Riverside bleiben Riverside – diesmal mit ehrlicher und handgemachter Rockmusik auf dem Album „Shrine Of New Generation Slaves“, kurz: SONGS

VERÖFFENTLICHUNG» 18.01.2013
BEWERTUNG» 9 / 9
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Seit mittlerweile über zehn Jahren beehrt die polnische Band Riverside die Musik-Welt mit Werken, die vor allem in der Prog- und Artrock-Szene eine stetig wachsende Fangemeinde gefunden haben. Nun liegt das fünfte Werk der Polen mit dem etwas sperrigen Titel „Shrine Of New Generation Slaves“ vor. Schon eins wird beim erstmaligen Hören klar: Riverside haben sich seit dem letzten Album „Anno Domini High Definition“ musikalisch stark weiterentwickelt, eine Entwicklung, die gerade die Fans des letzten Albums verwundern dürfte. War ADHD (Englisch für ADHS) noch ein wildes Feuerwerk aus progressiven und verschwurbelten Sounds sowie überlangen Tracks, legen Mariusz Duda und seine drei Mitstreiter mit SONGS (ja, Duda ist ein Fan von Akronymen) ein Album vor, das in seiner Songorientiertheit für Riverside neuartig ist. Und dieses Album ist verdammt gut gelungen.

Weg sind die metallischen, rasenden Nummern, wie man sie noch von ADHD kennt, oder die ausufernden Eskapaden wie man sie auf der Dream-Reality-Trilogie hören kann. Riverside müssen niemandem mehr beweisen, wie vielseitig sie sind. Auf dem neuen Album dominiert ehrliche und handgemachte Rockmusik mit wunderschönen Melodien. Nicht zu überhören sind nach wie vor die Siebziger-Jahre-Einflüsse, hinzugekommen sind Elemente aus dem Blues und dem Jazz und auch Fans von Dudas Side-Projekt Lunatic Soul werden den einen oder anderen charakteristischen Sound wiedererkennen. Dennoch: Riverside bleiben Riverside bleiben Riverside, deswegen werden Fans der typischen verträumten Melodien und Mariusz Dudas einzigartiger Stimme bei SONGS nichts vermissen. Mit 12 Minuten Spielzeit bedient der Dreiteiler „Escalator Shrine“ sogar diejenigen, die gerne ein bisschen länger in einem Song schwelgen wollen. Also doch Prog? Ja und nein. Es gibt keine harten Brüche mehr in der Musik – sie ist organischer geworden, aber von klassischen Songstrukturen sind auch die neuen Nummern noch weit entfernt.

Thematisch befasst sich SONGS mit der modernen Gesellschaft und ihren Wohlstandkrankheiten – eine Weiterführung des Themas der Schnelllebigkeit, die bei ADHD dominierte. Allerdings überwiegen hier nicht der Hass oder die Wut auf die Moderne, vielmehr begibt sich Duda in Songs wie „New Generation Slave“ und „Celebrity Touch“ auf Spurensuche in der Psyche des immer gestressten, nimmersatten Menschen, der alles hat, aber immer mit einem Gefühl der Unzulänglichkeit durch die Welt geht. Ruhigere Titel wie „We Got Used To Us“ und „Deprived“ befassen sich mit der Ausweglosigkeit und der Einsamkeit des entfremdeten Menschen. Die Texte kommen aber nie belehrend oder mit einem erhobenen Zeigefinger daher, sondern sind teilweise sogar humorvolle Beobachtungen einer Entwicklung in einer schneller werdenden Gesellschaft. Zusammen mit der Musik wirken sie wie eine Handbremse, die dazu einlädt, innezuhalten und durchzuatmen.

Mit SONGS eröffnen Riverside auch Nicht-Proggern einen Zugang zu ihrer Welt, ohne in seichtes Gefilde abzudriften. Wem Anathema zu schwülstig und Steven Wilson zu kopflastig geworden ist, findet hier definitiv seine Erlösung – in ehrlicher, unter die Haut gehender und überirdisch schöner Musik.

Anspieltipp zum Verlieben: „The Depth Of Self-Delusion“!