„Lieder“: Adel Tawil teilt seine musikalische Biographie mit uns

VERÖFFENTLICHUNG» 08.11.2013
BEWERTUNG» 8 / 9
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In den 90ern war Adel Tawil noch Mitglied bei The Boyz, was man heute wohl als Jugendsünde verbuchen muss. Immerhin hat ihm diese Boygroup den Weg ins Musikgeschäft geebnet und gemeinsam mit Annette Humpe gründete er 2003 das Popduo Ich + Ich, das sich zu einem der erfolgreichsten Bandprojekte des neuen Jahrtausends entwickelte. Das zweite Album „Vom selben Stern“ verkaufte sich über eine Million Mal und hielt sich ganze 154 Wochen in den Top 100 der deutschen Albumcharts. Damit gehörten Humpe und Tawil zu den ersten, die im vergangenen Jahrzehnt bewiesen haben, dass deutschsprachiger Pop und Langlebigkeit sich durchaus mit einander vereinen lassen.

Ende 2010 entschied sich das Duo nach drei Alben für eine kreative Pause. Pessimisten sprechen auch von einer Auflösung der Band, aber die Freundschaftsbande scheinen noch sehr stark zu sein, wenn man die Anspielungen und das Feature auf Tawils Soloalbum richtig deutet. Schon während der Zeit von Ich + Ich führte seine ausdrucksstarke Stimme dazu, dass er einige Features als Solokünstler verwirklichen durfte und sein Name sich ins kollektive Gedächtnis einbrannte: „Ich glaub an dich“ gemeinsam mit Azad, „Stadt“ als Duett mit Cassandra Stehen und „Der Himmel soll warten“ in der unplugged-Session von Sido waren überzeugende Radiohits.

Jetzt erschien endlich sein Soloalbum mit dem Titel „Lieder“. Ein schlichter Titel der für alles steht, was Adel Tawil ausmacht. Vor allem die gleichnamige Single-Auskopplung hat es mir angetan. Man hört den Song zum ersten Mal so nebenbei und wundert sich noch wegen der etwas willkürlichen Aneinanderreihung  autobiographischen Gedankenguts, bis man merkt, dass Adil eine Art musikalischer Biographie in Worte gefasst und die Titel englischer Lieblingssongs ins deutsche übersetzt hat. Ab diesem Moment macht der Song doppelt Spaß und man ertappt sich gedanklich beim Lieder-Raten. Eine wundervolle Idee, die durch das Lyric-Video noch gesteigert wird.

Der Aufhänger für ein gutes Soloalbum ist also da und auch der Rest des Albums ist nicht von schlechten Eltern. Wie die Single ist das ganze Werk recht autobiographisch gehalten und strotzt nur so vor Anspielungen und Features. Die Songs erinnern oft an die Glanzzeiten von Ich + Ich. Da finden sich sehr schöne Lyrics und wundervolle Melodien wie in „Wenn du liebst“, „Kartenhaus“ und „Herzschrittmacher“. Adel teilt seine Gefühle, die positiven wie die negativen, mit den Hörern und präsentiert ein in weiten Teilen melancholisches Album. Ob Klavierklänge oder Elektronikbeats – das instrumentale Ambiente ist durchgehend sehr passend.

Als Gäste sind unter anderem Sido und Prinz Pi mit an Bord. Die Rap-Klänge von „Aschenflug“ führen in eine deutlich andere Richtung als der Rest des Albums, machen aber trotzdem Spaß. „Humpe & Humpe“ (also seine ehemalige Bandkollegin Annette und deren nicht minder berühmte Schwester Inga) tragen den Song „Graffiti Love“ bei. Und für „Dunkelheit“ hat Adel seine Frau Jasmin mit ins Studio genommen und mit ihr einen berührenden Lovesong aufgenommen, der klassische Klänge und Synthiepop vereint.

Das Album schlägt einen weiten Bogen durch die Musikgeschichte, der auch mich berührt. Wenn ich in der Single „Lieder“ die melodischen Klänge von DÖFs „Codo“ höre, das von Annette Humpe geschrieben und produziert wurde, denke ich wieder an die erste selbst gekaufte Single, die eben dieses Lied enthält. Darum als Teaser für ein starkes deutsches Album hier das Lyric-Video:

Adel Tawil Lieder hier reinhören!

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