Neil Young & Crazy Horse, „Americana“ nach fast 9 Jahren das erste Album

VERÖFFENTLICHUNG» 01.06.2012
BEWERTUNG» 9 / 9
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Eine Blockhütte irgendwo am Rand der Prärie. An den Wänden hängt Indianerschmuck und ein ausgestopfter Büffelkopf. Schritte, schwere Stiefel. Ein Mann klopft sich den Staub von der Hose. Der Holzboden knarzt, als er sich in einen uralten Schaukelstuhl setzt, schwielige Hände eine Gitarre einstöpseln und er beginnt, mit rauer Stimme von Liebe, Freiheit, Leben und Tod zu singen. Nach und nach treffen seine Begleiter ein, die seit Wochen den grossen Viehtreck durch die Weiten des Mittleren Westens treiben. Abgekämpft aber mit einem Leuchten in den von der Sonne gegerbten Gesichtern. Denn sie wissen, dass sie heute abend zu ihren Wurzeln zurückkehren werden. Zu all den Protest-Songs, Balladen und Lagerfeuer-Liedern, die seit dem 19. Jahrhundert die Kultur ihres Landes geprägt haben. Sie packen ihre Instrumente aus den ledernen Satteltaschen und lassen die Vergangenheit wieder lebendig werden. Ihre Namen: Billy Talbot, Ralph Molina, Poncho Sampedro und Neil Young.

So ähnlich stellt man sich den Ursprung von „Americana“ vor. Dem ersten Album von Neil Young & Crazy Horse seit fast neun Jahren. Doch eigentlich ist es gar kein neues Album. Es ist eine Sammlung klassischer amerikanischer Folksongs. Neil Young hat sie auseinandergenommen und wieder zusammengesetzt. Auf seine Weise. Dass die manchmal etwas speziell ist, hat er schon des öfteren bewiesen. Alleine seine etwas tonlose, nahezu scheue Art des Gesangs kann man entweder mögen oder hassen. Dazwischen gibt es… nichts. Unbestritten ist, dass sich Neil Young in den vergangenen 46 Jahren, seit er mit Buffalo Springfield erstmals von sich hören ließ, als Rockmusiker quasi unsterblich gemacht hat. Wem verdanken wir sonst solche Kultsongs wie „The Needle And The Damage Done“, „Heart Of Gold“, „Like A Hurricane“ oder „Hey Hey, My My“? Genau! Und ich persönlich werde ihm ewig dankbar dafür sein, dass er 1995 Pearl Jam vor der Auflösung bewahrte. Nun hat er sich also 200 Jahre Amerika vorgenommen.

Standesgemäß eingeläutet werden die elf Songs von „Oh Susannah“, jenem Stück von Stephen Foster, dem Tim Rose 1963 den entscheidenden Kick in Richtung Folkrock gab. Auch das legendäre „This Land Is Your Land“ von Woody Guthrie werden viele kennen, hier allerdings in der Version mit den originalen, weithin missinterpretierten „entfernten“ Strophen. Und „Get A Job“ vielleicht noch von The Silhouettes aus den 50er Jahren. Der Rest ist ganz tief aus der Kiste mit der Aufschrift „Historisch“ gekramt, so tief, dass der Autor teilweise nicht mehr festzustellen war. Etwa das fröhlich vor sich hin galoppierende „Gallows Pole“, das unglaublich coole „High Flyin‘ Bird“ oder das tieftraurige „Wayfarin‘ Stranger“. Hier und da klingt das leicht verschroben, rumpelig, scheppernd. Mit jenen typisch zwirbelnden Gitarren, die Neil Young einst „erfunden“ hat und nicht etwa die Schar seiner halbstarken Imitate, die Anfang der Neunziger dachte, sie hätte mit dem „Grunge“ die Musikwelt neu definiert. Dazu grantelt er Texte ins Mikrophon, die von Mördern, verlorenen Kindern oder verschütteten Minenarbeitern handeln. Aber: Er tut all dies mit aufrichtigem Respekt, grenzenloser Liebe und unbändiger Spielfreude. Immer wieder hört man die Band zwischendurch lachen oder Young, der ihnen ein „It goes into a good groove“ hinterher hustet.

Im Booklet, das in Form eines kleinen Buches gestaltet ist, erfährt man zudem noch so manches interessante Detail zur Entstehungsgeschichte der einzelnen Songs. Wer von euch wußte zum Beispiel, dass „God Save The Queen“, die heutige Nationalhymne des Vereinigten Königreichs, einst als Beinahe-Nationalhymne der USA fungierte, bevor sie im Jahr 1931 offiziell von „The Star Spangled Banner“ abgelöst wurde? Sogar das Coverfoto wird geschichtlich akkurat einsortiert. Es zeigt den Indianerhäuptling Geronimo, wie er mit ein paar dämlich grinsenden Gefährten am 11. Juni 1905 auf einem „Locomobil“ posiert, einer Mischung aus Auto und Zug.

Andere hätten wahrscheinlich bereits bei der bloßen Vorstellung das Kulturerbe Amerikas in 57 Minuten Musik packen zu müssen, schweißnasse Hände bekommen. Nicht so Neil Young. Er tut dies mit der ihm eigenen Selbstverständlichkeit, Souveränität und Bescheidenheit. Deshalb durfte er und auch nur er dieses Album machen. Keep on rockin‘ in the free world!