„Palms“ – Isis für Grunzempfindliche

VERÖFFENTLICHUNG» 24.06.2013
BEWERTUNG» 9 / 9
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Was war Isis doch für eine geile Band! Wenn grunzempfindliche wie ich nicht immer wieder durch das Growlen aus den Ambient-Träumen gerissen worden wären. Hätte ich einen Wunsch frei gehabt, ich hätte mir einen Sänger wie…, sagen wir Chino Moreno zu dem Mix aus harten wie sphärischen Klängen der Band aus Boston gewünscht. Und jetzt ist es also soweit: Drei Jahre nach der Auflösung von Isis machen Jeff Caxide, Aaron Harris und Bryant Clifford Meyer gemeinsame Sache mit dem Deftones-Sänger. Die Erwartung ist entsprechend groß, was häufig zu Ernüchterung führt, sobald die ersten realen Klänge einer solchen Kollaboration auf die imaginierten Soundlandschaften treffen. Nicht in diesem Fall. Das selbstbetitelte Album ist zwar anders als gedacht, aber auf seine Weise ein höchst gelungenes Werk, das sich irgendwo zwischen Postrock und Psychedelic verortet. Progrock-Schnörkel werden ausgespart.

Chino Moreno singt sich zu keinem Zeitpunkt in den Vordergrund. Fast ehrfürchtig lässt er unzählige Takte im großartigen „Future Warrior” verstreichen, bevor er seine Stimme mit den Instrumenten vereint. Das Ergebnis knüpft weder nahtlos an die letzten Isis-Alben wie „Wavering Radiant” an, noch ist es eine weitere Spielart im Deftones-Spektrum. Das mag Fans der jeweiligen Band abschrecken, funktioniert aber auf seine ganz eigene Weise bestens. „Patagonia” trägt den Zuhörer mit verhallter Gitarre und Vocals über (argentinische) Landschaften von betörender Schönheit. Die Songs bewegen sich alle im Postrock typischen sieben Minuten Muster. Ausnahme ist mit seinen zehn Minuten „Mission Sunset”. Wenn Moreno hier den „Halo” besingt, fühlt man sich nicht nur wegen dieser Überschneidung an „A Perfect Circle” erinnert. Auch so ein Projekt eines großen Sängers, in diesem Fall Maynard Keenan (Tool), und ihn inspirierenden Musikern.

Mike Patton’s Label „Ipecac Recordings” ist wie schon für die Isis-Werke ein würdiger Gastgeber für „Palms”. Fragt man nach dem hervorstechendsten Merkmal des Albums, kommt man um diese wunderbare Harmonie zwischen Gitarre und Gesang nicht umhin. Auf keinem der sechs Songs ist diese besser zu vernehmen als auf dem brillanten „Shortwave Radio”. Abgemischt wurde die Platte von Schlagzeuger Aaron Harris, dessen Hauptinstrument vor allem in „Antarctic Handshake” zugunsten der Elektronik in den Hintergrund tritt. Ein sphärischer Abschluss einer wunderbar stimmigen Platte.