Nach 42 Jahren zelebrieren Deep Purple erneut „Made In Japan“

VERÖFFENTLICHUNG» 16.05.2014
BEWERTUNG» 8 / 9
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In den wilden Siebzigern galten Deep Purple gemeinsam mit Led Zeppelin und Black Sabbath als die „unheilige Dreifaltigkeit des britischen Hardrock und Heavy Metal“. Die weitere Bandgeschichte war durch zahlreiche Besetzungswechsel gekennzeichnet. Stilprägenden Einfluss hinterließen jedoch vor allem jene Besetzungen aus den 1970er Jahren, in deren Schaffensphase solche Klassiker wie „Smoke On The Water“ oder „Highway Star“ (um nur zwei zu nennen) fielen. Bis heute sind Deep Purple zweifellos eine der einflussreichsten und bedeutendsten Gitarrenbands der Musikgeschichte geblieben und haben weltweit über 100 Millionen Alben verkauft. Das für viele Fans beste Line-Up veröffentlichte 1972 das Album „Machine Head“ und ging anschließend auf eine ausgedehnte Welttournee. Es bestand aus Frontmann Ian Gillan, Gitarrist Ritchie Blackmore, Roger Glover am Bass, Keyboarder Jon Lord sowie Drummer Ian Paice.

Dieses Quintett gastierte vom 15. bis 17. August 1972 in der Festival Hall von Osaka und der Nippon Budōkan Hall in Tokio. Dabei entstand ein großartiges Livealbum: „Made In Japan“. Zumindest waren die Leser des Rolling Stone Magazins dieser Meinung, die „Made In Japan“ 2012 auf Platz 6 der „Besten Livealben aller Zeiten“ wählten. Dabei war die Veröffentlichung ursprünglich nur für den japanischen Markt gedacht. Jon Lord erinnert sich: „Die Japaner baten uns, ein Livealbum zu machen, und wir antworteten, dass wir nicht an Livealben glauben und auch nicht vorhatten, eines zu machen. Letztendlich willigten wir ein, behielten aber die Rechte an den Bändern, damit das Album nicht außerhalb von Japan veröffentlicht werden würde. Es kostete nur ungefähr 3.000 Dollar und das Endergebnis klang ziemlich gut. Darum fragten wir Warner Bros., ob sie es haben wollten. Aber sie lehnten es ab, weil sie der Meinung waren, dass Livealben nicht funktionieren. Schließlich brachten sie es doch heraus und nach ungefähr zwei Wochen hatte es Platinstatus erreicht“.

Nun erscheint das Album in einer neu gemasterten Version und diversen Formaten, mit Extras wie z.B. bisher unveröffentlichtem Videomaterial auf DVD, Bonustracks, Memorabilia oder einem Buch. Uns liegt die Deluxe Edition zur Besprechung vor, die neben einem neubearbeiteten Mix der Original-Masteraufnahmen noch eine zweite CD mit den Zugaben aller drei Abende und ein 24-seitiges Booklet enthält (u.a. mit einem Essay des englischen Musikjournalisten Malcolm Dome). Wirklich neu ist das allerdings nicht. Schon 1993 wurden die drei Konzerte auf einer 3-CD-Box veröffentlicht. 1998 folgte eine „25th Anniversary“-Edition, die als Bonus ebenfalls einige der Zugaben zu bieten hat, die auf dem ursprünglich veröffentlichten Album nicht enthalten waren.

„Made In Japan“ selbst ist natürlich über jeden Zweifel erhaben, auch wenn die Klangqualität – trotz Neubearbeitung – nach heutigen Maßstäben immer noch etwas zu wünschen übrig lässt. Das Album war der grösste kommerzielle Erfolg der Band. Und womit? Mit Recht! Aufgrund der ausgeprägten Improvisationsfreude von Ian Gillan und Co. erreichen die sieben vertretenen Songs teilweise die doppelte Länge der Studioversionen. Da wird „Highway Star“ dank eines Wahnsinnssolos von Ritchie Blackmore mal eben auf zwölf Minuten ausgedehnt. Oder „Space Truckin'“ mit seinem Schlagzeug- und Keyboardgefrickel auf knackige zwanzig. Bei „The Mule“ darf sich Ian Paice ganz alleine sechs Minuten lang an seinem Drumkit austoben. Legendär ist auch das Battle, welches sich Ian Gillan und Ritchie Blackmore während „Strange Kind Of Woman“ liefern und das Gillan für mich persönlich gewinnt. Und natürlich darf das meistgespielte Gitarren-Riff der Rockgeschichte nicht fehlen: „Smoke On The Water“. Irgendjemand hat „Made In Japan“ mal als die „Mutter aller Livealben“ bezeichnet und tatsächlich bekommt man selbst 42 Jahre und unzählige Hördurchgänge später noch immer eine Gänsehaut.

Was den Genuss ein wenig schmälert, sind die lieblos zusammengeschusterten Bonustracks auf der zweiten CD. Die Zugaben der drei Abende unterscheiden sich nur marginal und ob es Sinn macht gleich dreimal „Black Night“ und zweimal „Speed King“ zu hören sei dahingestellt. Immerhin wird mit „Lucille“ ein Little Richard-Cover eingestreut, doch das reißt die Geschichte dann auch nicht mehr raus. Zugegebenermaßen bestanden die Setlisten der damaligen Tour ausschließlich aus diesen zehn Songs, was die Suche nach weiteren Live-Raritäten natürlich extrem einengt. Heutzutage würde man jede Band, die es wagt ein Konzert mit zehn stets gleichen Stücken zu bestreiten, sofort vom Hof jagen.

Sei’s drum. „Made In Japan“ zeigt die Band auf dem Höhepunkt ihres Schaffens und dient bis heute als ein Manifest für kraftvollen und gleichzeitig unkonventionellen Rock. 1972 waren Deep Purple so stark wie nie zuvor (und wahrscheinlich auch nie mehr danach) und dieses Livealbum verkörpert alles, wofür sie zu dieser Zeit standen.

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