Reinhard Mey sagt „Dann mach’s gut“ – doch es soll hoffentlich kein Abschiedsalbum sein

VERÖFFENTLICHUNG» 03.05.2013
BEWERTUNG» 9 / 9
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Ich war ehrlich erschrocken, als ich den Titel des neuen Albums von Reinhard Mey hörte: „Dann mach’s gut“ heißt es. Soll es sich dabei um seinen Abschied von der Bühne handeln? Sein letztes Werk? Verwunderlich wäre das nicht, denn immerhin hat der große Meister unter den deutschen Liedermachern kürzlich seinen 70. Geburtstag gefeiert. Doch man kann sich kaum vorstellen, dass seine ewige Reise von Studioalbum über Tour und Livealbum bis hin zum nächsten Studioalbum irgendwann einmal enden wird. Es wäre ein großer Verlust für alle, die die intelligente, emotionale Liedermacherkunst verehren.

Und wenn man ihn dieser Tage in Fernsehinterviews sieht, muss man sich wohl auch keine Sorgen machen. Wie ein 70jähriger Rentner wirkt der rüstige Herr in Lederjacke nun wirklich nicht. Der Song „Dann mach’s gut“ bezieht sich auch eher auf den Ablösungsprozess von seinen Kindern als auf den Abschied von den Hörern. Ich bin also guten Mutes, dass ich hier nicht das letzte Mey-Album bespreche.

Man könnte auch sagen „alles beim Alten“. Doch bereits auf den ersten Blick gibt es eine Änderung: 17 Lieder finden sich auf dem Album – es ist bis zum Rand gefüllt. 15 neue Songs plus zwei Cover-Versionen gab es noch nie auf einem neuen Werk des Berliners. Jawoll, er hat noch etwas zu sagen und die Ideen scheinen ihm niemals auszugehen. Wie immer folgen die Songs einer konzeptionellen Idee, ohne dass er jedoch ein Konzeptalbum geschrieben hätte. Diesmal dreht sich das Album vor allem um Biographisches, insbesondere um die eigene Familie. „Wenn du bei mir bist“ widmet Mey seiner Frau Hella, und auch die weiteren Generationen kommen nicht zu kurz, wie „Vater und Sohn“, „Spangen und Schleifen und Bänder“ sowie „Dann mach’s gut“ eindrucksvoll beweisen. Vor allem der letztere Song berührt sehr, wenn man weiß, dass er ihn für seinen Sohn Max geschrieben hat, der seit vier Jahren im Wachkoma liegt. Schließlich wird die allerjüngste Enkel-Generation mit der emotionalen Ballade „Fahr‘ dein Schiffchen durch ein Meer von Kerzen“ bedacht.

Wie immer hören wir Geschichten, die aus dem Leben gegriffen sind. Songs über die Widrigkeiten des Alltags oder gerne auch Erinnerungen aus Kindheit und Jugend des Künstlers. „Spielmann“ hört sich so an, als hätte Mey es schon vor 50 Jahren geschrieben. Und er singt es heute trotzig in die Welt. Ebenso „Wenn schon Musik“ als Loblied an die Gitarre und mit Seitenhieben gegen die „unerträgliche Klimperei“. Wundersamerweise hat Reinhard Mey seinem Kollegen Wolfgang Petry den Song „Wolle“ gewidmet und überlegt sich, wie es ihm jenseits des alten Ruhms geht. Gesellschaftskritik kommt nur am Rande vor. „Lieber kleiner Silvestertag“ spricht über die johlende Nation beim Jahreswechsel, „Das Taschentuch“ vereint die Emotionen von Kindern, Kanzlerin und Gangsta Rappern in einem Objekt und „Tiergarten“ erzählt von der wimmelnden Vielfalt im Garten. Mit „Gute Kühe kommen in den Himmel“ hat sich gar ein waschechter Countrysong ins Repertoire eingeschlichen.

Die Coversongs stammen von guten Freunden. Es sind frisch eingespielte Lieder von Hannes Wader („Es ist an der Zeit“) und Fabrizio de André („Sally“). Das also ist Studioalbum Nummer 26 des Mannes, der die deutsche Liedermacherszene geprägt hat, wie kein anderer. Und mit jedem neuen Album wird deutlicher, dass Mey nicht mehr größer werden kann, aber auch, dass er sich im Alter keinerlei Blöße gibt. Wieder mal keine Fetenschlager und keine Charthits, aber ein weiteres Album für die Ewigkeit. So darf er die 30 noch gerne voll machen!