Soundgarden feiern mit „King Animal“ eine triumphale Rückkehr!

VERÖFFENTLICHUNG» 09.11.2012
BEWERTUNG» 8 / 9
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In den 90er Jahren gehörten Soundgarden zu den prägenden Rockbands einer ganzen Generation. Zusammen mit Nirvana und Pearl Jam bildeten sie das Triumvirat der Grunge-Bewegung, die einen aufrührerischen Kontrapunkt zum damals vorherrschenden Heavy Metal setzte. Ihr Sound war fast neu, in jedem Fall aber aufregend und revolutionär. Nirvana starben 1994 mit Kurt Cobain und zwei Jahre später folgten ihnen Soundgarden. Das Album „Down On The Upside“ sollte für lange Zeit ihr letztes Lebenszeichen bleiben. Exakt bis zum 1. Januar 2010. An diesem Tag gab Frontmann Chris Cornell die Wiedervereinigung der Band bekannt. Als Vorboten auf neue Taten erschienen zunächst die Best Of-Compilation „Telephantasm“ und „Live On I-5“, der erste offizielle Live-Mitschnitt des Quartetts. Jetzt sind Soundgarden endgültig zurück! Mit ihrem sechsten Studioalbum „King Animal“, auf das die Fans seit 16 Jahren gewartet haben. Um es vorweg zu nehmen: Sie werden nicht enttäuscht.

Was zunächst ins Auge fällt ist das geschmackvolle Artwork. Produziert wurde „King Animal“ von Soundgarden selbst und ihrem langjährigen Freund Adam Kasper, der schon bei „Down On The Upside“ hinter den Reglern saß. Doch nicht nur die Aufnahmen, auch das Songwriting zu „King Animal“ war durch und durch eine Gemeinschaftsarbeit. Das Ergebnis sind 13 Stücke, die im Prinzip da anknüpfen, wo „Down On The Upside“ einst aufgehört hat. Zumindest im musikalischen Kosmos von Soundgarden befinden wir uns nach wie vor im Jahr 1996. Klingt langweilig? Ist es nicht!

Schon der Opener „Been Away Too Long“ (was stimmt!), gleichzeitig die erste Single, rockt rotzig drauflos, dreht, windet sich, raucht einen Joint, tritt in den Arsch. Den starken Auftakt komplettiert das fast bluesig dahinrumpelnde „Non-State Actor“ mit seinen typisch vollfetten Gitarren und einem Schuß Psychedelic. Und „By Crooked Steps“, das sich anhört wie ein herannahender Zug, der dann mit Volldampf durch die Landschaft stampft. Anschließend schalten Soundgarden erstmal den Autopiloten ein. Obwohl in „A Thousand Days Before“ die Gitarre so herrlich heult wie eine Sirene, galoppiert der Song eher unspektakulär vor sich hin. Auch das leicht spacige „Blood On The Valley Floor“ ist solide Kost, ebenso wie „Bones Of Birds“, „Taree“ oder „Halfway There“.

Erst mit „Attrition“ wird wieder straight gerockt inklusive eines Stones-mäßigen Background“gesangs“. Das Stück überschlägt sich dabei fast vor Freude. „Black Saturday“ beginnt als akustische Perle und entwickelt sich dann zu einer wunderbaren Midtemponummer. Kim Thayil streut immer wieder ein paar schicke Gitarrensoli ein, während Ben Sheperd’s Bass „Eyelid’s Mouth“ veredelt. Hier kommt auch die meisterliche Stimme von Chris Cornell besonders gut zur Geltung, die vor drei Jahren von Timbaland fast der Lächerlichkeit preisgegeben worden wäre. Mit Grauen erinnere ich mich an Cornell’s letztes Soloalbum „Scream“, dem die Hip-Hop-Fettbacke jegliche Seele raubte. Matt Cameron, im Hauptberuf übrigens immer noch Pearl Jam-Drummer, hält das Ganze mit seinem druckvollen Schlagzeugspiel zusammen, was er vor allem in „Worse Dreams“ beweist.

Das Beste kommt allerdings erst ganz zum Schluß, heißt „Rowing“ und ist das mitreißendste Stück des ganzen Albums. Aber nicht weil es so schnell, sondern weil es so geil abgedreht ist. Obwohl ich dabei ganz kurz die Befürchtung hege, dass Timbaland seine Sample-Fabrik doch wieder angeschmissen hat. Die furzende Gitarre spricht dann aber eindeutig dagegen. Einen wirklichen Schwachpunkt gibt es auf „King Animal“ nicht, auch wenn die ganz grossen Kracher früherer Tage fehlen. Soundgarden bleiben sich treu und sie tun gut daran. Die Texte sind ebenfalls gewohnt scharfzüngig, beleuchten zwischenmenschliche Beziehungen ebenso wie politische Verflechtungen oder die Ängste und Verwundbarkeit des Elternseins. Chris Cornell singt, schreit und brüllt sie in die Welt hinaus.

Musikalisch strotzen Soundgarden noch immer vor Kraft. In den vergangenen 16 Jahren haben sie kaum etwas von ihrer Dynamik und ihrem Druck verloren. Auf „King Animal“ zeigen sie in 52 Minuten all jenen weichgespülten Möchtegern-Rockern wie Nickelback, 3 Doors Down oder Alter Bridge (um nur einige zu nennen…) den Mittelfinger. Der Hammer hängt auch 2012 weiterhin in Seattle. Oder wie Chris Cornell es ausdrückt: „Wir wollten nicht auf Nummer Sicher gehen, sondern ein Album machen, das alte Fans überzeugt und neue hinzu gewinnt“. Ich würde sagen: Auftrag erfüllt!