NENA macht Mut: „Du bist gut“

VERÖFFENTLICHUNG» 02.11.2012
BEWERTUNG» 7 / 9
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Im Moment kann man Nena wieder als Coach bei der Castingshow „The Voice of Germany“ bewundern. Und da fällt sie gehörig aus dem Rahmen: keine Fachsimpeleien darüber, dass der Kandidat die Töne besonders gut getroffen hat, zu wenig Koloraturen singt oder nicht ins Team XY passt. Stattdessen beruft sich Nena auf ihr „Bauchgefühl“, bedankt sich für schöne Momente oder gibt esoterische Lebensweisheiten von sich. Diese entwaffnende Ehrlichkeit macht sie sehr sympathisch. Ihr Team wird ironisch als „Nenas Ponyhof“ bezeichnet, doch die Kollegen behandeln sie sehr respektvoll.

Wie die meisten Coaches nutzt auch sie diesmal das Umfeld der Fernsehsendungen, um pünktlich ein neues Album zu veröffentlichen. Verblüffend, dass sie der einzige echte Star der Neuen Deutschen Welle ist, der auch viele Jahrzehnte später noch Erfolg hat. Nach einer längeren Durststrecke in den 90ern haben sich seit dem 20jährigen Bühnenjubiläum (das war im Jahr 2002) wieder alle Alben in den Top 10 der Charts platziert. Mit ihr hat alles so richtig angefangen – und sie beweist gerne wieder, wie man NDW ins neue Jahrtausend rettet.

Ein Großteil der Songs von „Du bist gut“ wurde im Sommer 2012 auf Island aufgenommen, im Studio der Kultband Sigur Rós. Das Album wurde von Derek von Krogh produziert und von der bewährten dreizehnköpfigen Band (von Nena liebevoll „die andere Familie“ genannt) zu großen Teilen live eingespielt, wobei sie selbst auch als Multi-Instrumentalistin in Erscheinung tritt. Die Bandbreite reicht von elektronischer Musik über Balladen bis hin zu Deutschrock. Da tritt sie gern in ihre eigenen Fußstapfen und fasst zusammen, was es in den letzten Jahrzehnten aus dem Hause Nena zu hören gab – egal ob akustisch ausgerichtet oder groß und orchestral arrangiert.

Inhaltlich müssen wir uns auf eine Art „Lebensratgeber“ gefasst machen. Mir liegt leider kein Booklet mit Lyrics vor, doch schon beim groben Hören wird klar, dass es oft ums Mut machen geht, um die Größe in kleinen Dingen, um Selbstreflektion und Optimismus. Dieses Heile-Welt-Getue mag einigen sauer aufstoßen, doch ich denke, dass es tatsächlich Nenas Denkweise ist, die sie hier unter die Leute bringt (siehe einleitende Sätze zur Fernsehshow). Und die traurigen, melancholischen Momente kommen ja nicht zu kurz.

Letztlich scheue ich mich, das Album als „Alterswerk“ zu bezeichnen. Dazu tendiert man gerne mal, wenn ein Künstler seit dreißig Jahren aktiv ist und schon für die Enkelkinder singt. Doch Nena wirkt noch sehr frisch und von einem Karriere-Ende ist weit und breit nichts zu spüren. Ich mache keinen Radiohit aus – aber das hat Nena auch nicht nötig. Um es mit Udos Worten zu sagen: „Ich mach mein Ding“.