Radio Doria, Professor Boerne und die freie Stimme der Schlaflosigkeit

VERÖFFENTLICHUNG» 12.09.2014
BEWERTUNG» 8 / 9
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Schauspieler, denen im Alter langweilig wird und die mal was Anderes ausprobieren wollen – kann klappen, kann aber auch arg in die Hose gehen. Oder deren Liebste, die ebenfalls Schauspielerin war, inzwischen zur gefeierten Frontfrau einer bekannten Band mutiert ist. Da muss man doch was tun, um auf den Festivals nicht als treudoofes Anhängsel in der Ecke zu stehen.

So könnte es Jan Josef Liefers gegangen sein, als er sein Projekt Radio Doria startete. Aber dem ist augenscheinlich nicht so. Die Band Oblivion beispielsweise existiert schon seit zwölf Jahren und machte zunächst englischsprachige Musik. Dass man nun die erforderliche Namensänderung (es gibt eine zweite Band gleichen Namens) zum Anlass, nahm, endgültig auf deutschsprachiges Liedgut umzusteigen, erweist sich zudem als kluger Schachzug, vor allem wenn man das Ergebnis hört.

Deutsche Songs gab es bereits auf den Alben „Soundtrack meiner Kindheit“, wo Liefers Titel ostdeutscher Bands coverte. Jetzt gibt es zwölf eigene Titel auf dem Album „Radio Doria“ und Liefers‘ zunehmende Popularität als Tatort-Pathologe Professor Boerne trägt zweifelsohne dazu bei, dass dem Album in den Medien besondere Aufmerksamkeit zukommt.

Ganz nüchtern betrachtet hört man den Boerne auf dem Album jedenfalls nicht raus. Liefers hat gerade das halbe Jahrhundert überschritten, singt aber wie ein junger Hüpfer. Eine weiche, sehr angenehme Tenorstimme, die auch zu jungen Bands wie Revolverheld oder Echt passen würde. Das ist die erste Überraschung. Und dann sind die Songs sehr poppig gehalten mit viel akustischer Gitarre und luftigen Pianomelodien. So richtig Singer/Songwriter-like.

Ich bewundere ein Stück wie „Sehnsucht Nr. 7“, dem Liefers mit umspielter Ohohoh-Melodie eine ganz besondere Note verleiht. Oder den nachdenklichen Beziehungssong „Liebe ist nicht wie du“. Das ganze Album ist sehr poetisch, feinsinnig und vieldeutig gehalten. Allein der Titelsong „Radio Doria“ mit dem Untertitel „Die freie Stimme der Schlaflosigkeit“ will bei mir nicht so recht ankommen. Darüber hinaus aber bewundere ich jede soundtechnische Finesse und immer wieder Liefers‘ Stimme, die sich nicht in den Vordergrund drängt aber doch omnipräsent ist. Bei „Blutmond“ hat Gisbert zu Knyphausen als Songwriter mitgewirkt. Ein Vergleich mit dessen Schaffen mag noch etwas weit hergeholt sein, doch das Schwelgen in Ästhetik und die musikalische Leidenschaft gehen eindeutig in diese Richtung. Ein großartiges erstes Album von Radio Doria – und es macht Lust auf mehr.

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