Placebo – „Loud Like Love“: Dramatik, gebrochene Herzen und Freunde, die man niemals treffen wird

VERÖFFENTLICHUNG» 13.09.2013
BEWERTUNG» 9 / 9
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Vier Jahre haben sich Placebo für den Nachfolger des furiosen „Battle For The Sun“ Zeit gelassen. Und schon der Titel des neuen Albums wurde genial gewählt. „Loud Like Love“ fasst zusammen, was Brian Molko mit seinen Songs ausdrücken will: „Ich glaube, das Album handelt nicht davon, jemanden zu lieben, sondern von der Anstrengung, die Liebe erfordert“, sagt er. Das Motto und das auffallend schrille Cover des Albums passen da perfekt.

Die Pause hätte noch viel länger dauern können. Vor einem Jahr erschien die EP „B3“ und plötzlich wurde es Zeit für ein echtes Lebenszeichen. Der Zeitdruck bewegte Molko, tief ins Archiv zu greifen und unausgegorene Song-Ideen ins Placebo-Korsett zu zwängen. Das Ergebnis kann sich hören lassen. Wäre schade, wenn diese Stücke irgendwo versauert wären. Ganz stark geht’s los: Der Opener ist ein Track, wie Fans ihn lieben. Die prägnanten, ein wenig näselnden Vocals – elektronisch geprägter Gitarrensound. Man fühlt sich direkt zuhause.

Es gibt aber auch ganz neue Seiten zu entdecken. „Too Many Friends“ ist ein Hammersong – textlich und musikalisch. Eine mitreißende Melodie, viel Piano und eine Anklage gegen Computer und Smartphones, das ewige Streben nach immer mehr Freunden, die man niemals treffen wird. Dieser Songs ist schon nach wenigen Hör-Durchläufen das Herzstück meiner ewigen Placebo-Bestenliste.

Brian Molko wird wohl nie wirklich fröhliche Songs schreiben. Eine latente Unzufriedenheit und Melancholie ist immer vorhanden. Da wundert man sich auch nicht über das aggressive „Rob The Bank“, das mit seinen anarchischen Textzeilen ebenso gut von New Model Army stammen könnte. Endlich mal wütende Gitarren, die im Gegensatz zu früheren Werken auf diesem Album recht selten sind. Placebo wettern gegen Banken in Großbritannien, der Eurozone und den USA, vergessen auch die Erwähnung der kleinen Oasen wie Liechtenstein und Luxemburg nicht – gingen Brian Molko und Stefan Olsdal doch in eine Luxemburger Schule und sind so etwas wie die heimlichen Ehrenbürger des kleinen Landes.

Auch dieses siebte Album des Trios handelt von Dramatik und gebrochenen Herzen. Dargestellt wird das mit gewohnt viel Elektronik, bisweilen dunklen Bassläufen und sphärischem Wohlklang. Bis hin zur resignierten Ballade „A Million Little Lights“ und dem abschließenden Melancholie-Kracher „Bosco“, der die zerstörerischen Auswirkungen von Drogen und Alkohol auf eine Beziehung zeigt.

An Placebo werden sich weiterhin die Geister scheiden. Für die einen sind sie die genialste Band der Welt, für die anderen fehlt ihnen einfach das Hitpotential. Zumindest zählen sie zu den erfolgreichsten britischen Alternative-Rockern der letzten Jahrzehnte. Und dass ihre Songs recht selten im Radio auftauchen, darf man gerne mal als gutes Zeichen werten. „Loud Like Love“ ist ebenso eingängig, an manchen Stellen auch poppig, wie „Battle For The Sun“. Das macht es allerdings nicht zur Allerweltsmusik. Placebo geben wirklich jedem Song ihre ganz besondere Note mit und Molkos Stimme erzeugt ein wohlig-schwermütiges Gefühl.