Niedeckens BAP erzählen „Das Märchen vom gezogenen Stecker“

VERÖFFENTLICHUNG» 29.08.2014
BEWERTUNG» 9 / 9
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2016 feiern BAP ihr 40-jähriges Jubiläum. Eigentlich unfassbar! In diesen nun fast vier Jahrzehnten hat es die als kleine Lokalband in der Kölner Südstadt gestartete Formation um Wolfgang Niedecken geschafft, den Dialekt und die spezielle Lebensart der Domstadt sogar bis nach China zu tragen. Ich selbst habe sie 1984 in der Bad Hönninger Mehrzweckhalle zum ersten Mal live gesehen und danach unzählige Male wieder. Auch wenn mir Wolfgang Niedecken mit seiner Betroffenheitslyrik zwischendurch mal gehörig auf den Keks ging und ich die Band deshalb eine Zeitlang links liegen gelassen habe, waren BAP immer irgendwie da. Inzwischen firmiert das Quintett wieder wie zu seinen Anfangstagen unter dem Namen Niedeckens BAP. Das ist dem Umstand geschuldet, dass „die Zeiten der festen Bandbesetzungen vorbei sind“, wie uns der BAP-Chef erst kürzlich im Interview verriet (Zum Interview mit Wolfgang Niedecken).

Nach seinem Schlaganfall vor drei Jahren veröffentlichte Wolfgang Niedecken das Soloalbum „Zosamme alt“. Es war als Dankeschön an seine Frau Tina gedacht, die ihm in diesem Moment Schutzengel und Lebensretterin zugleich war. Daraus wiederum entstand die Idee einer Unplugged-Tour, zu der BAP im März diesen Jahres aufbrachen. Heute lässt sich sagen, dass das Experiment aufgegangen ist – für beide Seiten. „Niedeckens BAP zieht den Stecker“ eröffnete den Fans die Gelegenheit, die Band von einer ganz anderen Seite zu erleben – akustisch, nah und mit einem Programm, das sowohl selten gespielte Songs als auch reichlich Klassiker enthielt. So mancher eingefleischte BAP-Fan erlebte seine persönlichen Aha-Momente, weil sich die Intention vieler Stücke in diesem besonderen Rahmen ganz anders erschloss.

Im April gastierten BAP für drei Konzerte hintereinander in der heimischen Philharmonie. Unterstützt wurde die Band dabei von den Gastmusikern Anne de Wolff (Geige) und dem marokkanischen Percussionisten Rhani Krija. Die musikalische Quintessenz daraus erscheint nun als Doppel-Live-CD unter dem Titel „Das Märchen vom gezogenen Stecker“. Insgesamt 30 Songs, die in der Limited Deluxe Edition noch von einer DVD ergänzt werden.

Schon beim Opener „Noh all dänne Johre“ wird deutlich, dass die Songs durch die veränderten Arrangements, die teilweise exotischen Instrumentierungen und Klangfarben eine neue Wärme und Tiefe erhalten. Ich hätte zum Beispiel nicht gedacht, dass mich ein inzwischen nahezu totgedudeltes Stück wie „Kristallnaach“ noch einmal so fesseln würde. Schön ist auch das Wiedersehen mit fast schon verloren geglaubten alten Bekannten wie „Jupp“ oder „Sendeschluss“. Die Gänsehautmomente, die es bei den letzten BAP-Alben immer seltener gab, kommen auf „Das Märchen vom gezogenen Stecker“ umso häufiger vor. Der Publikumschor beim ohnehin wunderbaren „Do kanns zaubre“ gehört ebenso dazu wie die Botschaften von „Nippes, Ihrefeld und Kreuzberg“ oder „Noh Gulu“, die durch die sparsame Instrumentierung und Niedeckens tiefes Timbre noch einmal ein gutes Stück eindringlicher wirken. Plötzlich verwandelt sich Wut in Melancholie, Anklage in ein der Ratlosigkeit abgetrotztes Gegenhalten und Hochstimmung in die leise Zuversicht, dass doch noch alles gut wird. Immer untermalt von einer grossartig aufspielenden Band, die sich musikalisch so einfühlsam durch die einzelnen Stücke tastet, als habe sie Angst ihre Instrumente könnten ansonsten dabei zerbrechen. So entsteht sowohl im Saal als auch in der Konserve tatsächlich eine zweieinhalb Stunden lange besondere Art von Wohnzimmeratmosphäre.

Im kommenden Jahr wollen BAP eine Konzertpause einlegen, um sich gebührend auf ihre Jubiläumsfeierlichkeiten vorzubereiten. Laut Wolfgang Niedecken ist „Das Märchen vom gezogenen Stecker“ deshalb auch als „Wegzehrung“ gedacht. Nicht nur für BAP-Fans, die selbst Zeugen einer der Konzertabende waren, sondern insbesondere für diejenigen, die der Tour nicht persönlich beiwohnen konnten, ist dieser Live-Zusammenschnitt jedoch mit Sicherheit schon jetzt eine Menge mehr. Wie sagte Niedecken zu Beginn der Unplugged-Tour? „It’s been a long time comin‘ but now it’s here“.