Selig zelebrieren „Die Besten 1994 – 2014“

VERÖFFENTLICHUNG» 10.10.2014
BEWERTUNG» 9 / 9
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1994 legten Selig mit ihrem selbstbetitelten Debütalbum einen Start-Ziel-Sieg hin und schenkten der deutschsprachigen Grunge-Generation ihren eigenen poetischen Soundtrack. Nach zwei weiteren Alben gab die Band im Januar 1999 ihre Auflösung bekannt. Umso überraschender kam dann geschlagene zehn Jahre später das Comeback mit dem grossartigen „Und endlich unendlich“. Aus dem Stand gelang dem Hamburger Quintett damit ein nahtloses Anknüpfen an die Gegenwart. Auf den beiden Nachfolgern „Von Ewigkeit zu Ewigkeit“ und „Magma“ haben sich Selig seitdem immer wieder selbst erneuert. War ihr Debüt noch stark von Rock und Hippie-Flair geprägt, so klang das folgende „Hier“ schon wesentlich dunkler. Selig selbst bezeichneten ihren Stil damals als „Hippie-Metal“. Auf „Blender“, dem letzten Album vor der vorläufigen Trennung, hielten dann verstärkt Popeinflüsse Einzug in den Sound und Selig experimentierten mit Elektronikelementen, Loops und Beats. Mit „Und endlich unendlich“ kehrten sie schließlich wieder zu ihrem alten Stil zurück, dem sie bis heute treu geblieben sind.

Somit feiern die fünf Hamburger in diesem Jahr ihr 20-jähriges Bandjubiläum – lässt man die Pause mal außer Acht. Es ist zugleich ein trauriges Jubiläum, denn am 1. Oktober gab die Band auf ihrer Facebook-Seite bekannt, dass Keyboarder Malte Neumann die Band aufgrund „persönlicher und künstlerischer Differenzen“ verlässt. So wird aus der Retrospektive „Die Besten 1994 – 2014“ gleichzeitig eine Art Abschiedsalbum. Dafür haben Selig zwölf ihrer subjektiv allerliebsten und besten Songs reduzierten und auf das wesentliche fokussierten Neuinterpretationen unterzogen. In den Clouds Hill Studios haben sie zusammen mit ihrem Produzenten Swen Meyer „alles hinterfragt. Der Grundtenor war zu gucken, was ist die Aussage des Liedes und wie stellt man das noch mehr nach vorne, sodass man ein bißchen limitierter aufgenommen hat, mehr akustischer. Das ist aber jetzt kein Selig Unplugged-Gedöns geworden“, wie Gitarrist Christian Neander uns kürzlich hier im Interview verriet.

Der Reigen beginnt mit dem in der entschlackten Version umso schöneren „Von Ewigkeit zu Ewigkeit“, gefolgt vom titelgebenden „Die Besten“ aus ihrem Debütalbum, das noch mit zwei weiteren Songs vertreten ist. Zum einen mit dem nach wie vor herzzerreißenden „Ohne Dich“ und dem euphorischen „High“, meinem persönlichen Lieblingssong. Da kommen Streicher zum Einsatz („Schau Schau“), gerne auch mal in Kombination mit dem Piano („Ich fall in deine Arme“) oder allerlei anderen „komischen Geräuschen“ (nochmal O-Ton Christian Neander). Doch keine Sorge, die ursprüngliche Kraft, die solchen Songs wie „Wir werden uns wiedersehen“ oder „Alles auf einmal“ innewohnt, ist auch in den überarbeiteten Versionen weiterhin vorhanden, wenn auch natürlich etwas sparsamer. „Gott“ schwebt durch Raum und Zeit, während „Bruderlos“ einen völlig neuen, fast schon elektronischen Unterbau bekommt. „Wenn ich an dich denke“ hat nochmal eine Schippe an Herz-Schmerz-Faktor zugelegt, doch spätestens wenn zum Abschluss das grandiose „Hey ho“ als Bluesnummer verkleidet auftritt, ist die selige Welt wieder in Ordnung.

„Die Besten 1994 – 2014“ ist zweifellos ein würdiges Jubiläumsalbum geworden. Klar wird über die Songauswahl diskutiert werden, weil dem einen oder anderen dieses oder jenes Stück fehlt. Wem die Normalausgabe also nicht reicht, der greife lieber direkt zur zeitgleich erscheinenden Limited Deluxe Edition, die weitere achtzehn Demos und ein fettes Fotobuch enthält. Der Rest hat mit den zwölf Entschleunigungshymnen auf „Die Besten 1994 – 2014“ den perfekten Soundtrack für einen kuscheligen Herbstabend zu Zweit gefunden. Und auf der anstehenden Jubiläumstour darf dann ja auch wieder gefeiert werden.