Joachim Witt öffnet seine „DOM“-Pforten

VERÖFFENTLICHUNG» 28.09.2012
BEWERTUNG» 5 / 9
ARTIST»
LABEL» , ,
  bei Amazon bestellen

1981 surft Joachim Witt als „Goldener Reiter“ ganz oben auf der Neuen Deutschen Welle. Der Song wird quasi aus dem Stand ein Klassiker. Dabei ist er eigentlich als Ausdruck für Witt’s Abscheu gegenüber allen bestehenden Konventionen gedacht, ein Produkt tiefer Depression und trifft trotzdem den Nerv einer ganzen Generation. Joachim Witt ist sich sicher, damit dem unerträglichen Spießertum der Mitt- und Endsiebziger entfliehen zu können und zunächst gelingt ihm das auch. Als die Neue Deutsche Welle aber immer mehr zur industriellen Spaßveranstaltung verkommt und seine Protagonisten langsam aber sicher in den Abgrund reißt, geht auch er in diesem Strudel schnell wieder unter.

17 Jahre später taucht Joachim Witt mit „Die Flut“ wieder auf, hinter sich eine gescheiterte Ehe und das Bewußtsein, den Stempel mit der Aufschrift „Gallionsfigur der NDW“ endgültig abgeschüttelt zu haben. Es folgt die „Werkreihe Bayreuth“, die einen völlig neuen Witt zeigt. Einen, der als ewiger Linker Wagner’s Pathos aus dem rechten Sumpf zieht. Nach „Bayreuth zwei“ will ihm seine Plattenfirma Sony Music künstlerische Vorschriften machen und der Sturkopf aus Hamburg zieht die Reissleine. 2007 sagt er der Musikbranche „Tschüs“. Bis ihm mit Ende 50 der Gedanke an eine „Kathedrale der Popmusik“ kommt.

Einfach war Joachim Witt also nie. Und einfach ist auch sein neues Album „Dom“ nicht. Die Mauern seiner Kathedrale sind voller Ecken und Kanten, jedenfalls für all diejenigen, denen die Verbindung von Klassik- mit Operelementen bislang nicht vertraut war. Ich bin einer davon, auch wenn mir der Albumtitel als „Fast-Kölner“ durchaus symphatisch ist. An den zehn Songs muss ich allerdings ziemlich lange kauen bis ich Geschmack finde. An einigen von ihnen beiße ich mir trotzdem die Zähne aus.

Joachim Witt bewegt sich auf „Dom“ gefährlich nah am Schlager. Das Album kommt überwiegend düster und mit (zu)viel Prunk daher. „Jetzt Geh“ könnte beispielsweise auch von Unheilig stammen, wobei ich Witt nicht in einen Topf mit deren vor seichtem Herzschmerz triefenden Ergüssen werfen möchte. „Dom“ hat im Gegensatz zum selbsternannten „Grafen“ nämlich ein paar überaus gelungene Arrangements zu bieten. So überzeugt „Beben“ durch das Wechselspiel von Michelle Leonard’s glockenheller und Joachim Witt’s tiefer Stimme. Mit ihr im Duett singt er auch das abschließende „Untergehen“, eine wunderbare Ballade und der mit Abstand beste Song des gesamten Albums. Auch „Königreich“ punktet als kraftstrotzende Hymne. Dazwischen liegt jedoch eine Menge musikalische Pracht und Festlichkeit und Songs, die die ewige Abfolge von Untergang und Neuanfang so ausgiebig feiern, dass man aufpassen muss, von dem ganzen Bombast nicht erdrückt zu werden. Sicherheitshalber sollte sich beim Hören ein Finger darum auch stets in der Nähe der Skip-Taste befinden.

Wer auf derlei Opulenz steht wird sich in Joachim Witt’s „Dom“ wie Zuhause fühlen. Interessant ist es allemal einen Musiker zu treffen, der vor 31 Jahren noch als „ein Kind dieser Stadt“ über die Bildschirme flimmerte und seitdem eine erstaunliche Metarmorphose vollzogen hat. Auch wenn mir Joachim Witt auf dem Weg dorthin fremd geworden ist.