Mark Lanegan „Imitations“ – Ein Album wie Proust’s Suche nach der verlorenen Zeit

VERÖFFENTLICHUNG» 13.09.2013
BEWERTUNG» 7 / 9
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Jeder kann sich hoffentlich an das Gefühl erinnern, als Kind die ersten Berührungsversuche mit der Plattensammlung der Eltern zu machen. Da öffnet sich mitunter eine wahre Schatzkiste an neuen Eindrücken und Erfahrungen und Emotionen, die Musik in Menschen auslösen kann. Selbstverständlich findet das Kind am Anfang das meiste der Sachen gut, die Mama & Papa gut finden – das relativiert sich allerdings auch recht schnell und im Laufe der Jahre meist ohnehin. Dennoch bleibt in manchen Fällen auch so eine erste musikalische Prägung irgendwo in der persönlichen Erinnerung haften.

Mit seinem achten Soloalbum „Imitations“ spürt Mark Lanegan diesen Gefühlen seiner Kindheit nach. Das Songmaterial auf dem aktuellen Album beinhaltet ausschließlich Coverversionen von Künstlern wie Andy Williams und Frank Sinatra, aber auch neuere Songs wie „Brompton Oratory“ von Nick Cave & The Bad Seeds oder „Deepest Shade“ von The Twilight Singers mit denen Lanegan bereits in jüngster Vergangenheit eine recht erfolgreiche Kollaboration einging. Seit der Auflösung seiner Seattle Band Screaming Trees war der dunkle Hüne musikalisch sehr umtriebig, ob als jahrelanges Mitglied der mittlerweile omnipräsenten Queens Of The Stone Age, im Duett mit Isobel Campbell (Belle & Sebastian), als Solokünstler oder wie zuletzt in diesem Jahr mit dem Multiinstrumentalisten Duke Garwood, um die Essenz eines knochigen trockenen Blues zu beschwören.

Der einzigartige gänsehautfördernde Bariton von Mark Lanegan vermählt sich auf „Imitations“ oft mit fantastischen orchestralen String Arrangements. Auf dem Nancy Sinatra Song „You Only Live Twice“ (1967 James Bond Theme) brilliert der Mann aus Seattle andererseits wieder mit einer intensiven akustischen Version. Das anschließende „Pretty Colors“ von ihrem Vater Frank Sinatra schafft Lanegan hier auch scheinbar mühelos. Als einen der besten Sänger aller Zeiten erinnert sich Mark Lanegan an Andy Williams, dessen Musik im Elternhaus damals sehr präsent war und es schwingt schon eine gewisse Ehrfurcht mit, wenn man Mark Lanegan auf „Solitaire“ anspricht. Der vielleicht überraschendste Song auf der Platte ist jedoch der Brecht/Weill-Klassiker „Mack The Knife“ aus der Dreigroschenoper, der zum Beispiel auch von Bobby Darin bekannt ist. Hier gelingt Lanegan das Kunststück etwas völlig Neues zu erschaffen, aber dennoch das Lied unverkennbar zu erhalten. Weiter geht es mit einem Song von John Cale, dem französischen „Elegie funebre“ von Gerard Manset und später wiederholt nochmals Andy Williams – zum Abschluss dann auch noch mit „Autumn Leaves“.

Diese Platte ist vielleicht etwas anderes was der gemeine Fan von Mark Lanegan erwarten würde, aber die teilweise doch sehr gelungenen Variationen dieser Klassiker machen das Coveralbum am Ende doch zu einem eigenständigen Werk. Bemerkenswert ist es, dass Mark Lanegan sich weiter abseits jeglicher Trends bewegt und weiterhin Musik macht, die sich auch grundlegend von dem unterscheiden kann was er zuvor gemacht hat. Er präsentiert sich mit „Imitations“ einmal mehr, nicht nur bei seinen ohnehin treuen alten Fans, als echter grundehrlicher Musiker, der mit viel Emotionen arbeitet. Das Album ist wunderschön, wenn man sich auf die Art des Sounds einlassen möchte. Man darf bereits jetzt auf die nächste Arbeit dieses Mannes gespannt sein.