren veröffentlichen die menschgewordene Kreativzelle und seine Band Filter Alben, die sich vor allem durch eines auszeichnen: eine kantige Produktion, fette Bassläufe, zackige Gitarren-Riffs, gepaart mit Drum-Computern und Synthesizern. Auch das sechste Filter-Album „The Sun Comes Out Tonight“ macht die Grenzen zwischen Rock, Industrial und elektronischer Musik wieder spielend dem Erdboden gleich. Verantwortlich dafür sind neben Patrick der neue Gitarrist Jonathan Radtke sowie Produzent Bob Marlette, der bereits beim Vorgänger „The Trouble With Angels“ von 2010 hinter dem Mischpult saß und diesmal auch als Co-Songwriter fungiert.

„The Sun Comes Out Tonight“ versammelt zwölf Songs über Betrug und Böses, aber ebenso Momente des Lichts, Songs über Freude und Liebe. So handelt die erste Single „What Do You Say“ beispielsweise von Lärm. Dem Lärm der Medien, dem Lärm der Menschen, die viel zu sagen haben, aber nicht mehr richtig zuhören können. Sie ist ein weiteres dieser typischen Filter-Stücke, bei denen Industrial-Jünger und Vollbrett-Rocker gemeinsam die Tanzfläche stürmen und ihre Fäuste in die Luft reißen. Filter feuern ihre Gitarren-Breitsaiten ohne Rücksicht auf Verluste unter das feiernde Volk und zeigen uns dabei fröhlich den Mittelfinger. Während „This Finger’s For You“ sehe ich jetzt schon live tausende kleiner Effenbergs vor mir. Auch der Mitgröhlfaktor wird konstant hochgehalten („Self Inflicted“). Über all dem schwebt Richard Patrick’s oftmals etwas schroffer Gesang als magnetischer Mittelpunkt. Riff-Gigantomanie meets Blast-Beats. Keine andere Band klingt so.

Doch Richard Patrick wäre nicht Richard Patrick, wenn er nicht auch auf „The Sun Comes Out Tonight“ mit Regeln brechen und scheinbar falsche Dinge tun würde. Hinter „Surprise“ versteckt sich fluffiger Pop. Man hätte es – angesichts des Titels – ahnen können. In „First You Break It“ hüpfen Patrick, Radtke und Marlette ausgelassen und breit grinsend über eine bunte Blumenwiese und probieren aus, wer von ihnen wohl die grösste Kaugummiblase hinkriegt. Im Hintergrund schunkeln dazu die Beatles mit Radiohead. Bei der bittersüßen Pianoballade „It’s My Time“ liegen sich alle in den Armen und heulen wie die Schloßhunde. Ganz zum Schluß drückt Richard Patrick dann noch einmal auf den Knopf der Spieluhr und es erscheinen die Köpfe von Bono, Larry Mullen Jr., Adam Clayton und The Edge („It’s Just You“). Wer nur diese vier Songs kennt und sich „The Sun Comes Out Tonight“ in der Annahme kauft, es mit einem Mainstream-Album zu tun zu bekommen, dem dürften die Haare zu Berge stehen. Grandios!

Irgendwann hat er Musik für sich zu einer interpretativen Kunstform erhoben. Richard Patrick glaubt gleichermaßen an Tradition und Improvisation und daran, dass man das musikalische Establishment, das in Gestalt der Rolling Stones oder Madonna nur noch müde in seinen Sessel furzt, von Zeit zu Zeit herausfordern muss. Nur so ist ein derart inspiriertes und inspirierendes Album wie „The Sun Comes Out Tonight“ zu erklären.