Solide und wenig überraschend: „High Hopes“ von Bruce Springsteen

VERÖFFENTLICHUNG» 10.01.2014
BEWERTUNG» 7 / 9
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Wenn Bruce Springsteen ein neues Album ankündigt, dann hält die Welt den Atem an. Zumindest soweit sie sich für Musik interessiert. Sein letzter Output „Wrecking Ball“ eroberte vor zwei Jahren den ersten Platz der deutschen, britischen und US-amerikanischen Charts und selbst vier Jahrzehnte nach seinem Debüt mit „Greetings From Asbury Park, N.J.“ nimmt man dem Mann aus New Yersey seine hemdsärmelige Kumpelattitüde immer noch ab. Bis heute ist der Boss eine absolute Live-Institution geblieben (das längste Konzert der Bandgeschichte fand im vergangenen Jahr in Helsinki statt und dauerte stolze 4 Stunden und 6 Minuten) und die erst kürzlich veröffentlichte Doku „Springsteen & I“ war der eindrucksvolle Beweis dafür, welche besondere Beziehung nach wie vor zwischen ihm und seinen Fans herrscht.

Die Aufnahmen zu seinem mittlerweile 18. Studioalbum „High Hopes“ fanden in New Jersey, Los Angeles, Atlanta, Australien und New York City in verschiedenen Konstellationen statt. So arbeitete Springsteen u.a. mit Mitgliedern der E Street Band, Gitarrist Tom Morello (Rage Against The Machine, Audioslave), sowie zahlreichen weiteren Musikern zusammen. Vier der zwölf Stücke wurden von Brendan O’Brien produziert, der Rest von Ron Aniello als Co-Produzenten sowie Bruce Springsteen himself. Besonders Morello, der im März 2013 anlässlich der Springsteen-Australientour zur E Street Band stieß und den Part von Steven Van Zandt übernahm, gab dem Projekt laut Springsteen „den Push auf das nächste Level“. Er bezeichnet ihn sogar als „meine Muse“, worüber Van Zandt sicherlich als Letzter lachen dürfte. So kommt es, dass Morello nicht nur als Gitarrist auf „High Hopes“ zu hören ist, sondern bei der Neu-Version von „The Ghost Of Tom Joad“ auch als Springsteens Duett-Partner. Die 2008 und 2011 verstorbenen Mitglieder der E Street Band, Danny Federici und Clarence Clemons, sind ebenfalls auf einigen Songs vertreten.

Der Start in „High Hopes“ fällt mit dem Titelsong (im Original übrigens von Tim Scott McConnell) sehr vielversprechend aus. Nach verhaltenem Beginn entwickelt sich daraus ein fröhlicher Midtempo-Blues mit einer dominant-schönen Bläser-Section und Tom Morello, der ein „Shaft“-Thema beisteuert. Auch „Harry’s Place“ weiß zu fesseln. Musikalisch ist das Stück zwar im „Miami Vice“-Zeitalter zu verorten, aber dass Springsteen hier mehr spricht als singt, verleiht ihm eine durchaus hypnotische Wirkung. Mit „American Skin (41 Shots)“ bleibt es eindringlich. Bereits im Jahr 2000 thematisierte Springsteen damit den Fall des Schwarzen Amadou Diallo, der im Jahr zuvor Opfer eines Zwischenfalls mit der New Yorker Polizei geworden war. Vier weiße Polizisten hatten bei einer nächtlichen Polizeikontrolle 41 Schüsse auf ihn abgegeben, von denen ihn 19 trafen und töteten. Anschließend fällt die Spannungskurve jedoch erstmal rapide ab.

Aus „Just Like Fire Would“ von The Saints, einer australischen Punkband, ist ein typischer Springsteen-Track mit ein bißchen begleitendem Bombast geworden. Gleiches gilt für „Frankie Fell In Love“ – nur ohne Bombast. „Heaven’s Wall“ hat zumindest einen netten Gospel-Touch und mit der sich endlos wiederholenden Textzeile „Raise Your Hand“ ein stadionkompatibles Mantra zu bieten. Einzig „Down In The Hole“ sticht aus dem Mittelteil des Albums heraus und lässt Erinnerungen an „I’m On Fire“ wach werden. Springsteen versucht hier erst durch ein Telefon zu singen, lässt es dann aber später doch bleiben. Insgesamt ist da wenig bis nichts dabei, was mehr als die Bezeichnung „solide“ verdient hätte. Doch wie wir alle wissen folgt auf jedes Tal ein Berg und erfreulicherweise schafft es auch „High Hopes“ sich zum Ende hin nochmal zu steigern.

Die Steigerung beginnt mit „This Is Your Sword“, dem rockigsten Song des gesamten Albums, der ein leicht irisches Flair versprüht und setzt sich mit dem wunderbaren „Hunter Of Invisible Game“ fort. Dann folgt die bereits erwähnte Neuvertonung des Klassikers „The Ghost Of Tom Joad“ von 1995, wobei mir persönlich das schlichtere Original besser gefällt. Ganz grosses Kino ist „The Wall“, in dem sich Bruce Springsteen alleine auf seine Stimme, die zurückhaltende Begleitung durch Piano und Schlagzeug und das trompetenartige Coronet von Curt Ramm verlässt. Der Song ist als Hommage an Walter Cichon zu verstehen, einen der legendären frühen „Jersey Shore Rockers“ und in den 1960er Jahren grosses Vorbild für Bruce Springsteen. Der letzte Akkord von „High Hopes“ gebührt schließlich dem spartanischen und zu Herzen gehenden „Dream Baby Dream“.

Wenn man ehrlich ist, muss man sich eingestehen, dass Bruce Springsteen mit Ausnahme von „We Shall Overcome: The Seeger Sessions“ in den letzten zehn Jahren kaum noch für musikalische Überraschungen gesorgt hat. „High Hopes“ macht da schon deshalb keine Ausnahme, weil es keinerlei neue Stücke enthält und sich somit nahtlos hinter „Wrecking Ball“, „Working On A Dream“ oder „Magic“ in seinen Backkatalog einreiht. Springsteen selbst bezeichnet die zwölf Songs zwar als „mit das beste unveröffentlichte Material des vergangenen Jahrzehnts“, doch so ganz kann ich ihm nicht folgen. Da rate ich lieber gleich zum Kauf der Limited-Edition, die als Bonus noch eine DVD mit dem Konzert in London vom 30.06.2013 enthält, bei dem Springsteen und die E Street Band ihr wegweisendes Album „Born In The USA“ von 1984 noch einmal in voller Länge spielten.

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