Sprachwucht im filigranen Gewand: Wirtz „Unplugged“

VERÖFFENTLICHUNG» 21.02.2014
BEWERTUNG» 9 / 9
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Die musikalische Reise von Wirtz begann 2008 mit seinem Solodebüt „11 Zeugen“. Davor hatte er vor allem als Kopf, Gitarrist und Texteschreiber für Sub7even auf sich aufmerksam gemacht. Sechs Jahre und zwei weitere Alben später gilt er bei nicht wenigen als Prototyp eines Künstlers, der sich jenseits der ausgelatschten Rock-Pfade mit seiner markanten Stimme und ebenso ehrlichen wie emotionalen Songs mehr und mehr Gehör verschafft. Und das ohne die mediale Dauerpräsenz, mit der sich viele seiner nationalen und internationalen Genrekollegen so gerne selbst inszenieren. Textlich entwickelt der 38-jährige Frankfurter dabei eine ungeheure Sprachwucht und beschreibt scheinbar alltägliche Dinge in der ihm eigenen geradlinigen Art. Die Gefühlspalette reicht von Schmerz und Trauer bis hin zu Freude und Optimismus. Wer sich auf Wirtz einlässt muss wissen, dass hier mit harten Bandagen gekämpft wird.

Sein letztes reguläres Album „Akustik Voodoo“ liegt nun zweieinhalb Jahre zurück. Nachdem Wirtz die dazugehörige Tour beendet hatte, zog er sich mit dem Plan ins Studio zurück, einfach mal den Stecker zu ziehen und alle Songs bis auf die Knochen seziert komplett neu einzuspielen. Doch so einfach war das Ummodeln der Originale auf rein akustische Versionen dann wohl doch nicht. Zu Beginn klang alles nur nach einem „Gitarrenriff ohne Eier“, wie uns Wirtz vor kurzem im Interview verriet (das ihr übrigens hier nachlesen könnt). Erst als sich Cello, Violine und vor allem Klavier hinzugesellten bekamen die Rocknummern das für sie passende filigrane Gewand. Auf Neudeutsch nennt man das „Unplugged“ und so heisst dann auch das neue Werk aus dem Hause Wirtz.

Im Interview gab er noch den Tipp das Album „am besten über Kopfhörer bei einem Glas Wein“ zu hören. Der Rezensent hat exakt das getan (sogar mehrfach) und ist dabei in eine Klangwelt aus vierzehn Songs von fast schon schmerzhafter Schönheit eingetaucht. Schließlich singt Wirtz bereits im Opener „Meinen Namen“ von tiefen Spuren, die er mit lauten Liedern ziehen wird. Laut sind die Lieder auf „Unplugged“ zwar nicht, doch die Spuren, die sie ziehen sind trotzdem tief. Was gleich zu Beginn auffällt ist, dass die Texte in der reduzierten musikalischen Umsetzung genauso unverblümt rüberkommen wie in der Begleitung von E-Gitarre, Bass und Schlagzeug. Da verhilft die Violine dem ernsten Thema in „Gebrannte Kinder“ trotz der fröhlichen Melodie zum nötigen Nachdruck.

Bemerkenswert ist auch, dass Wirtz hier und da in die Kopfstimme abdriftet und den Stücken damit eine außergewöhnliche Tiefe und Behutsamkeit verleiht. So etwa bei „Scherben“ oder „Feind in meinem Kopf“. Zusammen mit dem exzellenten Klavierspiel von Tom Schlüter macht er nicht nur „Sag es“ zu einem hochemotionalen Meisterwerk. Selbst aus den schon im Original eher leisen „Hier“ und „Nada Brahma“ quetscht er noch eine Schippe Seele mehr heraus ohne dabei eine Sekunde angestrengt zu wirken. Viele der sonst vollfetten Rocker sind kaum wiederzuerkennen und man vergisst fast wie „Ne Weile her“, „Heute weiss ich“ oder „Keine Angst“ ursprünglich klingen. Wobei Wirtz seine Lust am Lautsein auch auf „Unplugged“ nicht ganz verleugnen kann. Besonders „Frei“ und „Meilenweit“ spüren in der Neuinterpretation die gewohnte Nähe zum Gaspedal. Den krönenden Abschluss bildet das beschwingte „Mon Amour“, in dem er sich mit den Worten verabschiedet: „Hier und jetzt endet die Geschichte. Die Story war so schlecht, dass ich auf den zweiten Teil verzichte“.

Bloß nicht! Diese 54 Minuten Wirtz pur schreien förmlich nach einer Fortsetzung. Wer sich erstmal auf „Unplugged“ eingelassen hat, der wird es so schnell nicht wieder aus der Hand legen. Normalerweise sind vierzehn Songs für ein Album mindestens drei zuviel, doch hiervon kann man nicht genug bekommen. Die nächste Gelegenheit dazu bietet sich auf der anstehenden Tour, die bereits zu weiten Teilen ausverkauft ist. Solltet ihr ein Ticket für eines der insgesamt elf Konzerte ergattert haben, dann vergesst nicht eure Gänsehaut einzupacken. Ihr werdet sie brauchen!

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