MUSE stoßen mit „The 2nd Law“ in neue Welten vor

VERÖFFENTLICHUNG» 28.09.2012
BEWERTUNG» 9 / 9
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Da stand den Muse-Fans mal kurz das Herz still, als es hieß, dass ihre Lieblingsband neuerdings auf Dubstep macht. Ein Gerücht, das die Presse genussvoll aufgriff und immer weiter verbreitete. Die Single-Auskopplung „Madness“ blies dann tatsächlich in dieses Horn und startete mit elektronischen Beats. Wer nur kurz rein hörte, bekam einen ganz neuen Eindruck von Muse. Doch wer durchhielt, durfte sich an einem Bombast-Epos im Stil von Queen freuen. Und damit ist doch die Welt wieder gerade gerückt.

Muse sind sicher nicht jedermanns Sache, aber mit ihrem neuen Album „The 2nd Law“ zeigen sie eine Vielfalt, die zu einem breiten Konsens führen könnte. Schon der Opener „Supremacy“ empfiehlt sich als Soundtrack für den nächsten James Bond-Film und schlägt damit eine Brücke über die Theatralik eines Robbie Williams hin zum modernen Britpop. Im weiteren Verlauf aber zeigt sich das Trio wieder in der gewohnten Mischung aus Queen und U2. „Survival“ und „Big Freeze“ mögen hier als die perfekten Beispiele dienen.

Wie schon „The Resistance“ vermischt der Nachfolger verschiedenste Soundelemente zu einem schlüssigen Ganzen. Noch orchestraler, mit noch mehr Glanz und stimmlichen Eskapaden. Muse werden ihrem Ruf als legitime Begründer des New Prog mehr als gerecht. Die unendliche Verehrung für Queen und die Musik der 80er Jahre ist allgegenwärtig. Und doch herrscht eine stilistische Vielfalt vor, die sonst vielleicht nur noch Coldplay oder Radiohead in dieser Vollendung produzieren. Matthew Bellamy, Dominic Howard und Chris Wolstenholme haben eine neue Stufe erreicht und schöpfen ihre Möglichkeiten voll aus.

„Panic Station“ und „Animals“ sind sehr funky gehalten und bisweilen etwas durchgeknallt. „Follow Me“ bietet modernen Discosound. Für die Ballade „Save Me“ darf gar Bassist Wolstenholme ans Mikro. Das wirkt im ersten Moment etwas gewöhnungsbedürftig – sind doch Bellamys Vocals so prägnant –, aber die Performance gelingt ihm erstaunlich gut.

Der große Kracher kommt zum Schluss als Zweiteiler im pompösen, sinfonischen Gewand. Der Titelsong ist als Suite, als 9minütige Rockoper aufgebaut. Und hier gibt es Klänge, die niemand unbedingt erwartet hat. Roboterhafte Vocals, verzerrte Synthesizer, chorische Klänge und orchestrale Elemente wie aus einem Science Fiction-Filmsoundtrack. Spoken Words, Tempowechsel, schrille Töne allerorten. Das löst pures Kopfkino aus. Als Hintergrundmusik nervig, doch großartig, wenn man diesem Musikstück seine Aufmerksamkeit widmet.

Muse erweitern mit dieser Gesetzesinitiative den musikalischen Horizont ihrer Zuhörerschaft noch um einige Aspekte. Wenn in Zukunft Vergleiche zu Porcupine Tree, Marillion oder The Pineapple Thief herangezogen werden, darf der ein oder andere auch mal in deren aktuelle Werke rein hören. Muse waren schon immer gut darin, Vorreiter zu sein und laut zu trommeln, um nicht überhört zu werden. Damit ähneln sie U2 Anfang der 90er, die nicht im Einheitsbrei versinken wollten und kalkulierte Wagnisse eingingen. Das zweite Gesetz der Thermodynamik, das Pate für den Albumtitel steht, beschreibt die unvermeidliche Verschwendung von Energie innerhalb eines geschlossenen Systems. Nur: Muse verschwenden ihre Energie nicht – sie schaffen wirklich Großes damit.