Herman Van Veen „Für einen Kuss von dir“

VERÖFFENTLICHUNG» 21.09.2012
BEWERTUNG» 9 / 9
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Herman Van Veen ist Holländer. Es gibt bessere Voraussetzungen für eine erfolgreiche Musikerkarriere in Deutschland. Doch der 67-Jährige ist viel mehr als das. Er ist Komponist, Sänger, Schriftsteller, vierfacher Vater, zweifacher Großvater, Zauberer und Clown, vor allem aber ein stets scharfsinniger Alltagsbeobachter. Die üblichen Klischees von Tulpen, Wohnwagen, Käse, Holzschuhen oder spuckenden Fußballspielern dreht er seit nunmehr vierzig Jahren genüßlich durch die Mangel und hält sie uns – wie so vieles andere – als häßliches Spiegelbild unter die eigene Nase. Mal leise und mitfühlend, dann wieder laut und emotional. Ein Mann, der mit seinen Liedern und Geschichten mehr für das Verhältnis zwischen uns und unseren westlichen Nachbarn getan hat als alle anderen zusammen. Nicht rein zufällig hieß sein erstes deutschsprachiges Album von 1973 auch „Ich hab‘ ein zärtliches Gefühl“. Wäre Herman Van Veen kein Holländer, er könnte glatt Deutscher sein.

Im Herbst diesen Jahres bis zum Herbst des nächsten Jahres kommt Hermannus Jantinus Van Veen zum zehnten Mal in diesen vier Jahrzehnten auf Tour nach Deutschland. Im Gepäck hat er seine neue CD „Für einen Kuss von dir“, benannt nach einem Lied, das er für seine beiden Enkel komponierte, für die er einst „Kleiner Fratz“ schrieb. Produziert wurden die vierzehn Songs von ihm selbst, Marnix Dorrestein und Edith Leerkes, die auch Gitarre spielt und singt („Im Nebel“). Natürlich ist Erik van der Wurff am Piano wieder dabei, der ihn bereits seit 1961 begleitet. Dazu Dave Wismeijer am E-Bass, Willem Wits (Percussion), besagter Marnix Dorrestein (Gitarre, Bass, Tasten & Gesang) sowie der Jazz-Geiger Jasper leClerq vom berühmten Zapp-Quartett.

Irgendjemand hat Herman Van Veen mal als „Hausmeister im Museum der Gefühle“ bezeichnet und in „Für einen Kuss von dir“ wird er diesem Ruf mehr als gerecht. Er erzählt von „Lucas“, einem kleinen Jungen, der sich fragt, warum er so ist, wie er ist, davon, wie sich der Kuss auf die Nasenspitze eines Opas anfühlt, von „Mütter“ im Allgemeinen und seiner „ernsthaft witzigen Mama“ im Speziellen („Morgen ist es vorbei“). „Ein Witz ist eine besiegte Träne“, hat sie ihm mit auf den Weg gegeben. Wir begleiten Herman Van Veen zurück in seine Kindheit („In unsrer Strasse“) oder beim Besuch in einer Klinik („Später, wenn ich klein bin“). „Heute“ war schon Bestandteil seines letzten Live-Programms „Im Augenblick“.

Herman Van Veen malt Bilder mit Worten. Die Farbe liefern seine exzellenten Mitmusiker, allen voran Jasper leClerq, der besonders im abschließenden, orientalisch angehauchten Instrumental „Dabadibab“ mit seiner Violine Glanzpunkte setzt. Laut Van Veen „ein Lied zum Mitpfeifen“. Mit „Für einen Kuss von dir“ ist ihnen ein Album voller Poesie gelungen. 41 Minuten lang geben wir unseren Alltag an der Garderobe ab und tauchen ein in diese spezielle Welt des Herman Van Veen. Eine melancholische, nachdenkliche, aber ebenso fröhliche und hoffnungsvolle Welt. Eine Welt, die keine Grenzen kennt. Schon gar nicht zwischen Holland und Deutschland.