Marillion ließen sich vier Jahre Zeit für „Sounds That Can’t Be Made“

VERÖFFENTLICHUNG» 14.09.2012
BEWERTUNG» 9 / 9
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Auch wenn man über die Jahre viele neue Lieblingsbands entdeckt – es gibt immer wieder Acts, denen man über lange Zeit (für immer?) die Treue hält. Bei mir gehören Marillion dazu. Meine unumstößliche Liebe zur Band begann mit „Misplaced Childhood“ unter Leadsänger Fish und setzte sich auch mit der Phase ab 1989, als Steve Hogarth „Seasons End“ einsang, nahtlos fort – wenn es auch einige Durchhänger wie „Holidays In Eden“ und „Anoraknophobia“ zu überwinden galt. Alben wie „Brave“, „Marbles“ und vor allem „Afraid Of Sunlight“ werden lebenslang zu meinen All-time-favourites zählen.

So ist das Erscheinen eines neuen Werks immer wie Weihnachten und Ostern an einem Tag und wird mit ganz viel Euphorie belohnt. Bei den beiden letzten Alben „Somewhere Else“ und „Happiness Is The Road“ muss ich sagen, dass die Euphorie nicht nachhaltig war und im Endeffekt nicht viele Songs im Ohr hängen blieben. Das merkt man dann auch bei Marillions Live-Konzerten, die sich häufig auf die erste Hälfte der 90er Jahre und das Album „Marbles“ aus 2004 konzentrieren.

Für „Sounds That Can’t Be Made“ hat sich die Band vier Jahre Zeit gelassen. Das ist die längste Pause zwischen zwei regulären Studiowerken, die es bei Marillion je gab (das Acoustic-Album „Less Is More“ jetzt mal außen vor gelassen). Und die Freude war groß, als nach dem respektablen Soundfeuerwerk „Power“ auch noch der epische Longtrack „Gaza“ ins Netz gestellt wurde. Ja, Proggies im Allgemeinen und Marillion-Fans im Besonderen stehen auf Songs, die länger als 15 Minuten dauern. Wir denken da weit zurück an „Grendel“, dann an das Konzept „Brave“, den Song „This Strange Engine“ und das allseits beliebte „Neverland“. „Gaza“ gehört mit über 17 Minuten in diese Kategorie und gefällt auf ganzer Linie. Ein musikalisches Glanzstück, das die Klasse von Marillion ausmacht und alles bietet von dem typischen, sich stetig steigernden Sound über Rotherys wundervolle Solo-Einlagen bis hin zu Hogarths stimmlichen Eskapaden. Bei „Gaza“ gibt es auch nach zig Durchläufen Neues zu entdecken und der Song wird an keiner Stelle langweilig. Vergleiche zu Led Zeppelin kommen da nicht von ungefähr. Textlich geht es um Kriegswirren und die sich daraus entwickelnde humanitäre Botschaft. Ein mutiger Schritt, den Song an den Anfang des Albums zu setzen. Aber auch konsequent, da er die Essenz vorweg nimmt.

Was danach noch kommen kann, ist solide Marillion-Kost. Das basslastige „Power“ ist schon länger bekannt, der Titeltrack klingt mit seinen Keyboard-Einlagen nach dem Pop der frühen 90er und „Pour My Love“ ist ein schöner, pianolastiger Lovesong.

Zur Hälfte des Albums gibt es den nächsten Kracher „Montreal“, der eine Art Tourtagebuch (das Steve Hogarth stets mit seinen Fans teilt) darstellt. In Montreal fand – ebenso wie in Holland und England – ein Weekend statt, in dem sich Fans und die Band zusammenfanden und es drei unterschiedliche Konzerte gab. Solche Events gibt es alle zwei Jahre. Die Nähe zu den Fans ist es auch, was Marillion für viele ausmacht. Da wurde über die Jahre ein hoher Zusammenhalt geschaffen. Und der Song „Montreal“ trägt viel davon in sich. Ein Gänsehaut-Song, der mit 14 Minuten ebenfalls die epische Marke beinahe knackt.

„Invisible Ink“ und „Lucky Man“ klingen dann nicht mehr so proggy wie die erste Albumhälfte. Man braucht auch etwas Zeit zum Verschnaufen und erfreut sich an sphärischen Klängen und eingestreuten Soli. Mit „The Sky Above The Rain“ klingt das Album dann ein wenig kitschig aus. Sehr emotional mit Druck auf die Tränendrüse.

Insgesamt bekommen wir fast 75 Minuten wundervolle Musik. Nicht alles wird jedem gefallen, aber ich sehe „Sounds That Can’t Be Made“ endlich als legitimen Nachfolger von „Marbles“. Marillion beherrschen ihr Handwerk noch. Und wer lange nichts mehr von den Briten gehört hat und einen ordentlichen Eindruck braucht, nimmt sich jetzt mal 17 Minuten Zeit für „Gaza“:

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