Ray Wilson jagt den Regenbogen – „Chasing Rainbows“ bietet Prog mit rockiger Attitüde

VERÖFFENTLICHUNG» 19.04.2013
BEWERTUNG» 9 / 9
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Es ist wohl für kaum einen Musiker besonders schmeichelhaft, immer noch als Ex-Sänger einer bestimmten Band bezeichnet zu werden, auch wenn man schon jahrelang andere musikalische Projekte verfolgt. Im Falle von Ray Wilson ist es aber zumindest verständlich, da es sich bei der fraglichen Band immerhin um Genesis handelt, und der Schotte vor seinem kurzen Gastspiel bei den Gründervätern des Progressive Rock noch ein eher unbekannter junger Rocksänger war, der hauptsächlich mit der Band Stiltskin und dem Jeans-Werbesong „Inside“ für Furore sorgte.

Inzwischen hat sich Ray Wilson jedoch als einer der umtriebigsten britischen Songwriter etabliert und sowohl solo als auch mit verschiedenen Band-Besetzungen einige überzeugende Alben herausgebracht. Dabei scheint sich folgendes Muster heraus zu kristallisieren: Wenn die Songs rockiger werden und eine sehr straighte Stimmung erzeugen, dann bringt er sie unter dem Bandnamen Stiltskin heraus, den er sich schon lange gesichert hat. Alben unter seinem eigenen Namen hingegen zeigen meist die gefühlvolle und sehr persönliche Seite des Schotten. Ohrenschmeichler fürs Herz, die Ray Wilson mit sehr prägnanten, rauchigen Vocals einsingt.

Ich muss zugeben, dass er zu meinen Lieblingskünstlern gehört. Grund dafür sind seine formidablen Live-Auftritte. Und er ist dabei in unzähligen Formationen unterwegs. Als Ray Wilson solo, mit Akustikgitarre oder wahlweise mit Akustikgitarren- bzw. Pianobegleitung, als Ray Wilson und Band, Ray Wilson und Stiltskin, oder gemeinsam mit einem Streicherensemble bei der Show „Genesis Classic“. Stets hat er sein Publikum voll im Griff, zeigt sich als verletzlicher Künstler, spielt mit seiner Vergangenheit – und entlässt glückliche Menschen in die Nacht. Es tut immer wieder gut, zu bemerken, wie Ray seine Zuschauer mit den eigenen, biographischen Titeln mitnimmt und den Menschen, die vielleicht von dem Label „Genesis“ angelockt wurden, ein ganz neues Bild von sich vermittelt.

Seine Tour endet quasi nie – und schon jetzt spielen die neuen Songs eine große Rolle im Set. Beispielsweise das romantische „She’s A Queen“, eine Liebeserklärung an alle Frauen dieser Welt. Andere Stücke gehen tiefer: „Easier That Way“ widmet sich der Finanzkrise, „Follow The Lie“ enthält die titelgebende Textzeile „Chasing Rainbows“ und ist eine Hommage an das Tourleben. Ray packt stets viel von sich selbst in die Songs, breitet offen sein Seelenleben aus. Das verleiht den Stücken hohe Authentizität.

Musikalisch passt alles zusammen. Ali Ferguson ist ein hervorragender Leadgitarrist. Darek Tarczewski liefert geniale Piano-Einlagen. Ashley und Laurie MacMillan bilden mit Bass und Schlagzeug ein starkes Grundgerüst. Die Band ist auch mit Ray unterwegs, wenn er Stiltskin-Konzerte spielt. Für das Solo-Studioalbum nehmen sie sich etwas zurück und lassen den Vocals mehr Raum. Live spielt das aber keine Rolle. Auch die Balladen werden zu starken Rocktiteln. Und wenn ich mein Lieblingsstück „I See It All“ vom neuen Album höre: Da steckt alle Vielfalt drin, die ich an Rays Musik liebe.

Als musikalische Schmankerl finden sich Saxofon-Elemente in den Songs (eingespielt von Marcin Kajper) und Streicher-Einlagen, wie man sie bereits von den „Genesis Classic“ Konzerten kennt. Zweiter Songwriter neben Wilson ist der Stuttgarter Peter Hoff, der die Songs ganz auf den entspannten Stil des Schotten zuschneidet. Im Mix leistet Yogi Lang von der Band RPWL gute Arbeit. Das Album vermittelt damit den Geist, den Ray Wilson seit „Calling All Stations“ inne hat. Prog mit rockiger Attitüde – das ist genau sein Ding.