Gerald Bostock lässt ihn nicht mehr los – Ian Anderson erzählt auch auf „Homo Erraticus“ eine konzeptionelle Story mit Bezügen zu seinem Lieblingshelden

VERÖFFENTLICHUNG» 11.04.2014
BEWERTUNG» 8 / 9
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Im Jahr 1972 veröffentlichten Jethro Tull das legendäre Progressive Rock Album „Thick As A Brick“. Das Album erreichte auf Anhieb Platz 1 der amerikanischen Billboard Album Charts und konnte auch sonst international große Erfolge verzeichnen. Ursprünglich war es als Parodie auf die aufkommende Konzept-Hascherei im Prog gedacht. Dem wollten Jethro Tull entgegen wirken und die Idee auf die Spitze treiben. Inzwischen ist die Geschichte zum Selbstläufer geworden und „Thick As A Brick“ taucht wie selbstverständlich in jeder Auflistung relevanter Konzeptalben auf.

Im Mittelpunkt der Songtexte stand die fiktive kindliche Hauptfigur Gerald Bostock. Der Titel bedeutet eigentlich „dick wie ein Ziegelstein“ – sinngemäß übersetzt: „dumm wie Bohnenstroh“. Eine Fortsetzung der Story gab es 2012 – dann allerdings nicht von Jethro Tull sondern als Soloplatte von Jethro Tull’s Ian Anderson. Der musikalische Sidekick Martin Barre war also nicht dabei. Trotzdem klang das Werk mutig, frisch, und man konnte sich an der Detailverliebtheit erfreuen.

Jetzt packt Ian sogar noch einen drauf und veröffentlicht als nächstes Soloalbum (diesmal allerdings ohne den Namen der Stammband im Titel zu erwähnen) ein weiteres Album, das die Figur des Gerald Bostock weiter führt. Diesmal lautet die Story so, dass Bostock ein Buch namens „Homo Erraticus“ in Songtexte umgewandelt hat. Wiederum also ein astreines Konzeptalbum, das Schlüsselevents der britischen Geschichte mit Bezügen zu Prophezeiungen bis heute und in die Zukunft untersucht. Visionen vergangener Leben hervorgerufen durch Malaria, erschaffen die Charaktere durch deren Augen die Geschichten erzählt werden, wie die eines Steinzeitnomaden, eines Eisenzeit-Schmieds, eines christlichen Mönchs, eines Schankwirtes und sogar Prinz Alberts.

Zu verworren? Macht nix – Hauptsache, die Musik gefällt. Und da muss man sich keine Sorgen machen. Anderson bleibt ganz im Stil der 70er verhaftet. Mal wieder fällt die aufwändige Instrumentierung auf: Flöte, Violine, Bläser, akustische sowie elektrische Gitarre, Laute und Piano, zusammengehalten von allerlei virtuoser Percussion. Der Spaß am klanglichen Ausprobieren ist über das ganze Album zu spüren. Themen werden gefunden, verändert, wieder aufgegriffen. Ian singt, spricht und flötet sich durch die Story. Es macht vom ersten bis zum letzten Ton Spaß, der Band zuzuhören. Dreh- und Angelpunkt muss Ian Anderson mit seiner charismatischen Stimme und dem virtuosen Flötenspiel sein. Die Abwesenheit von Martin Barre fällt kaum ins Gewicht. So wird letztlich ein astreines Jethro Tull-Album draus, auch wenn Anderson sich momentan vom Bandnamen distanziert. Ein Werk, das Fans von Jethro Tull und ihrem Mastermind mal wieder gefallen wird.

Auf die Album-Veröffentlichung folgt eine ausgedehnte UK- und Deutschland-Tour auf welcher „Homo Erraticus“ in ganzer Länge zusammen mit Tull Klassikern in einer theatralischen Video-Inszenierung aufgeführt wird. Ian Anderson verspricht: „Das Ganze wird herzerweichend sein, aber es kann dabei auch herzlich gelacht werden!“ Wir sind gespannt.

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